Das Problem der nichtreduzierbaren Komplexität

Das Konzept der nichtreduzierbaren Komplexität wurde von Michael Behe formuliert und ist unter Kreationisten und Anhängern des Intelligent Designs ein beliebtes Argument gegen die Evolution. Der Kerngedanke ist einfach, dass es Strukturen gibt, die aus mehreren Funktionseinheiten bestehen, die erst im Zusammenspiel funktionieren. Ein beliebtes Beispiel hierfür ist der Bombardierkäfer, der zwei Substanzen durch eine dritte zur Explosion bringt, um Angreifer abzuschrecken. Jede Substanz für sich ist wirkungslos, auch die Drüsen, die erforderlich sind, die Substanzen über einen Kanal in einen gepanzerten Raum zu spritzen, in der sie explodieren. Das System funktioniert nur, wenn alle drei Substanzen produziert und gezielt zusammen geführt werden können, wenn es einen ausreichend stabilen Raum für die Explosion gibt und die Fähigkeit, die Substanz auch in die richtige Richtung zu spritzen. Die einzelnen Teile sind also nicht nur nutzlos sondern auch nicht ganz ungefährlich für den Käfer. Evolutionsforscher haben an diesem Käfer keine große Freude, aber ist er wirklich ein Beispiel für nichtreduzierbare Komplexität? Und wenn ja, wie könnte man sie überhaupt nachweisen?

Das größte Problem dieses Argumentes besteht darin, dass es mit etwas argumentiert, was man nicht sehen kann. Also weil es keinen Nutzen hat – weil man keinen Nutzen erkennen und vielleicht auch nur schwer vorstellen kann – kann es nicht durch natürliche Zuchtwahl entstanden sein. Im Gegenzug fordern Anhänger der Evolutionstheorie auf zu beweisen, dass es unter den damaligen Umständen nicht möglich war, die einzelnen Elemente des Systems als Vorzüge zu erklären. Teilweise gibt es auch Erklärungsansätze dafür, wie eben doch einzelne der verwendeten Substanzen (oder in anderen Fällen eben andere Elemente) einen eigenen Nutzen gehabt haben können, und damit ist im Wesentlichen die Schwäche des Konzeptes der nichtreduzierbaren Komplexität aufgezeigt: man kann nicht etwas durch das Nichtvorhandensein einer Erklärung beweisen.

Darüber hinaus enthält ein Argument, das auf NK verweist, auch ein theologisches Problem: wenn man den Begriff streng auslegt, widerspricht er nicht nur der Evolution, also der Entwicklung durch natürliche Zuchtwahl, sondern überhaupt jeder Erklärung – zumindest jeder natürlichen. Sie ist daher ein Schnellschuss von einer Beobachtung zum Gottesbeweis. Da in der Bibel die Zeit hier auf der Erde eine Zeit ist, in der wir vom Glauben leben und nicht vom Schauen – das wird ausdrücklich für den Himmel aufgehoben – kann es keine Gottesbeweise geben.

Das schließt aber nicht aus, eine bestehende atheistische Theorie zu widerlegen – wohl wissend, dass wir damit keinen Gottesbeweis haben und die Atheisten vermutlich mit nichts weiter beschäftigt sein werden, als in den Trümmern ihrer Theorie nach brauchbarem Material für das nächste Gebäude zu suchen.

Eine wirkungsvolle Widerlegung könnte so aussehen: das Problem ist nicht der fehlende Nutzen eines bestimmten Elementes, sondern gerade der bekannte Nutzen! In der Natur wird jeder Nutzen durch Zuchtwahl optimiert und gerade dadurch vorhersagbar. Biologen können in sehr vielen Fällen zuverlässig voraussagen, wie sich eine Population ändert, wenn man bestimmte Einflüsse der Umwelt ändert. Und genau darin besteht der Ansatz, um die Evolution zu widerlegen: wenn eine Vorform für die spätere Struktur, ein späteres Organ oder eine spätere Fähigkeit bekannt oder vermutet wird, lässt sich auch seine Entwicklung bestimmen, gerade weil man den Nutzen zuverlässig bestimmen kann. Wenn es keinen Nutzen hat, geht die Änderung in den meisten Fällen ohnehin verloren, zumindest wenn sie mit einen gewissen Aufwand für den Organismus bedeutet und nicht einfach nur als totes Zahlenmaterial im Genpool mitgeschleppt wird.

