Darwin über die Degeneration von Nationen

Im 5. Kapitel seiner „Abstammung des Menschen“ beschäftigt sich Darwin mit der Entstehung von „socialen und moralischen Fähigkeiten“. Nach einigen Ausführungen zu den Gründen, weshalb die natürliche Zuchtwahl zu einer größeren Intelligenz führen musste, ringt er um die Entwicklung der Moral. Denn so nützlich Aufopferungsbereitschaft für die Gruppe ist, so ungünstig wirkt es sich unmittelbar auf den Fortpflanzungserfolg dessen aus, der sich selbst für die anderen z.B. im Krieg einsetzt. Darwin löst das Problem durch den Hinweis auf Selektion auf der Ebene der Populationen:

„Ein Stamm, welcher viele Glieder umfaßt, die in einem hohen Grade den Geist des Patriotismus, der Treue, des Gehorsams, Muthes und der Sympathie besitzen und daher stets bereit sind, einander zu helfen und sich für das allgemeine Beste zu opfern, wird über die meisten anderen Stämme den Sieg davontragen, und dies würde natürliche Zuchtwahl sein.“

Wie im letzten Beitrag gezeigt, übersieht die Argumentation auf Populations-Ebene, dass Fortpflanzung immer auf der Ebene von Individuen erfolgt. Davon abgesehen mages für uns bizarr erscheinen, dass er die höhere Moralität als Grund für den erfolgreichen Verdrängungskampf ansehen kann. Ein militärischer Sieg ist für Darwin konsequenterweise ein Beweis für die moralische Überlegenheit . Der Absatz geht daher folgendermaßen weiter:

„Zu allen Zeiten haben über die ganze Erde einzelne Stämme andere verdrängt, und da die Moralität ein bedeutungsvolles Element bei ihrem Erfolg ist, so wird der Maßstab der Moralität sich zu erhöhen und die Zahl gutb begabter Menschen überall zuzunehmen streben.“

Dieser Kampf findet also zwischen Menschengruppen statt. Aber auch innerhalb einer Gruppe gibt es einen Kampf um Resourcen, der aber durch einen Gruppen-erhaltenden Trieb der Sympathie als „Teil der socialen Instincte“ gehemmt werde. Es gibt in Darwins Weltsicht also zwei Antriebe für den Fortschritt einer Gesellschaft, die sich beide etwas im Wege stehen: Kampf und Nächstenliebe. Da letztlich der Kampf aber für die besseren Nachkommen sorgt und die Nächstenliebe nur etwas für die Stimmung im Volk ist, sollte sie nicht zu großen Einfluss auf die Reproduktion haben. Er kommt daher zu dem Schluss, dass die Schwächsten daher weiter versorgt werden („das müssen wir ertragen“) aber sich möglichst nicht vermehren sollen. Die weitergehende Sorge um Schwache und Kranke scheint für ihn eine verzärtelte Form des ursprünglichen Instinctes der Sympathie zu sein.

„Es ist überraschend, wie bald ein Mangel an Sorgfalt oder eine unrecht geleitete Sorgfalt zur Degeneration einer domesticierten Rasse führt, aber mit Ausnahme des den Menschen selbst betreffenden Falls ist wohl kaum ein Züchter so unwissend, daß er seine schlechtesten Thiere zur Nachzucht zuließe. Die Hülfe, welche wir dem Hülflosen zu widmen uns getrieben fühlen, ist hauptsächlich das Resultat des Instincts der Sympathie, welcher ursprünglich als ein Theil der socialen Instincte erlangt, aber später in der oben bezeichneten Art und Weise zarter gemacht und weiter verbreitet wurde.“

Ein weiteres Problem sieht er in dem vererbten Besitz, der unabhängig von der körperlichen Fitness die einen in ihrer Lebensdauer und Reproduktionsmöglichkeiten bevorzugt. Da er selbst seinen Wohlstand ausschließlich einem Erbe zu verdanken hat, kann er das allerdings nicht uneingeschränkt so stehen lassen:

„Es ist indessen das Erben von Besitz und Eigenthum durchaus kein Übel. Denn ohne die Anhäufung von Capital könnten die Künste keine Fortschritte machen und es ist hauptsächlich durch die Kraft dieser geschehen, daß die civilisierten Rassen sich verbreitet haben und jetzt noch immer ihren Bezirk erweitern, so daß sie die Stelle der niedrigeren Rassen einnehmen.“

Ein Problem, dass allerdings schon Darwin beobachten konnte, war das paradoxe Verhalten, dass gerade die wohlhabenden und begabten Menschen weniger oder gar keine Kinder hatten. Sie dienten mit ihrem Lebenswerk natürlich auf ihre Weise der Gesellschaft, vermehren aber ihre Eigenschaften weniger als die weniger begabten. Hinzu kommt, dass die „sorglosen Dieser Umstand werde aber durch verschiedene „Hemmnisse“ relativiert, so z.B. durch das Leben der armen Menschen in der Stadt:

„Die ärmsten Classen häufen sich in Städten an und Dr. Stark hat nach den statistischen Ergebnissen von zehn Jahren für Schottland bewiesen, daß auf allen Altersstufen das Sterblichkeitsverhältnis in Städten höher ist als in ländlichen Bezirken.“

Es ist schwer vorstellbar, dass sich auf der Grundlage dieses Gedankenganges ein Programm zur Verbesserung der Lebensbedingungen in der Stadt begründen ließe. Die Folgen wären für Darwin verheerend:

„Wenn die verschiedenen, in den letzten beiden Absätzen speciell angeführten, und vielleicht noch andere jetzt unbekannte, Hemmnisse es nicht verhindern, daß die leichtsinnigen, lasterhaften und in anderer Weise niedriger stehenden Glieder der Gesellschaft sich in einem schnelleren Verhältnisse vermehren als die bessere Classe der Menschen, so wird die Nation rückschreiten, wie es in der Geschichte der Welt nur zu oft vorgekommen ist.“

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