Über die Prognosefähigkeiten der Evolutionstheorie

Gäbe es auf der Erde nur zwei Bakterienstämme, die miteinander um irgendwelche Mineralien konkurrieren, würde das der Evolutionstheorie ebenso wenig widersprechen wie eine Welt, in der es überhaupt kein Leben gibt. Die Frage ist daher: kann die Evolutionstheorie überhaupt Vorhersagen machen? Wenn sie es nicht kann, ist sie nutzlos. Aber auch unangreifbar, was in der Wissenschaft genau so schlimm ist.

Überspringen wir mal den ersten Schritt der Lebensentstehung, denn darüber sagt sie nichts. Aber was sagt sie überhaupt? Die älteste Fassung, die bei namhaften Diktatoren sehr beliebt war, lautete: der Stärkere überlebt. Biologen beobachteten in der Zeit immer wieder den Kampf der Tiere und waren fasziniert von jeder Form von Gewalt, die sie vorfanden. Außerdem bemerkte man, dass Tiere gar nicht um jeden Preis ihr eigenes Überleben sichern, sondern sich auch für andere einsetzen. Evolution entstand nun nicht mehr aus dem Kampf von Indidivuen sondern es ging um den Kampf der Art oder Population, für die das einzelne Tier durchaus geopfert wird. Das passte erst recht zu einer Zeit, in der man die Bevölkerung für den Krieg begeistern wollte und der Einzelne ganz im Sinne der Natur für die Nation zu sterben bereit sein sollte.

Nach zwei Weltkriegen brauchte die Evolutionstheorie dringend eine Überarbeitung. Die präziseste Neu-Formulierung lieferte der Atheist Richard Dawkins. Seit seinem Buch über das „Egoistische Gen“ stehen nicht mehr vorrangig Individuen oder Populationen im Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern die Gene. Evolution führe demnach nicht zum Überleben der stärksten Individuen und auch nicht zum Überleben der stärksten Populationen, sondern zu einer Verbreitung von Genen, die sich am besten verbreiten können. Körper und Populationen werden zu Gen-Vehikeln, die natürlich nicht unwichtig sind, aber letztlich nur den Zweck haben, die Verbreitung ihrer Gene zu fördern, bzw. zu maximieren. Man muss schmunzeln, dass die Evolution es mal wieder geschafft hat, sich dem gesellschaftlichen Lebensgefühl konsequent anzupassen: in einer Gesellschaft, in der Sexualität so eine große Rolle spielt, ist es kein Wunder, dass man auch in der Natur auf einmal nur noch Vermehrung sieht. Aber die Theorie könnte natürlich trotzdem richtig sein. Der Hinweis auf ihre political Fitness ist allerdings wichtig, weil sie dadurch möglicherweise einer schwächeren Kontrolle unterzogen wird (als beispielsweise Theorien, die das Undenkbare, nämlich Gott, beinhalten).

Die Frage ist: welche Voraussagen erlaubt die aktuelle Lesart der Evolutionstheorie? Wie müsste sich eine Population entwickeln, in der sich vor allem diejenigen Gene verbreiten, die sich mehr als andere Gene verbreiten? Und könnte es den Fall geben, dass sich in der nächsten Generation vor allem Gene verbreiten, die sich nicht mehr verbreiten als andere Gene? Man sieht: es ist kaum möglich, die Frage sinnvoll zu stellen. Hat Dawkins möglicherweise nur einen Taschenspielertrick angewendet, dem die ganze Zunft aufgesessen ist?

