„Wes der Fürst, des der Glaub“

Durch die Atombombe ist der Krieg in den Industrienationen ausgestorben. Allerdings sind die Menschen nicht besser, friedfertiger, vernünftiger oder weniger machthungrig geworden, und daher entstand offenbar der Bedarf nach neuen Formen der Aggression. In der Ukraine steht Europa möglicherweise an dem Übergang zu einer neuen Phase der Politik, denn hier wird mit genau diesen neuen Formen der Aggression experimentiert, und man findet derzeit noch alles: verlogene Absprachen, Straßenkämpfe, schräge Berichterstattung auf allen Seiten, Wirtschaftssanktionen und natürlich die Überlegungen, ob man nicht doch ein bisschen mehr auf den klassischen Krieg mit richtigen Bomben und Kampfjets setzen sollte.

Wenn der Rauch sich verzogen hat, wird vermutlich auch dem Letzten klar sein, dass Staaten, die über Atombomben verfügen, sich weder militärisch noch wirtschaftlich zu etwas zwingen können. Sanktionen können für Russland unangenehm sein, aber mehr auch nicht. Russland wird nicht bankrott gehen – zumindest nicht wegen der Sanktionen.

Die Zukunft der Ukraine hängt allein davon ab, wie die Bevölkerung entscheidet. Das einzige Mittel, das bleibt, ist der Kampf um die Hoheit über die Geister, wie man es früher mal nannte, oder um den Zeitgeist. Der Zerfall der Ukraine wird zwar von den beiden Mächten Russland auf der einen und dem neuheidnischen Westen auf der anderen Seite mit exakt gegensätzlichen Interessen verfolgt – beide wollen sich möglichst große Anteile ihres Einflussbereiches sichern. Aber entschieden wird innerhalb der Bevölkerung. Die Ukraine zerbricht nicht an der Revolution oder durch die russische oder europäische Einmischung, sondern an der Gespaltenheit in sich. Interessant und vielleicht zukunftsweisend ist hierbei die Lösung der Ukraine, eine Spaltung des Landes anzustreben. Die Ukraine wäre damit ein Beispiel, wie Grenzen durch weltanschauliche Brüche innerhalb der Bevölkerung neu gezogen werden und nicht mehr durch den Krieg zwischen Nationen oder politsche Entscheidungen. Das mag zunächst wie eine gesunde Entwicklung aussehen. Es könnte aber auch bedeuten, dass die Meinungsfreiheit dadurch eingeschränkt wird. Denn solange die Einheit eines Volkes durch die Gewalt eines Herrschers erzwungen wird, ist sie bloß äußerlich aber hält auch viele weltanschauliche Unterschiede aus. Solange nämlich eine Regierung nur genug Steuern bekommt und es keine offenen Kämpfe gibt, kann sie recht entspannt mit unterschiedlichen Ansichten umgehen. Wenn aber umgekehrt ein Volk nicht durch äußere Gewalt sondern durch seinen Glauben oder Unglauben zusammen gehalten wird, bedeutet jeder Abweichler eine Bedrohung für den Fortbestand der Nation. Nach meiner Einschätzung wird Europa in den nächsten Jahren noch mehrere solcher Neuordnungen von Nationen erleben, die von heftigen Straßenkämpfen begleitet sind – auch in Deutschland, das wie kaum ein anderes Land in Europa weltanschaulich gespalten ist. Am Ende könnte eine Landkarte stehen, die ähnlich der Karte nach dem Westfälichen Frieden klar Gebiete nach Weltanschauungen aufteilt (Cuius regio eius religio). Man kann sich dann zwar sein Gebiet aussuchen, aber innerhalb des Gebietes gibt es wenig Freiheit, seinen Glauben zu leben.

Wer die Bedeutung der Meinungshoheit verstanden hat, wird ohne Ironie Massenmedien als Teil der Kriegführung einstufen, die in direkter Linie Anteil an und Einfluss an der ganz realen und handgreiflichen Gewalt auf der Straße nehmen. Die besten Aussichten auf den Sieg  hat nicht die größte Gruppe oder die mit den besten Argumenten, sondern diejenige, die den Rückhalt der Massenmedien hat. Denn allein bei ihnen liegt die Entscheidung, ob man als Terrorist oder als Verteidiger von Recht und Ordnung eingestuft wird.

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