Wie werden heute Kinder erzogen?

Im letzten Beitrag habe ich behauptet, dass die Frage, wer für die Kindererziehung zuständig ist, nicht beantwortet ist. In diesem Beitrag möchte ich versuchen, aufgrund persönlicher Beobachtungen und Fragen ein vorsichtiges Bild davon zu entwickeln, wie Erziehung heute tatsächlich funktioniert.

Natürlich gibt es noch das ganze Repertoire an klassischen Erziehungsmitteln, wie Fernseh- oder Computerspiele-Verbot, oder kleinen Kindern werden Dinge weggenommen, wenn sie nicht ordentlich damit umgehen… Diese für das Kind etwas nervigen aber vergleichsweise harmlosen Erziehungsmittel werden oft durch stärkere ergänzt. Nun stehen sowohl Eltern als auch Kita-Mitarbeiter und Lehrer vor dem Dilemma, dass eigentlich jede Form von Herrschaftsausübung über die Kinder (denn genau das Bedeutet es „Gewalt“ auszuüben, also jemanden zu über-wältigen) verpönt ist, andererseits alle darunter leiden, wenn es niemand tut. Die Eltern haben eigentlich lt. Artikel 6 des Grundgesetzes den Erziehungsauftrag. Allerdings wird dort nicht ausgeführt, welche Erziehungsmittel ihnen dafür zu Verfügung stehen. Jede Form von Gewalt sollen sie vermeiden, d.h. es bleiben eigentlich nur noch Loben, Belohnen und bei besonders schweren Fällen Betteln. „Ermahnen“ und „Gebote“ werden zwar teilweise auch noch in den Kanon der „positiven Erziehungsmittel“ aufgenommen, aber wenn eine Ermahnung und die Übertretungn der Gebote keine Konsequenzen hat, durchschauen Kinder das ziemlich schnell.

Schulen haben es da erheblich besser. Sie stellen professionelle Erzieher, die auf dem neuesten Stand der pädagogischen Forschung aus- und weitergebildet und daher im Gegensatz zu Eltern über jeden Verdacht erhaben sind. Sie können ganz entspannt bestrafen, ohne dass sich jemand daran stört: Sonderaufgaben, Klassenbucheinträge, Nachsitzen, Ausschluss vom Unterricht oder notfalls auch von der Schule – oder gleich von allen Schulen, je nach schwere der Verstöße (wobei man im Gespräch mit Lehrern natürlich immer sofort merkt, dass die eigentlich Schuldigen am Fehlverhalten der Schüler die Eltern sind, die in der Erziehung versagt haben…).

Diese Situation ist allerdings im Umbruch begriffen, denn zusätzlich entwickelt sich ein neues Erziehungsmittel, dass immer beliebter zu werden scheint: der provozierte Gruppendruck. Der Trick besteht darin, die Gruppe zur Ächtung eines bestimmten Verhaltens zu mobilisieren und den Schuldigen mehr oder weniger schutzlos der Gruppe auszuliefern -um dann gegebenenfalls noch als Beschützer einzugreifen, wenn die Gruppe zu weit geht. Diese Methode nennt man in Familien „Liebsentzug“. Weil eine Mutter die wichtigste Bezugsperson für ihre Kinder ist und der Verlust ihrer Liebe für ein Kind existentielle Ängste auslöst, steht sie für mehr als die ganze Gesellschaft. Ein Kind, dass sich von seiner Mutter verlassen fühlt, ist wirklich allein. Das perfide an dieser Strafe ist, dass sie scheinbar gewaltfrei ist, also frei von herrschaftlichem Erziehungsverhalten, tatsächlich aber stillschweigend den Umstand nutzt, dass die Herrschaft der Mutter über das Kind selbstverständlich besteht, lange bevor sie straft. Der bloße Umstand, dass das Kind hilflos ist, macht es zum Untergebenen; nicht erst die Erziehung oder eine bestimmte Weltanschauung. Wer seine Kinder durch Liebesentzug bestraft, wendet daher das schlimmste Erziehungsmittel an und verursacht Wunden, die nicht mehr heilen, sondern im schlimmsten Fall eine lebenslange Bindungsangst auslösen kann.