Wenn z.B. eine Vorstufe des Bombardiersystems im o.g. Fall darin besteht, dass zunächst eine der drei Substanzen produziert wird, besteht der Nutzen darin, dem Käfer einen ekligen Geschmack zu verleihen. Wenn die optimierte Form dieses Nutzens nicht in das spätere System passt, ist das System nicht mehr mit natürlicher Selektion erklärbar. Tatsächlich kennen wir Tiere, die sich durch bestimmte Substanzen ungenießbar machen. Die Optimierung dieses Nutzens besteht offensichtlich aber nicht darin, diese Substanz im Inneren des Körpers in einem getrennten Hohlraum zu spritzen, sondern gut zugänglich an der Oberfläche verteilen zu können.

Dass sowohl Anhängern der Evolutionstheorie als auch Kreationisten diese Schwäche bisher nicht aufgefallen ist, mag daran liegen, dass man sich zu leicht von dem Nutzen des fertigen Konzeptes blenden lässt. Aber die Evolution kennt keine Ziele und hat keine Pläne. So nützlich es auch sein mag, am Ende an Land gehen, fliegen oder eben seine Feinde bombardieren zu können, so sehr muss man konsequent davon ausgehen, dass Natur in der Evolutionstheorie völlig blind arbeitet und sich von solchen faszinierenden Möglichkeiten in der Zukunft nicht beeindrucken lässt. Wenn wir also einen bestimmten Stand haben, hilft es nicht weiter zu überlegen, welche Zwischenformen wir uns vorstellen könnten, sondern wir müssen jede Zwischenform in ihrer optimierten Version betrachten und überlegen, ob sie noch zu der zu erklärenden Struktur passt.

Ein anderes beliebtes Beispiel sind die Vogelfedern. Eine Vorform der Feder könnte natürlich den Nutzen haben, das Tier zu wärmen, Plankton zu fischen oder um für Feinde stachelig zu werden.

Damit hätte man verschiedene Vorformen der Feder erklärt, weil sie eine Vorteil für das Tier darstellten. Tatsächlich bereiten aber genau diese Vorteile das Problem, weil wir gerade durch den Nutzen die Entwicklung vorhersagen können: eine Feder, die den Organismus wärmen oder vor Sonneneinstrahlung schützen kann, entwickelt sich zu einer Feder wie beim Pinguin oder Strauß oder bei anderen Laufvögeln. Eine Feder, die zum Fischen geeignet ist, wird eher Ähnlichkeiten mit den Barten eines Wales entwickeln, weil sie auf diesen Nutzen hin optimiert wird. D.h. sobald ein Nutzen vorliegt, kennen wir die Entwicklung zu seiner Optimierung. Und wenn diese zum vermeintlich späteren Organ nicht passt, ist es nicht durch natürliche Selektion erklärbar.

Diese Art der Argumentation ist vorsichtiger als der Hinweis auf vermeintlich nichtreduzierbare Komplexität, und sie stützt sich nicht auf das Nichtvorhandensein von Erklärungen sondern auf bestehende Erklärungen. Sie geht von Beobachtungen an lebenden Tieren aus, argumentiert konsequent aus der Sicht der Evolutionstheorie und bietet gerade daher die Möglichkeit, zum ersten Mal nicht nur die Unwahrscheinlichkeit sondern die Unmöglichkeit eines vermeintlich evolutiven Entwicklungsschritt auf zu zeigen.

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