Hat Augustinus die Wissenschaft verboten?

Der Vorwurf, Augustinus habe mit seinem Verbot der Neugierde, auch die wissenschaftliche Neugierde stigmatisiert und behindert, taucht spätestens seit Hans Blumenbergs „Die Legitimität der Neuzeit“ immer wieder auf. Tatsächlich zeigt Blumenberg, dass er Augustinus nicht verstanden hat. Und alle, die sich auf seine Argumentation berufen, legen den Verdacht nahe, dass sie nur von Blumenberg abgeschrieben haben, ohne seine Quellen zu prüfen.

Stein des Anstoßes ist das 35. Kapitel im 10. Buch der Confessiones. Im vorangegangenen 34. Kapitel hat Augustinus sich mit der „Wollust der fleischlichen Augen“ beschäftigt und schreibt über sie: „Die Augen lieben schöne und abwechslungsreiche Formen, klare und angenehme Farben. Aber diese Dinge sollen meine Seele nicht festhalten; Gott soll sie festhalten, der sie gemacht hat. Diese Dinge sind sehr gut, aber er ist mein Gut, nicht sie.“ Eine schöne Blume darf also genossen werden, weil sie „sehr gut“ ist. Aber sie darf nicht selbst zu einem „Gut“ werden. Was heißt das? Es geht offenbar darum, dass man ihre Schönheit auf eine falsche und eine richtige Weise genießen kann. Solange Menschen die Blume als Gottes Gabe betrachten und ihn darüber loben, kann ihnen nichts passieren. Wenn die Schönheit aber die Gedanken der Menschen nicht zu Gott erhebt, bleibt die Sehnsucht, die von der Schönheit geweckt wird, ziellos und unbefriedigt. Der Mensch versucht dann, den Reiz zu verstärken, weil er nicht zu dem wahren Gut, nämlich Gott, durchdringt. Da der Mensch in einem Kreis aus erregter Lust und unbefriedigter Lust gefangen bleibt.

Im Kapitel 35. spricht Augustinus dann über eine weitere und wie er sagt „in ihrer Vielfalt noch gefährlichere Sucht“: die Neugierde. Sie bleibt nicht bei dem angenehmen Sinnenreiz stehen sondern möchte mit Reizen experimentieren, Erfahrungen machen (je nachdem, wie man das „experiendi“ übersetzt). Diese Sucht verstecke sich „unter den Namen „Erkenntnis“ und „Wissenschaft“.“ Dieser Vorwurf enthält eine klare Abgrenzung zwischen dem Streben nach Erkenntnis und der Neugier. Als Beispiel führt er Menschen an, die einen zerfetzten Leichnam untersuchen und gleichzeitig vor Grauen ergriffen zurück schrecken. Nun verdanken wir genau diesen Obduktionen tatsächlich wichtige Erkenntnisse über die Anatomie des Menschen. Augustinus spricht aber nicht vom Gegenstand, denn die Beispiele sind für ihn austauschbar, sondern von dem Grund, sich mit zerfetzten Leichen zu beschäftigen. Und er sieht – als ein Mensch, der noch die Grausamkeit der römischen Spiele ebenso kennen gelernt hat, wie die sich bis zur Sucht steigernde Faszination, die von ihnen ausging – auch in dem Wissenschaftler dieselbe Sucht nach starken Gefühlsregung um ihrer selbst willen. Auch heute kann man bei Medizinstudenten unschwer die unverhohlene Begeisterung für das „Präpen“, also das Präparieren von Leichen beobachten. Nach Augustinus kann man durchaus Kenntnisstreben und Neugier unterscheiden, also ein Medizinstudent könnte auch mit einer gesunden Scheu und Scham an dem toten Menschen arbeiten, nicht nur, weil er anderen helfen möchte, sondern auch, weil ihn der Aufbau des Körpers fasziniert. Die Faszination am Aufbau führt ihn zum Lob Gottes und in die Wissenschaft. Die Begeisterung am Horror, die jeden Präp-Kurs begleitet, führt eher zu Horrorfilmen. Augustinus beschreibt den Weg der Neugier nicht als Weg ins Labor, sondern als Weg ins (römische blutige) Theater.

Diese Gier sucht alles dunkle und verborgene, mit Vorliebe die Dinge, die der Mensch nicht erkennen kann. Ausdrücklich geißelt er das Suchen nach „nutzlosem“ Wissen. Vermutlich ist dies eine Stelle, die moderne Wissenschaftler aufhorchen lässt, weil sie „nutzlos“ vorschnell mit „wirtschaftlich verwertbar“ übersetzen. Aber dieser Gedanke spielt in dem Text überhaupt keine Rolle. Das nutzlose Wissen führt nach Augustinus auch wieder nicht in die Wissenschaft, sondern in die Magie! Statt um Nutzen geht es um Erleben.

Augustinus beschreibt also zwei Irrwege: einmal den Irrweg, die Schönheit zu genießen, ohne mit dem Herzen Gott zu danken. Dieser Irrweg führt zur Sucht nach Schönheit (moderne Beispiele sind Blümchentapeten, Animal Crowding etc.). Der zweite Irrweg erkennt vielleicht den ersten als Oberflächlichkeit und Lüge und sucht stärkere Reize. Während die Schönheit noch einen Abglanz von Gottes Herrlichkeit enthält, sind die stärkeren Reize meistens auch die hässlichen wie Angst, Panik, Ekel, Eifersucht. Der erste Irrweg führt schlimmstenfalls zur Sucht nach Kitsch, der zweite zur Sucht nach Folter, Gewaltvideos, Magie, Okkultismus und allem, was nur dunkel aussieht.

Will nun irgendjemand behaupten, dass die ersten Naturwissenschaftler der Neuzeit einem dieser beiden Wege auffällig zugeneigt waren? Oder will umgekehrt jemand behaupten, dass Gewaltvideos eine gute Vorbereitung für eine wissenschaftliche Karriere sind? Genau so albern ist der Vorwurf, Augustinus hätte mit seinem Text die Wissenschaft verhindert.

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