Auf diesen Verlustängsten wird dann im Kindergarten aufgebaut: Kinder, die sich nicht benehmen, werden beim Essen von den anderen getrennt und bekommen die gar nicht subtile Botschaft vermittelt: wer nicht gehorcht, wird von der Gruppe gemieden. Über weite Teile des Tages besteht die Erziehung dann allerdings darin, dass direkt und ausschließlich die Gruppe sich um die Erziehung der Einzelnen kümmert. Die stereotype Erklärung der Erzieher „Kinder machen das unter sich aus“ trifft dann leider zu und zwar auf Kosten der schwächeren. Die Erzieher haben dann zwar einen entspannten Tag, aber die Eltern wundern sich manchmal, weshalb die Kinder Angst haben, in den Kindergarten zu gehen. Wenn Eltern nicht klug genug diese Zustände durchschauen, kann es für ein Kind ratsam sein, sich selbst rechtzeitig irgendwelchen älteren Jungs unterzuordnen oder gleich eigene Banden um sich zu scharen, die man mit verblüffend grausamen Mitteln an sich zu binden weiß.

Nach dieser eindrücklichen Lernerfahrung geht es dann in der Schule genau so weiter. Immer häufiger werden Strafen nämlich nicht mehr an die Schuldigen vergeben, sondern an die Gruppe! Immer häufiger höre ich von Schülern die Klagen, dass die ganze Klasse nachsitzen musste, weil zwei Schüler zu laut waren. Oder eine Lehrerin hatte die Angewohnheit, so fest auf Klanghölzer zu schlagen, dass es den Schülern in den Ohren wehtat, also auch denen, die ruhig waren. Die Wirkung solcher Methoden besteht darin, den Druck der Gruppe auf die einzelnen Übeltäter zu erhöhen und ihr damit die eigentliche Erziehung zu überlassen. Übrigens ist in diesem Zusammenhang auch ein Argument für die Gesamtschulen interessant, von denen man sich nämlich verspricht, dass die Schüler aus „bildungsfernen“ Familien von den den Schülern aus „bildungsnahen“ Familien lernen können. In der Praxis bedeutet das, es gibt Gruppen mit unterschiedlichem Vokabular, wobei die einen die anderen verachten und die Lehrer hoffen, dass der Einfluss der bürgerlichen Kinder auf die Kinder aus „bildungsfernen Familien“ stärker ist als umgekehrt. Der Stress, der dadurch zwischen den Gruppen entsteht, ist exakt der Stress, den die Lehrer sich nicht mehr aufbürden, der aber eigentlich zu ihrem Auftrag gehört. Ob das Ergebnis wie gewünscht ausfällt weiß ich nicht, aber es spielt keine Rolle, weil man dafür Kindern die Aufgabe der Erziehung anderer Kinder bewusst zugeschoben hat.

Wenn die Schüler mit diesen Erfahrungen auf die Uni kommen, können sie alles anwenden, was sie in ihrem Leben über Erziehung gelernt haben: Meinungen, die ihnen nicht gefallen, werden vor allem durch Aufmärsche, Massenveranstaltungen etc. unterdrückt, wohlwissend, dass niemand mehr wagt, für die falsche Position wissenschaftliche Argumente zu bringen, wenn die höchste Sorge um das höchste Heil in der Zugehörigkeit zur Gruppe besteht. Als Erwachsene werden sie (diesmal angeleitet von Politikern) an Demonstrationen teilnehmen und gerne auch mal kontrollierte Gewalt an den Tag legen. Sie haben gelernt, als Gruppe zu denken, als Gruppe zu entscheiden und als Gruppe zu bestrafen – und vor allem haben sie gelernt dass man keinen größeren Fehler begehen kann, als den Zorn der Gruppe auf sich zu ziehen.

Ist diese Form der Erziehung wirklich herrschaftsfrei? Ja, leider. Herrschaft bedeutet nämlich Verantwortung vor Gott, der allein alle Herrschaft innehat und der damit das Vorbild jeder Vaterschaft ist. Herrschaft bedeutet, dass jemand über mich bestimmen darf, aber dabei von einem Größeren eingesetzt und diesem gegenüber verpflichtet ist. Im Gegensatz zu dem Model einer Herrschaft, in der jemand herrschen darf, gibt es das Modell, in dem jemand herrschen kann – weil er stärker ist. In diesem Fall gibt es keine offizielle Legitimation zum Herrschen und daher auch keine Verantwortung Gott gegenüber.

Um es kurz zu sagen: Kinder werden heute immer weniger von denen erzogen, die herrschen dürfen (nämlich den Eltern), und immer mehr von denen, die es können.

 

 

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