Evolutionstheorie in der Zwickmühle

Die klassische Evolutionstheorie erklärt Verhalten durch Funktion. Auch aktuelle Lehrbücher der Verhaltensbiologie beschäftigen sich daher mit Kosten – Nutzen – Analysen für die Zeit, die Tiere in den Nachwuchs investieren, in die Nahrungsbeschaffung, ggf. Abwehr von Feinden etc.

Auf der anderen Seite gibt es ein starkes Bestreben, Tiere als gefühlsfähige Wesen mit einem reichen Innenleben darzustellen, und der Nachweis dieses Innenlebens funktioniert regelmäßig über den Nachweis von nutzlosen Verhaltensweisen. Die kleinen unlogischen Entscheidungen, die niemandem nützen, aber einfach Spaß machen, wie z.B. im Schnee einen Abhang runterrutschen etc.

Der Konflikt, der sich daraus für die Evolutionstheorie ergibt, scheint bisher kaum jemandem aufgefallen zu sein: ein Biologe muss sich entscheiden, ob er der Evolutionstheorie die Schuld an der Entseelung der Welt gibt und damit an den Umweltkatastrophen, die aus dieser kalten Sicht entstanden sind, oder ob er weiter Tiere als Reproduktionseinheiten darstellt.

 

Interessanterweise wird z.Zt. das Christentum von beiden Seiten angegriffen: einerseits wird ihm eine Vermischung von Religion und Wissenschaft vorgeworfen, während die Evolutionstheorie doch eine reine Vernunftwissenschaft repräsentiert. Auf der anderen Seite wird das Christentum als „Vernunftreligion“ beschimpft (so z.B. von Prof. Kurt Kotrschal“ in „Wolf Hund Mensch. Die Geschichte einer jahrtausendealten Beziehung“), als Wegbereiter der Aufklärung die mit ihrer technisierten Sicht der Natur für einen beispiellosen Raubbau an der Umwelt verantwortlich war.

Wie kann die Evolutionstheorie vor diesem Hintergrund gerettet werden?

Das in Deutschland kaum beachtete Buch von Thomas Nagel „Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption von der Natur so gut wie sicher falsch ist“ beschäftigt sich genau mit dieser Frage. Nagel bringt als bekennender Atheist ein genuines Interesse an dieser Frage mit, kommt aber, wie der Untertitel schon andeutet, zu einem ernüchternden Ergebnis. Er schreibt, dass es nur drei Möglichkeiten gibt, die Evolutionstheorie zu deuten. Entweder folgt man einem materialistischen Ansatz, nach dem alle Entwicklungsschritte Naturgesetzen folgen. Diese Naturgesetze wiederum sind Eigenschaften der Materie, so dass alles, was sich entwickelt hat, letztlich mit den Eigenschaften der kleinsten Teilchen erklären lässt. Warum die eine Fischart diese Beutefangtechnik entwickelt hat und eine zweite eine andere, hängt in diesem Weltbild eindeutig von der Umwelt der beiden Fischpopulationen ab. So eindeutig, dass man beide Fangtechniken vorhersagen können müsste. Wäre also ein Biologe zugegen gewesen, als ein Fisch sich anschickte, Fliegen vom Blatz zu spucken, hätte er dieses Verhalten schon im Vorfeld ankündigen können müssen. Wer das nicht glaubt, folgt vielleicht dem zweiten Ansatz, den Nagel beschreibt. Dieser Ansatz erklärt nicht, sondern schreibt alles dem Zufall zu. Der Zufall schließt nicht den Materialismus aus, aber er schließt grundsätzlich aus, dass man das Geschehen erklären kann. Fragt man so einen Vertreter, wie der Fisch sich entwickeln wird, gibt er nicht nur zu, dass er es nicht sicher sagen kann, sondern sagt etwas in der Art wie „ist halt in dem Fall so passiert“. Oder er versteckt den Zufall, indem er sich einfach mit dem Ergebnis zufrieden gibt und sich damit begnügt nachzuweisen, dass das Verhalten „evolutionär stabil“ ist. Das Problem dieses Ansatzes ist offensichtlich: eine wissenschaftliche Theorie ist nicht überlebensfähig, wenn sie sich auf den Zufall beruft, denn dann gibt sie den Anspruch auf, Vorhersagen machen zu können oder etwas zu erklären. Damit kommt Nagel zu dem dritten Modell, in dem neben der Materie noch ein Geist an der Entstehung des Lebens und seinen unglaublich ausdifferenzierten Erscheinungsweisen mitgewirkt hat. Der Glaube an Gott als den Schöpfer von Himmel und Erde, lehnt Nagel dabei ab, aber nicht, weil diese Erklärung nicht funktioniere, sondern aus „anderen“ Gründen, die in dem Buch aber nicht diskutiert werden. Er schlägt stattdessen einen etwas diffusen Animismus vor, also ein Weltbild, in dem es einen Geist gibt, aber der wiederum nicht Gott ist. Letztlich bleibt dieser Geist und sein Verhältnis zur Materie unklar, Nagel scheint aber etwas im Sinn zu haben, dass animistischen Religionen ähnelt.

Kurz gesagt bedeutet es für Biologen, dass sie sich nur noch zwischen Christentum und Animismus entscheiden können. Nach meiner Beobachtung gibt es tatsächlich schon seit einigen Jahren eine offene Sehnsucht nach der vermeintlich animistischen Weltsicht. Diese Sehnsucht spielte in wissenschaftlicher Literatur keine große Rolle, aber im privaten Gespräch. in dem Buch „Wolf Hund Mensch“ hat nun ein Biologie Professor sich sehr wohlwollend über den Animismus geäußert, auch wenn es sich nur um ein populärwissenschaftliches Buch handelt und Herr Kotrschal sich selbst als „Agnostiker“ bezeichnet. Das Buch wurde in Österreich zum „Wissenschaftsbuch des Jahres 2013“ gewählt, was erahnen lässt, wie unglaublich populär dieser Ansatz mittlerweile ist.

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