Kann das Christentum Privatsache sein?

Schon C.S. Lewis schrieb in seinem Essay über „Gliedschaft“ (mir liegt nur die deutsche Übersetzung vor), dass die Ansicht, Religion solle sich auf den privaten Bereich zurück ziehen, „paradox, gefährlich und natürlich“ sei. Schon damals (in den spätern 50er und 60er Jahren) bedeutete diese Forderung für ihn, die Religion „ans Ende des Regenbogen“ zu verbannen. Denn während die Öffentlichkeit behauptet, die Religion sei etwas für Menschen wenn sie allein sind, füge sie mit unterdrückter Stimme hinzu: „Und ich werde dafür sorgen, dass du niemals allein sein wirst.“

Die Situation hat sich seitdem verschärft. Vieles, was Lewis noch als Drohung für die Zukunft befürchtet hat, ist Wirklichkeit geworden. Das Familienleben ist für Kinder heute ab de 3. Monat vorbei, dann kommt die öffentliche Hand und übernimmt Erziehung und Prägung. Damit auch keine „Cliquen“ also feste und abgeschlossene Freundeskreise entstehen, sprechen Lehrer darüber, wie wichtig es ist, immer für alle und jeden offen zu sein. Auf diese Weise nimmt man Kindern und Jugendlichen aber jede Möglichkeit, in einem geschützten Bereich über die Welt zu philosphieren und eigene Weltanschauungen neben der veröffentlichten Meinung zu entwickeln. Stattdessen werden die Kinder wohlmeinend ständig gefördert und schulisch so vollkommen verplant, dass an intensive Freundschaftspflege überhaupt nicht mehr zu denken ist. Im Studium geht es genau so weiter – woran sich die Studenten, die in der Schule nichts anderes kennen gelernt haben, auch nicht weiter stören: es gibt keine Zeit, um im privaten Kreis ewig und ganze Nächte hindurch zu diskutieren, weil jeder mit der Vorbereitungn auf Prüfungen beschäftigt ist. Aller Input kommt ausschließlich von den öffentlich anerkannten Autoritäten der Universität. Die Freizeit benötigt man dann dringend, um noch etwas gemeinsam Sport zu machen, zu feiern oder sich in Beziehungen zu stürzen. Gemeinsamer Sex und Sport sind der Öffentlichkeit unverdächtig. Gefährlich sind ganz normale Freundschaften, die über lange Zeit bestehen und dazu dienen, die Welt aufzurollen – ohne Störungen von außen! Dieser private Bereich ist der Öffentlichkeit nicht nur suspekt, sie hat dafür gesorgt, dass er verachtet wird. „Stammtischparolen“, dieses Wort hat man für politische Äußerungen im Privaten geprägt. Der Begriff kritisiert nicht den Konsum von Alkohol, und auch nicht das unbedachte Äußern politischer Meinungen – das dürfen Journalisten ja auch ständig – sondern die politische Debatte im Privaten! Das Private gilt als primitiv, der gebildete Mensch erhält sein Lob von der Öffentlichkeit nur dann, wenn er seine Meinung auch nur als braver Zuhörer der Öffentlichkeit bildet.

Damit sind wir schon bei der Privatheit der Erwachsenen angekommen: sie sind vom Beruf eingespannt, und wo früher Frauen am Sandkasten über Familien und die Welt sprachen, verdienen sie heute Geld und sind abends oft zu müde, um sich überhaupt noch mit Freundinnen zu treffen. Die Kinder werden noch schnell von der Kita abgeholt und ins Bett gebracht.

Wenn man dann abends erschöpft alleine oder gemeinsam alleine im Wohnzimmer hängt, sieht man fern (öffentliche Meinung) oder geht ins Internet (meistens öffentlich zumindest aber unter dern zunehmenden Kontrolle öffentlicher Stellen und im Übrigen sehr einfach zu kontrollieren!), man hört Musik oder liest Zeitungen oder Bücher, also wiederum Veröffentlichungen.

Wann genau kommt jetzt der Zeitpunkt, wo der religiöse Mensch religiös sein darf? Der Abend wäre vermutlich der richtige Zeitraum. Allerdings kann er nicht mehr mit anderen darüber sprechen (auch die Hausbibelkreise der Evangelikalen sind längst Gegenstand öffentlicher Kritik geworden), er kann im Idealfall d.h. gemäß der öffentlichen Meinung auch keine christlichen Bücher lesen (religiöse Veröffentlichungen sind ja gerade nicht erwünscht) und bleibt mit seiner Bibel allein. Gottesdienste werden dem Christen zwar nicht verboten, wohl aber die Äußerung zu politischen Themen. Ein Prediger darf also nur über den subjektiven Teil der Religion, also mit Vorliebe über Gefühle predigen, ein bisschen Ermutigung, ein bisschen Freiheit, das wars. Ausnahme sind politische Äußerungen, die öffentlich abgesegnet werden.

Die Religionsfreiheit wird mit der Forderung, sich zur Privatangelegenheit zu erklären, auf ein Gebiet verwiesen, das fast verschwunden ist. Religion soll allein, ohne Austausch, ohne gegenseitige Ermutigung und Ermahnung stattfinden, in den Gedanken, in der Stille, wohlwissend während gleich mehrere Industriezweige mit nichts anderem beschäftigt sind genau diese letzten Zeiten der Stille zu durchlöchern und unzählige Ablenkungen immer in Griffweite zu positionieren.

Die Behauptung, Religionsfreiheit dürfe nur Privatsache sei, ist aber nicht nur deswegen nicht zu befolgen, weil das Private zunehmend verschwindet, sondern auch, weil das Christentum eine Religion ist, die von Gemeinschaft lebt. Jesus sagt: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte“ (Mtt 18, 20). Ein Christentum ohne Gemeinschaft kann es daher nicht geben. Wer von Christen fordert, sich in die Einsamkeit zurück zu ziehen, nimmt ihnen die Verheißung, dass Jesus direkt in ihrer Mitte ist. Es ist daher Aufgabe der Kirche, über diesen Schutzraum zu wachen, in dem frei und unbefangen über Gottes Wort gesprochen werden darf. Und wenn die Hölle am Eingang tobt, sollte uns das nicht verunsichern – was bleibt ihr anderes übrig?

Es ist aber nicht nur Aufgabe der Kirche, sondern auch der Familien, Gespräche über Politik und Gesellschaft zu führen und sich bewusst Zeit für solche innerfamiliären Diskussionen zu nehmen.

Und zuletzt (also nach Familie und Kirche!)  ist es wichtig, Freundschaften zu pflegen, die durchaus abgeschlossen sein dürfen, d.h. zu denen sich nicht jeder eingeladen fühlt. Ein Gespräch unter Freunden ist etwas völlig anderes als ein Gespräch auf einer Party. Man hat Zeit – auch über viele Jahre hinweg ! – die immer gleichen Themen zu vertiefen. Solche Zeiten, bzw. solche Schutzräume sind selten geworden. Da sie weder durch natürliche noch gesellschaftliche Triebe von selbst entstehen, gehören sie zu den Beziehungen, die bewusst gesucht und gepflegt werden müssen.

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