Über die Forderung „Man muss doch mit der Zeit gehen“

Wenn man nach der Zeit gehen muss, stellen sich zwei Fragen: Woher weiß ich, was die Zeit von mir will? Was passiert, wenn man der Zeit nicht gehorcht? Oder anders gefragt: was bedeutet das „muss“?

Leider konnte mir die erste Frage noch niemand beantworten, denn wenn ich mit Leuten spreche, die mit der Zeit gehen möchten, diskutieren wir meistens über Meinungen, die gerade von den Medien forciert werden oder bereits gesellschaftlicher Konsens sind. In jedem Fall lassen sich viele konkrete Menschen benennen, die bereits die geforderte Einstellung aufweisen. Ist die Formulierung, mit der „Zeit“ zu gehen möglicherweise nur ein Euphemismus dafür, dass man Menschen gehorchen bzw. seine Ansichten deren Ansichten angleichen muss? Die „Zeit“ wäre dann nur verdeckte Redeweise für Herrschaftsstrukturen. Durch diese Formulierung wird die Scham für die eigene Ohnmacht ausgeblendet. Wenn das der Fall ist, kann man auch leicht die zweite Frage beantworten: gehorcht man nicht, sind mehr oder weniger unangenehme Konsequenzen von Menschen zu erwarten. Es sind Menschen, denen es gelungen ist, Themen mit so viel Angst zu besetzen, dass Widerspruch bedrohlich wirkt – ohne dass die Frage nach den Konsequenzen so ganz klar beantwortet ist. Lassen Sie es mich mal ganz klar sagen: die Zeit will überhaupt nichts von Ihnen.

Da das offensichtlich ist, wird die Forderung oft noch damit begründet, dass sich eine Gesellschaft entwickle, also die Entwicklung zwar in der Zeit vonstatten geht, aber letztlich irgendwelche geheimnisvollen Gesetze dafür verantwortlich sind, dass eine Gesellschaft immer besser und reifer wird. So wie eine Pflanze sich ja auch in der Zeit aber gemäß einem innewohnenden Programm entwickelt. Das klingt dann nicht so demütigend wie die Vorstellung, dass man schlichtweg aus Angst sein Denken der Öffentlichkeit anpasst. Aber je mehr man an diesem Punkt nachhakt, desto erstaunlicher werden die Antworten. Zunächst kommt der Vergleich zwischen Europa und der islamischen Welt, die angeblich „ca. 500 Jahre in der Entwicklung zurück“ sei, während Stammes-Gesellschaften in Afrika in der Entwicklung gar nicht richtig voran gekommen sind. Meinen Diskussionspartnern ist an der Stelle natürlich klar, dass sie damit gerade eine ziemlich unmoderne Weltsicht präsentieren, indem sie modern sein wollten. Sie berufen sich aber darauf, dass man ja am Islam sehen könne, dass der sich gerade dort befindet wo „wir“ im Mittelalter waren. Diese Darstellung habe ich zum ersten Mal in einem Kabarett gehört und sie für einen Witz gehalten, bis ich feststellen musste, dass offenbar wirklich viele Menschen diesen Schwachsinn glauben!

Nur aus diesem Grund möchte ich diesen Schwachsinn zunächst widerlegen: Zunächst wäre es natürlich sehr tragisch, wenn diese Entwicklung sich wiederholt, weil dann ja das 3. Reich im Islam noch bevorsteht. Nehmen wir mal an, dass Mohammed im Alter von 30 oder 40 Jahren den Koran geschrieben hat und mit der Verbreitung seiner Religion begann, dann befände sich der Islam nach christlicher Zeitrechnung jetzt recht genau im Jahre 1400, d.h. es sollte also in den nächsten Jahren die Renaissance, also eine starke Rückbesinnung auf die Antike zu bemerken sein. Anschließend können wir uns auf eine Reformation einstellen. Derzeit befände die islamische Welt sich aber im Spätmittelalter, das von einem starken Aufschwung von Kunst und Wissenschaft gekennzeichnet war – ganz im Gegensatz zur islamischen Welt.

Und die Hexenverfolgung erlebte übrigens erst im 16. Jahrhundert ihre Blüte. Jetzt wird es schwierig: wie soll man sich die Entstehung des Buchdrucks in der islamischen Welt vorstellen, der so entscheidend an der Ausbreitung der Reformtion beteiligt war? Und wie soll man sich die europäische Geschichte ohne Buchdruck vorstellen?

Die These von der Entwicklung einer Gesellschaft funktioniert also bestenfalls, wenn man ganz grob mit „mittelalterlich“ eigentlich „vieles-was-mir-nicht-gefällt“ meint. Egal welche Phase man ansieht: es gibt keine analoge Entwicklung. Und phasenweise war die islamische Welt was Kunst und Wissenschaft angeht der westlichen Welt sogar überlegen.

Interessanterweise birgt der Vergleich von islamischer und christlicher Welt bereits den Fehler im Ansatz: wenn man stillschweigend davon ausgeht, dass die Entwicklung einmal mit der Lehre Jesu und einmal mit der Lehre Mohammeds beginnt, ging es ja gerade nicht um eine organische Entwicklung, sondern um mächtige geistesgeschichtliche Einflüsse. Ich kann eher verstehen, dass Nicht-Christen in der Renaissance in die vor-christliche Zeit zurück gehen wollten. Das ist wenigstens konsequent. Aber das Christentum als Startpunkt für eine Entwicklung anzusehen, für die man dankbar ist, und der man sich sogar verpflichtet fühlt, insbesondere nicht-christlichen Ansichten das Wort zu reden (denn das zeichnet die Moderne nicht zuletzt aus), ist einfach unsinnig.

Im Dritten Reich wollte man an die vorchristliche Zeit anknüpfen, sie aber in einem technischen Zeitalter unter veränderten Vorzeichen neu entstehen lassen. Das war damals Geist der Zeit. Es war modern und viele haben sicher achselzuckend – und vielleicht seufzend – darauf verwiesen, dass man ja mit der Zeit gehen muss. Und das haben sie dann ja auch größtenteils getan.

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