Spricht das Christentum Tieren eine Seele ab?

Die deutliche Unterscheidung von dem Tier als seelenloser Maschine und dem Menschen als beseeltem und daher vernünftigen Wesen, geht auf Descartes zurück und ist kein genuin biblischer Gedanke. Trotzdem hat die katholische Kirche diese Unterscheidung übernommen so wie sie schon immer gerne Anleihen bei der Philosophie genommen hat. Das große Verdienst der protestantischen Theologie bestand darin, das Christentum wieder auf die Bibel gegründet zu haben – wobei eine ausgearbeitete Theologie der Tiere und der Natur leider nicht unternommen wurde.

In der Bibel soll alles Gott loben, was Odem hat (Ps. 150,6). Seele und Atem hängen eng zusammen. Zwar hat nur Gott im Schöpfungsbericht direkt seinen Atem von Gott erhalten, aber irgendwie hat er ihn auch mit den Tieren gemeinsam. Das zeigt vielleicht, dass die trennscharfe Fassung des Begriffes keine große Rolle spielt. Gott kann sogar seinen Bund mit den Tieren schließen. Der Noahbund ist eigentlich ein Bund mit der Menschheit und der Natur. In Genesis 9, 9f sagt Gott:

„Und ich, siehe, ich richte meinen Bund mit euch auf und mit euren Nachkokmmen nach euch und mit jedem lebenden Wesen, das bei euch ist, an Vögeln, an Vieh und an allen Tieren der Erde bei euch, von allem, was aus der Arche gegangen ist, von allen Tieren der Erde.“

Alle Lebewesen können also Gott loben, alle sind Teil des Noah-Bundes und es gibt sowohl für Menschen als auch für Tiere ein Heilsversprechen – von dem aber weder alle Menschen noch alle Tiere profitieren, so wie auch nicht alle Menschen und Tiere in der Arche gerettet wurden.

In Jona 4 begründet Gott sein Erbarmen mit der gottlosen Stadt Ninive damit, dass dort so viele Menschen und auch Tiere (!) leben. Das Mitleid Gottes zeigt, dass die Tiere leidensfähig sind, und dass ihr Leid Gott etwas ausmacht.

Nach Röm 8,20 lebt die Schöpfung im Schlepptau von Fall und Erlösung des Menschen: „Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat -, doch auf Hoffnung; 21denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.“

Die Bibel kennt aber auch mindestens einen wichtigen Unterschied zwischen Mensch und Tier: Menschen dürfen Tiere töten aber sie dürfen sie nicht mit ihrer Seele/Leben/Blut essen. Andere Menschen hingegen dürfen sie überhaupt nicht töten, weil sie Gottes Ebenbild sind.

Ein weiterer Unterschied zwischen Mensch und Tier besteht darin, dass nur Menschen mit dem Auftrag ausgestattet sind, sich die Schöpfung untertan zu machen.

Ein interessantes Licht auf den Unterschied zwischen Mensch und Tier wirft auch Daniel 5. Dort wird berichtet, dass Gott den König Nebukadnezar als Strafe dafür, dass er nicht Gott die Ehre gab, aus den Menschen verstoßen hat, so dass er leben musste wie ein Tier. Er fraß Gras wie ein Rind und schien davon abgesehen nicht mehr viel zustande zu bringen. Diese Geschichte sollten sich alle durchlesen, die davon träumen, die Grenzen zwischen Mensch und Tier aufzuheben, denn der Unterschied selbst zu höheren Säugetieren wird hier sehr anschaulich.

Auch im zweiten Petrusbrief ist von Menschen die Rede, die in ihrer Bosheit in einen Zustand geraten, der sie immerhin in einer Hinsicht mit Tieren vergleichbar macht: sie werden „wie die unvernünftigen Tiere, die von Natur aus zum Gefangenwerden und Verderben geboren werden“. Tiere sind bei allem Respekt für Menschen eine leichte Beute. Und alles Lobreden über die erstaunlichen Sinnesleistungen der Tiere darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass selbst die vermeintlich so intelligenten Delfine ständig in Netze schwimmen, die noch nicht einmal für sie gedacht sind. Der Mensch muss sich also intelligente Lösungen einfallen lassen, damit Delfine geschützt sind.

Wie sollen wir also die Anfangsfrage beantworten? Die Antwort hängt davon ab, was man unter „Seele“ versteht. Wenn man damit etwas bezeichnet, was nicht-materiell ist, wird es sehr schwer, mit der Bibel zu argumentieren, denn in der Bibel haben wir auch nach dem Tod einen Leib, nur eben einen unverweslichen. Es ist also keineswegs so, dass der Leib von der Seele getrennt wird, vielmehr werden wir von einem neuen Leib wie Paulus schreibt „überkleidet“. Wenn man mit „Seele“ die Fähigkeit meint, nach dem Tod zu leben, muss es zumindest einen Teil der Tiere betreffen, die von dem Heil der Auserwählten profitieren – sonst macht es keinen Sinn, die „Hoffnung“ der Schöpfung ihrer „Vergänglichkeit“ gegenüber zu stellen. Meint man damit, dass sie Gott loben können, haben sie auf jeden Fall eine Seele – nein, sie SIND eine lebendige Seele, wie es immer formuliert wird. Versteht man unter Seele die Intelligenz des Menschen, dann müssen die Tiere sich hingegen mit einem erheblich niedrigeren Stand zufrieden geben. Meint man wiederum das Empfindungsvermögen, muss man die Frage nach der Seele wiederum bejahen, denn das Empfinden der Tiere wird in der Bibel bekannt und geschützt.

Die Sicht vom Tier als Maschine, die bis heute Gesetzgebung und Nahrungsmittelindustrie beherrscht, und die heutige Tierschützer so auf die Palme bringt, ist hingegen eine Idee der Aufklärung.

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