Warum es keine „Evolutionär stabile Strategie“ geben kann

Die evolutionär stabile Strategie (Kurs „ESS“) ist eines der Lieblingsthemen der modernen Evolutionstheorie. Sie soll nicht zuletzt erklären, wie eine Population sich gegen Egoisten schützen kann. Der Kampf um die meisten Nachkommen, müsste dazu führen, dass in der Natur nur derjenige gewinnt, der mit allen Mitteln seinen Vorteil sichert, auch wenn er dafür Gewalt anwenden muss. Tritt also z.B. in einem Wolfsrudel eine Mutation auf, durch die ein Individuum besonders brutal sein Recht auf Fortpflanzung einfordert, wird es diese Genmutation besser vermehren können, was dazu führt, dass in der folgenden Generation vermehrt brutale Kämpfer auftreten und irgendwann alle nur noch mit maximaler Brutalität um die Fortpflanzungsmöglichkeiten kämpfen. Dieses Verhalten können wir aber trotz saisonaler Anspannungen und Kommentkämpfe in Rudeln nur selten beobachten. Warum? Die Antwort soll die ESS geben. Sie sieht sich nicht nur den Fortpflanzungserfolg eines einzelnen Individuums an, sondern den durchschnittlichen Nutzen der Individuen. Und der erreicht seinen Maximalwert nicht, wenn alle möglichst brutal kämpfen, sondern wenn sich ein ganz bestimmtes Verhältnis zwischen Kämpfern und Nicht-Kämpfern (vereinfacht gesagt) einstellt. In dem Lehrbuchbeispiel werden diese beiden Typen als „Falken“ und „Tauben“ bezeichnet. Dieser erreichte Zustand ist optimal, d.h. er kann durch keine Strategie-Änderung verbessert werden. Die Population ist damit geschützt vor dem Auftreten brutaler Mutanten.

Worin liegt das Problem? Das Problem liegt in den Gleichungen verborgen. Das erste Problem besteht in der Gleichung „C >G“. „C“ steht nämlich für den Schaden, den das Individuum durch den Kampf erleidet. Bei einem gewonnen Kampf zwischen zwei  Falken beträgt der „Fitnessgewinn“ nur G-C, er macht also einen Verlust. Das ist keineswegs selbstverständlich, denn auch ein schwerverletztes Tier, dass sich durch den Kampf den Fortpflanzungserfolg gesichert hat, kann seine Gene weitergeben. Es muss lediglich die Paarung überleben. Die Konsequenzen für das Wolfsrudel wären natürlich verheerend, weil ein kräftiges Männchen für die Jagd fehlt. Dieses Problem betrifft aber alle Tiere des Rudels, nicht nur den Falken. Der Anteil der Falken würde sich also vermeeren, wobei wieder nur die brutalsten wenn auch schwerverletzten Tiere sich vermehren. An Jagd ist in so einem Rudel natürlich nicht mehr zu denken und vermutlich sterben auch viele Verlierer an ihren Verletzunen. Das Rudel würde innerhalb weniger Generationen aufhören zu existieren oder sich zumindest in Einzeltiere auflösen. Der Gesamtnutzen für das Rudel würde zweifellos sinken ebenso wie der Durchschnittsnutzen der Einzeltiere. Aber wen interessiert das? Für die Evolution spielt lediglich der Fortpflanzungserfolg für die nächste Generation eine Rolle. Eine veraltete Lösung würde jetzt darin bestehen, auf den Konkurrenzkampf zwischen Rudeln zu verweisen, dass also Rudel mit dieser Strategie aussterben und die Rudel mit einer erfolgreichen Strategie überleben. Das ist sehr vernünftig gedacht, widerspricht aber dem Gesetz der Vererbung: es ist nur eine Frage der Zeit, bis brutale Mutanten (Falken) auftauchen, die sich wiederum zwangsläufig durchsetzen. Die Herrschaft der Gene führt dazu, dass es überhaupt keine Rudel mehr gibt. Das ist nicht nützlich und nicht schön aber die direkte Konsequenz einer postulierten Herrschaft der Gene über die Lebewesen. Hier zeigt sich ein weiteres Problem der mathematischen Gleichungen: der Nutzen mit all seinen positiven Nebentönen wird versteckt hinter Buchstaben. Der Begriff „Nutzen“ bleibt aber völlig unbestimmt. Ging es bisher in der Evolution um den Fortpflanzungserfolg, wird in den Nutzen-Begriff der Spieltheorie eine nebulöse Mischung verwendet aus Fortpflanungserfolg, persönlichem Schmerzempfinden, Gesundheit etc.

Warum stirbt das Rudel aber tatsächlich nicht aus? Weil Wölfe wie alle Tiere eben nicht nur von ihren Genen gesteuert sind. Sie sind empfindsame Wesen, die sich zwar auch verpaaren aber ansonsten einfach gut leben wollen. Ihre Persönlichkeit steht ihrem Fortpflanzungserfolg im Weg, aber offenbar haben die Gene nicht die Macht, sie hervor zu bringen, die sich ausschließelich der Vermehrung ihrer Gene widmen. Die Evolutionstheorie scheitert an dem Wesen der Tiere.

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