Wenn Freiheit für die Süddeutsche Zeitung zum Problem wird

Am 28.10.2012 schrieb Franziska Brüning (wie gesagt, es sind immer Frauen, die mit diesem Thema betraut werden) einen Artikel über Freikirchen und die Schwierigkeiten, zu definieren, was „evangelisch“ eigentlich bedeutet, weil es nicht die eine evangelische Kirche gibt sondern vielmehr jeder Gläubige die Bibel lesen kann und soll und die Interpretationshoheit nicht mehr der Kirche obliegt. Diese Freiheit gehe auf Luther zurück und sei „nicht unproblematisch“. Vermutlich weiß Frau Brüning als gut informierte Journalistin eigentlich, dass nicht Luther das private Bibellesen gefördert hat, sondern der Pietismus, auch wenn eine deutschsprachige Übersetzung dafür natürlich notwendig war.

Dass wirklich die Auslegung der Bibel wieder hoheitlich festgelegt werden sollte, wird Frau Brüning wohl kaum ernsthaft und laut fordern. Sie will ja nur, dass sich die Richtung durchsetzt, die ihr am besten gefällt. Warum interssiert sie sich eigentlich als Nicht-Christ dafür (mal ganz davon abgesehen, was es sie überhaut angeht…)?

Ein Christentum, dass im wesentlichen politisch korrekt ist, erlaubt es ihr, gleichzeitig für die Religionsfreiheit zu sein und es nach ihren politischen ethischen Maßstäben zu richten. Nicht-Christen haben also durchaus ein Interesse daran, dass sich eine Religion in ihrem Sinne entwickelt, das darf man bei den atheistischen Einmischungen nicht übersehen.

Sie kann aber nicht einfach ihren politischen nicht-christlichen Maßstab offen als Richtschnur an das Christentum anlegen – indirekt urteilt sie durch Vokabeln wie „Sekte“ (wobei immer gestritten wird, wer sich von wem abgespalten hat), „Homophobie“ (ich kenne viele, die homosexuelle Praktiken für Sünde halten aber deswegen noch lange keine „Angst“ vor Homosexuellen haben) und „Fundamentalismus“.

Statt offen zu urteilen, bringt sie neben ihrer Schulhofrhetorik noch eine Argumentationstechnik, die sich in Kulturkämpfen leider bewährt hat: man sagt nicht direkt wofür oder wogegen man ist, sondern stellt die Lage erst mal so dar, als gebe es ja eigentlich gar keine richtige Klarheit, was beim Leser das Gefühl weckt, hier müsse mal jemand für Klarheit sorgen. Genau dieses Gefühl möchte auch Frau Brüning offenbar wecken, denn ihr Artikel endet mit der oben zitierten Skepsis gegenüber der evanglischen Freiheit.

Dieses Argumentationsmuster gab es schon in der Abtreibungsdebatte (eigentlich wisse man ja gar nicht richtig, was ein Mensch überhaupt ist bzw. ab wann – deswegen nehmen wir einfach mal den 3. Monat).

Aber gibt es diesen Interpretationsbedarf wirklich? Und falls ja, wären  Nicht-Christen besonders gut zur Klärung geeignet? Die Antwort auf die zweite Frage lautet: Natürlich nicht. Der Grund ist erstens, weil sie nicht neutral sind, sondern tatsächlich sehr starke psychologische und politische Gründe für ihre Sicht des Christentums haben. Zweitens haben sie in der Regel einfach keine Ahnung vom Thema – weder von Bibelauslegung, noch von Kirchengeschichte und nur rudimentär von der tatsächlichen Situation in den christlichen Kirchen.

Z.B. hätte Frau Brüning mit wenig Aufwand heraus finden können, dass es  z.B. die evanglische Allianz gibt, in der durchaus ein Kanon gemeinsamer Glaubensgrundlagen bekannt wird, u.a. „zur göttlichen Inspiration der Heiligen Schrift, ihrer völligen Zuverlässigkeit und höchsten Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung“.

Wenn Sie sich mit den Bekenntnissen beschäftigt hätte – der Auslöser war ein umstrittener Artikel der SZ über das Bekenntnis mancher Lehrer an einer evangelischen Bekenntnisschule, was Frau Brüning offenbar nicht dazu veranlasst hat, sich diese Bekenntnisse auch nur mal anzusehen! – wäre ihr auch eine verblüffende Ähnlichkeit auch in unterschiedlichen evangelischen Konfessionen aufgefallen, eine Ähnlichkeit die ihr freilich überhaupt nicht recht sein kann. Für eine Zeitung, die sich nicht völlig der Lächerlichkeit preisgeben will, wäre es in Zukunft vielleicht kein schlechter Standard, etwas über die  Themen zu lesen über die man schreiben möchte. Oft verflüchtigt sich dann auch die Schulhofrhetorik von ganz allein…

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