Wir sehen uns eine Wolfspopulation an. In der Regel dürfen sich bei Wölfen nur die beiden ranghöchsten Tiere, die beiden Alphas, vermehren. Ein Männchen und ein Weibchen. Die Theorie vom egoistischen Gen könnte man vorschnell so verstehen, dass beide eigentlich eine Appetenz zu einer Maximierung des eigenen Nachwuchses zeigen müssten, also das Männchen müsste möglichst viele Weibchen begatten und das Weibchen sich von möglichst vielen Männchen begatten lassen. Theorie widerlegt? Nein, denn da das Wolfsrudel nur als Ganzes überleben kann, bzw. die besten Überlebenschancen hat,  ist es vielleicht besser, wenn nur ein Weibchen durch Trächtigkeit bei der Jagd ausfällt und das Rudel nicht zu viele Welpen aufziehen muss. Das Rudel mit der Geburtenkontrolle hätte also evtl. Vorteile gegenüber einem Rudel der unreglementierten Fortpflanzung und kann seine Gene daher erfolgreicher weitergeben. Wissen könnte man es nur, wenn man diese beiden Rudel unter identischen Bedingungen über mehrere Generationen beobachtet. Da das nicht möglich ist, geht man einfach davon aus, dass die gängige Praxis der Wölfe einen Vorteil gegenüber allen Alternativen bietet. Jede weitere Generation ist ein Beweis, dass Gene weitergegeben werden. Die Gene, die weitergegeben werden, zeichnen sich gegenüber allen Genen, die nicht weitergegeben werden, dadurch aus, dass sie weiter gegeben werden. Darüber hinaus sagt die Theorie des egoistischen Gens nichts. Manchmal wundert man sich, was für Gene erfolgreich sind. Aber solange es Nachkommen gibt, funktioniert die Theorie. Jemand, der die  Evolutionstheorie widerlegen wollte, müsste nachweisen, dass eine Wolfspopulation ohne Geburtenkontrolle alle anderen verdrängen müsste. Oder würde er damit die Theorie nur bestätigen? Würde man so eine Population tatsächlich beobachten, wäre das selbstverständlich ebenfalls eine Bestätigung der Theorie. Zwei entgegengesetzte Fälle können beide dieselbe Theorie bestätigen. Dieses Beispiel aus der Praxis zeigt, dass die Kunst lediglich darin besteht zu begründen, weshalb diese Nachkommen geboren wurden. Und da sie ja nun mal geboren wurden, ist das eine sehr komfortable Position.

Die Evolutionstheorie wurde durch Dawkins also auf die denkbar trivialste Stufe reduziert. Sie ist mittlerweile lediglich eine komplizierte Formulierung von Trivialitäten. Jede Geburt kann jetzt zu einem Beweis der Evolution stilisiert werden. Man könnte ebenso gut sagen, dass jede Geburt ein Beweis für Gott ist. Es hängt einfach davon ab, was man ohnehin glaubt. Aber als Wissenschaftler findet man das möglicherweise unbefriedigend…

Es kommt aber noch schlimmer: nehmen wir an, es würde sich eine Bakterienkultur entwickeln, die das Potential hat, alles Leben auf der Erde auszulöschen. Oder eine Qualle, die das ganze Meer bevölkert. Wäre das ein Widerspruch gegen die Evolutionstheorie? Natürlich nicht. Aber warum kommt es nicht zu dieser Entwicklung? Offenbar führt die Konkurrenz unterschiedlicher Gensequenzen nicht zu Monopolen, eine Entwicklung, die man in der Wirtschaft durchaus beobachten kann, in der kleine Geschäfte zunehmend von großen Ketten verdrängt werden. Die Theorie vom egoistischen Gen ist eine Abwandlung der Theorie von Adam Smiths unsichtbarer Hand des Marktes, die dafür sorgt, dass aus dem Zusammenspiel egoistischer Interessen Wohlstand für alle entsteht. Selbst unter hartgesottenen Vertretern einer freien Wirtschaft, möchte niemand völlig auf den Staat verzichten. Egoismus soll durchaus nur innerhalb moralischer Grenzen erlaubt sein, d.h. es dürfen keine Verträge gebrochen und keine Gewalt angewendet werden. Sonst funktioniert die unsichtbare Hand nicht. Wie ist das aber in der Natur? Wer sorgt dort dafür, dass aus der Summe der egoistischen Gene eine unfassbare Vielfalt besteht und auch bestehen bleibt? Wieso gibt es kein Killergen? Genau diese Frage will Evolution doch beantworten, denn wenn sie schon die Entstehung des Lebens nicht erklären kann, dann ist doch die vermeintliche Entwicklung seiner Vielfalt ihre Domäne. Darüber sagt die Theorie des egoistischen Gens aber überhaupt nichts. Sie benötigt zusätzlich einen Gesetzgeber, damit der Egoismus einzelner Gensequenzen in Schach gehalten wird. Bislang kann ein Biologe dazu nur sagen: ist halt so.

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