Warum die Grünen nicht glücklich machen

Wer einen gut lesbaren Überblick über den gegenwärtigen Stand der Glücksforschung sucht, wird möglicherweise mit dem Buch „Die Glückshypothese – Was und wirklich glücklich macht“ von Jonathan Haidt glücklich.
Haidt versucht, moderne Erkenntnisse der Glücksforschung und Weisheiten alter Kulturen in einer gemeinsamen Glücksformel zu vereinigen. Dabei muss man dazu sagen, dass die Auswahl alter Weisheit etwas eng geraten ist, aber interessant sind vor allem seine Informationen zur Forschung. Und obwohl er sich als „liberal“ bezeichnet, drängt ihn sein Forschungsgebiet weit ins Lager der Konservativen – viel weiter, als es ihm selbst bewusst zu sein scheint. Glücklich sind nämlich Menschen, die verheiratet sind, Kinder haben, zu einer Religionsgemeinschaft gehören und in einer Gesellschaft mit klaren moralischen Maßstäben leben.
Gerade die Faktoren „verheiratet“ und „religiös“ sind so mächtig, dass viele andere, kleinere Faktoren sie nicht aufwiegen können. Zur Veranschaulichung konstruierte er zwei Leben, die er folgendermaßen beschreibt:

„Bob oder Mary?
Bob ist 35 Jahre alt, Single, weiß, attraktiv und sportlich. Er verdient 100.000 Dollar im Jahr und lebt im sonnigen Südkalifornien. Er ist ausgesprochen intellektuell, in seiner Freizeit liest er und geht in Museen.
Mary lebt mir ihrem Mann im öfter verschneiten Buffalo (New York), sie verdienen zusammen 40.000 Dollar im Jahr. Mary ist 65 Jahre alt, schwarz, übergewichtig und schlicht in ihrer Erscheinung. Sie ist sehr gesellig und verbringt ihre Freizeit meist bei kirchlichen Veranstaltungen. Wegen Nierenproblemen muss sie zur Dialyse.“

Wer von beiden ist glücklicher? Bob hat vieles erreicht, wovon andere träumen und was tatsächlich das Leben ein bisschen bereichern kann, während Mary ein Leben führt, mit dem die meisten kaum tauschen möchten. Wer ist wohl glücklicher?
Haidt schreibt: „[…] wenn Sie wetten müssten, sollten Sie wetten, dass Mary glücklicher ist als Bob!“ (S. 125)

Reichtum und Kultur machen erstaunlich wenig glücklich, feste Beziehungen aber durchaus. Und „fest“ ist hier völlig ernst gemeint. Es kommt nicht auf die Anzahl der Kontakte an, sondern darauf, dass es sich um feste, verbindliche Beziehungen.

Aber nicht nur die Beziehungen sind entscheidend, sondern auch der Bezug zu dem Größeren oder zur „Transzendenz“. Haidt versteht sich als Atheist und versucht, Religion auf einem sehr bescheidenen Level in seinem Leben einzurichten: er zieht sich die Schuhe vor der Tür aus. Denn das machen auch die Inder, um reine und unreine Bereiche zu unterscheiden. Ich bezweifel ernsthaft, dass er über diesen Weg sein Verhältnis zu etwas „Größerem“ verbessert, aber das Thema scheint bei ihm auch noch nicht ganz fertig zu sein.

Haidt entwickelt am Ende des Buches ein Glücksmodell, dass sich sehr an dem Ansatz von Csikszentmihalyi und seiner Beschreibung eines „Flows“ orientiert. Ein „Flow“ ist der Zustand, den wir beim Arbeiten haben, wenn wir alles um uns herum vergessen und in unserer Arbeit aufgehen.
Haidt erkennt aber, dass es zu diesem Flow nur kommt, wenn die stabilen Beziehungen zu anderen Menschen und zu Gott bereits gegeben sind. Wer um Beziehungen bangen muss und mit Existenzfragen kämpft, wird schwerer seinen Flow erreichen. Er ist daher eher ein punktuelles Ereignis, das Auskunft über den allgemeinen Glückszustand geben kann.

Wer sich diese Ergebnisse ansieht, stellt fest, dass die Grünen wirklich alles falsch gemacht haben: Sie kämpfen gegen die traditionelle Ehe und alle familiären Bindungen und wollen sie durch Wahlbeziehungen in völliger Freiheit ersetzen. Keine Familie, keine Bindungen, keine Transzendenz – zumindest sofern sie nicht ausschließlich dem eigenen Wohlbefinden dient.
Stattdessen legen Sie großen Wert auf Ernährung und Sport, was nicht schlecht ist dem persönlichen Glück aber vergleichsweise wenig bringt.

Umfragen unter Jungendlichen der letzten Jahre zeigen immer deutlicher, dass die Grünen mit ihrer Weltanschauung altern, denn Jugendliche wollen Familien haben, Frauen übernehmen wieder häufiger den Nachnamen des Mannes und möchten Kinder erziehen – und nicht nur in die Welt setzen.

Es könnte noch eine Weile dauern, bis die Folgen dieser Erkenntnisse auch in ihrer politischen Tragweite durchsickern. Aber auch wenn die Grünen im bürgerlichen Milieu längst zum Mainstream geworden sind und kein Journalist derzeit auf die Idee zu kommen scheint, wird das Schicksal ihrer Partei in den nächsten Jahren davon abhängen, ob die Menschen lieber hip oder glücklich sind.

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