Wie analysiert man Umfragen?

Jörg Schönenborn ist für die Analysen der tagesschau-Umfragen zuständig. Braucht man eigentlich Analysen für eine Umfrage? Ja, wenn sie kompliziert ist und eventuell sogar statistische Algorithmen für die Auswertung erfodern. Nein, wenn sie so simpel sind, wie bei der tagesschau üblich.

Trotzdem hat man sich bei der tagesschau dafür entschieden, den Bürger nicht mit den Grafiken allein zu lassen. Stellen Sie sich vor, was passieren könnte, wenn man einfach unkommentiert berichten würde, dass eine Mehrheit mit der Regierung unter Angela Merkel zufrieden ist. Damit daraus niemand falsche Schlüsse zieht, bedarf es also einer „Analyse“, und die funktioniert so:

Das Ziel besteht darin, einen inneren Konflikt im Bürger heraus zu arbeiten, der demonstriert, dass die Befragten unlogisch in ihrem Antwortverhalten sind. Zweitens wird eine Erklärung präsentiert, die zeigt, dass die politisch unerwünschten Antworten letztlich auf schlechte Motive zurück zu führen sind, z.B. Menschenhörigkeit, Geldgier oder gar pure Dummheit.

Mit diesen beiden Werkzeugen wird jetzt die Umfrage so analysiert, bis sie beweist, das die Mehrheit offensichtlich für rot-grün ist oder – falls nicht – dumm und böse.

Heute kommt Herr Schönenborn zu dem Ergebnis, dass die Deutschen trotz der Drohnen-Affäre und ihrer Ablehnung des Betreuungsgeldes Angela Merkel gut finden (unlogisch), weil es ihnen wirtschaftlich gut geht (Geldgier). Leider ist unserem politischen Umfragen-Kommentator nicht aufgefallen, dass es bei allen wichtigen Themen um Geld ging: durch Fehlentscheidungen bei der Drohnen-Bestellung wurde Geld vernichtet. Da durch die boomende Wirtschaft auch das Steueraufkommen ansteigt, kann man mit dem Verlust durch die Drohnen besser leben als mit einer Regierung, die keine defekte Drohnen bestellt aber die Wirtschaft belastet (davon abgesehen wurden die Drohnen unter einer rot-grünen Regierung bestellt). In beiden Fällen geht es um Geld und daher ist es keineswegs unlogisch, zwischen beiden Themen abzuwägen und einem der beiden das größere Gewicht bei zu messen.

Auch das Thema Betreuungsgeld und Ausbau der Kita-Plätze ist ein rein wirtschaftliches Thema, denn es geht um die Frage, wie Geld verteilt wird: sollen vor allem Eltern mit höheren Einkommen entlastet werden (für die sich die Regelung der rot-grünen Regierung finanziell auszahlt) oder Hartz-IV-Empfänger, die mehr Geld durch das einkommensunabhängige Kindergeld erhalten?

Ein Thema, bei dem es nicht nur um Wirtschaft geht, ist die Aussage der Kanzlerin zu den Spähaktionen der NSA. Die Mehrheit hält ihre Beteuerung, davon nichts gewusst zu haben für unehrlich. Die Frage ist allerdings, ob die Mehrheit die Aussagen der Opposition für glaubwürdig hält, davon nichts gewusst zu haben. Immerhin haben sie sich ja erst nach Snowden dazu geäußert. Der kompetente Vorwurf, als Kanzler habe man gewissen Einblicke in die Arbeit der Geheimdienste, verrät eben auch viel über das eigene Wissen. Exakt in dem Maß, in dem man der Kanzlerin Unehrlichkeit unterstellen muss, muss man sie auch der Opposition unterstellen.

Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass man die Ergebnisse der Umfragen auch mal ohne Analysen gereicht bekommt. Herr Schönenborn kann sich dann ja in der Kommentar-Ecke austoben.

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