Die Evolutionstheorie ist verschwunden

Eigentlich wollte ich sie nur präzisieren, musste dabei aber feststellen, dass es keine Evolutionstheorie mehr gibt.

Natürlich gibt es viel Text über die Evolutionstheorie. So z.B., wie sie historisch entstanden ist, wer heute dagegen ist und wie allgemein anerkannt sie heute ist und was für sie spricht. Man erfährt auch die Evolutionsmechanismen. Aber etwas sucht man vergeblich: eine simple inhaltliche Zusammenfassung, was sie überhaupt sagt. Ein Beispiel ist die atheistische Wikipedia, die den Begriff „Evolutionstheorie“ folgendermaßen erklärt:

„Eine biologische Evolutionstheorie beschreibt und erklärt die Entstehung und Veränderung der Arten als Ergebnis der organismischen Evolution, d. h. eines Entwicklungsprozesses im Laufe der Erdgeschichte, der stattgefunden hat und andauert.“

Es ist erstaunlich genug, dass von einer Theorie gesagt wird, dass sie etwas „beschreibt“. Eine Biographie über Karl den Großen ist keine Theorie. Übergehen wir diese Formulierung, denn immerhin wird ja auch behauptet, dass sie „erklärt“, und sie erklärt „die Entstehung und Veränderung der Arten“, also warum es Leben gibt und warum gerade in dieser Form. Damit ist zunächst nur behauptet, was sie erklärt, wie erklärt sie es aber nun? Antwort: als Ergebnis eines Entwicklungsprozesses (Evolution). Wir fassen also zusammen: Evolutionstheorie erklärt das Leben als Evolution. Ist wirklich noch niemandem aufgefallen, was für ein Müll das ist? Das Zweite, was offenbar auch direkt dazu gehört: Evolution hat stattgefunden und dauert an. Wir wissen zwar immer noch nicht, was sie eigentlich erklärt, aber immerhin wissen wir, dass die Erklärung unumstößlich ist.

Platz genug wäre in dem Artikel gewesen, bevor man aber endlich erfährt, wie denn die Erklärung nun lautet, kommt schon der historische Teil.

Es ist sehr leicht, die historische Evolutionstheorie Darwins zu skizzieren und zu erklären, dass sie „im Wesentlichen“ noch heute gültig und anerkannt ist. Aber was enthält sie heute? Was ist das Wesentliche?

Für Darwin war die Sache noch einfacher, und deshalb scheint die moderne Evolutionstheorie so gerne und immer wieder auf seine Arbeiten zurück zu kommen, denn führ ihn ging es noch um eine Höherentwicklung. Ganz im Geist des 19. Jahrhunderts musste man nicht begründen, weshalb es besser ist, ein Mensch als ein Bakterium zu sein, und jeder Schritt in diese Richtung galt daher als vorteilhaft. Der Fortschrittsoptimismus des 19. Jahrhunderts und das ungebremste Selbstbewusstsein Europas waren genau der richtige Rahmen für so eine Theorie. Sah man nicht überall, dass alles immer besser wird? Industrialisierung. Medizinischer Fortschritt. Entdeckungen in der Wissenschaft. Und man sah auch, dass es dabei Verlierer gab. Während Darwin in seinem Herrenhaus seinen Leidenschaften frönte, verhungerte Londons Arbeiterschicht in den Häuserschluchten. Elender Kampf und Fortschritt waren Kennzeichen seiner Zeit und wurden z.B. von Malthus direkt in Verbindung gebracht: Wenn es zu viele Menschen gibt, werden nur die Besten überleben – und dazu zählten wohl auch Menschen wie Malthus und Darwin. Darwins Werk bestand darin, diese soziologische Theorie auf das Tierreich anzuwenden. Die gesellschaftliche Akzeptanz seiner (Ober-)Schicht war ihm sicher, auf einmal waren sie keine Ausbeuter mehr sondern hatten sich ihren Platz an der Sonne redlich im Kampf verdient. Ebenso wie auch Nationen, die andere weniger gut entwickelte unterwarfen (das Beispiel verwendet Darwin ausdrücklich in seiner „Entstehung des Menschen“, es wurde also keineswegs erst von den Nazis entwickelt). Viele stillschweigenden Annahmen seiner Zeit dienten seiner Evolutionstheorie als Schmiermittel: die Bereitschaft, den Kampf als produktives Mittel zur Vervollkommnung von Lebewesen anzusehen, das Erleben von zu vielen Menschen in den Großstädten, der Glaube an die Verbesserung der Menschen und der Gesellschaft als Krone der Schöpfung. Das war eine wirkliche Theorie und sie passte einfach perfekt in das Europa des 19. Jahrhunderts.

Allerdings teilen heute weder Biologen noch Nicht-Biologen diese Annahmen. Der Mensch soll ja gerade nicht mehr als die Krone der Schöpfung angesehen werden. Und vom Kampf hat man nach zwei Weltkriegen mehr als genug. Was ist dann aber noch die treibende Kraft der Evolution, wenn es nicht die allgemeine Tendenz ist, „bessere“ Organismen hervor zu bringen?

Das Problem einer präzisen Formulierung der Evolutionstheorie wird zusätzlich dadurch erschwert, dass der Begriff längst auch auf chemische Prozesse und diverse andere Bereiche (z.B. Didaktik) angewandt wird. In allen Bereichen scheint die Theorie einer Evolution als Erklärung akzeptiert zu werden, aber worin besteht die Erklärung? Vielleicht so: Wenn zwei Entitäten/Wesen/Irgendwas um eine begrenzte Ressource konkurrieren, gewinnt derjenige, der aus irgendwelchen Gründen in der Lage ist, die Ressource zu erhalten. Das muss nicht die Stärke sein, es kann sich auch um Tricks handeln, eben jede beliebige Eigenschaft, die ihn befähigt, die Ressource bevorzugt zu nutzen. Ist das eine Theorie? Wenn zwei sich streiten und nur einer kann gewinnen, dann gewinnt derjenige, der die Fähigkeit hat zu gewinnen? Das kann nicht gemeint sein, aber was dann? Darwin glaubte noch ganz naiv, dass der Bessere/höher Entwickelte siegt und sich daher stärker vermehren kann. Heute würden Wissenschaftler den Kampf um Ressourcen ebenfalls als Grund für die Entstehtung und Entwicklung von Lebewesen anführen, allerdings ohne von einer „Höherentwicklung“ sprechen zu können. Die Zugkraft nach oben, die Darwins Theorie beseelt und sie überhaupt erst zu einer Theorie (nämlich einer Theorie von der Höher-Entwicklung) machte, hat ihr Rückgrat verloren. Unbemerkt hat man die Evolutionstheorie ihres Inhaltes beraubt. Man kann strenggenommen nur noch sagen, dass ein Prozess evolutiv gedeutet wird. Dann interpretiert man ihn als Kampf um Ressourcen, ohne irgendetwas über das Ergebnis auszusagen. Es kann sein, dass einer der Kontrahenten verdrängt wird oder stirbt, es kann auch sein, dass neue Fähigkeiten entstehen, die Ressource besser zu nutzen oder das anschließend beide unterschiedliche Zugänge zu ihr entwickeln (der eine frisst die oberen Bläter der andere die unteren). Alles ist möglich, nichts wird erklärt. Die moderne Evolutionstheorie kann nicht erklären, wieso Leben entsteht und nicht, wieso es so vielfältig geworden ist. Sie kann heute nur noch alles Leben als Kampf um Ressourcen deuten.

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