Irreduzible Komplexität

Den Begriff der „irreduziblen Komplexität“ hat Michael Behe in seinem Buch „Darwins Black Box“ verwendet, um Strukturen zu beschreiben, die er beschreibt als „ein einzelnes System, das aus mehreren zusammenpassenden und zusammenwirkenden Teilen besteht, die zur Grundfunktion beitragen, wobei das Entfernen irgendeines der Teile bewirkt, dass das System effektiv zu funktionieren aufhört.“

Solche Strukturen gibt es in der Natur so häufig, dass sie eher die Regel als die Ausnahme sind. Das Paradebeispiel ist für Behe das Flagellum, also der fadenförmige Antrieb mancher Einzeller, der verblüffende Ähnlichkeiten mit einer mechanischen Konstruktion hat. In diesem komplexen Gebilde ist jedes Teil relevant, d.h. nimmt man von den gut 40 beteiligten Proteinen ein beliebiges heraus, funktioniert der Antrieb nicht mehr. Ein schrittweiser Aufbau scheint unmöglich. Wie reagieren Evolutionsanhänger darauf? Sie weisen das Argument als Argumentum ad ignorantiam ab, also als Argument, das  davon lebt, dass wir die Erklärung einfach noch nicht kennen (wobei derselbe Vorwurf übrigens auch den Nachweis von rudimentären Organen unmöglich macht). Es sei nicht auszuschließen, dass die einzelnen Bestandteile des komplexen Antriebes zunächst aus anderen Gründen entstanden sind, wobei jedes Element vielleicht seinen eigenen Nutzen hatte, die möglicherweise zunächst nichts mit dem Antrieb zu tun hatte. Erst ein letzter vielleicht sehr kleiner Entwicklungsschritt hätte dann die  Funktionalität als Flagellum ermöglicht.

Auch wenn sie teilweise zugeben, dass diese Abwehr alles andere als befriedigend ist, können sie zumindest erreichen, dass die Evolutionstheorie nicht logisch unmöglich ist. Es ist nicht nachzuweisen, dass unter allen denkbaren Welten zufällig ein Protein entsteht, das gerade in dieser Welt an diesem Platz eine Funktion hat, und dass sich zufällig direkt daneben eins entwickelt, dass zwar einen anderen Nutzen hat aber später einmal wunderpar passt, weil es zufällig von vornherein schon an der idealen Stelle sitzt usw. Wenn man die irreduzible Komplexität aber nicht ontologisch sondern epistemologisch versteht, hat Behe recht: Nichtreduzierbar wäre demnach nicht der Ablauf sondern seine Erklärbarkeit. Es ist überhaupt nicht nötig zu beweisen, dass etwas zwingend nicht eintreten kann. Es genügt, wenn man zeigen kann, dass eine gegebene Erklärung nicht greift. Wenn man von einem System ausgeht, das aus den Elementen A,B,C besteht, die alle eine (heute unbekannte) Funktion hatten, heute aber im Zusammenspiel die Funktion F ermöglichen, dann gilt:

Jedes Element kann aus einer früheren Stufe erklärt werden, wenn entweder eine vorhandene Funktion optimiert wurde, oder eine Doppelfunktion sich stärker in eine der möglichen Richtungen entwickelt hat. Dabei sind aber für jeden Schritt Änderungen in der Umwelt denkbar, die sowohl diese als auch jede beliebige andere Funktion begünstigen würden (genau das war ja das Argument gegen die irreduzible Komplexität). Die Funktion F lässt sich daher nicht erklären, weil die Metastruktur der einzelnen Elemente nicht aus den Funktionen der einzelnen Elemente erklärt werden kann. Man kann sich also erklären, wieso die Schuppen einer Eckse dicker werden, wenn der Schutzbedarf steigt. Man kann auch über ständig wechselnde Ansprüche der Umwelt erklären, dass statt der Schuppen zunächst kleine schmale Platten vorteilhaft sind, durch wieder wechselnde Umstände sind kleine stachelige Strukturen vorteilhaft, nach einem weiteren Wechsel kleine Seitenäste (jetzt werden sie zum Wärmen verwendet), dann werden sie flauschig… so geht es über eine längere Anzahl verschiedener Übergangsfunktionen weiter bis zu den voll funktionsfähigen Flugfedern. Dass sich die Abfolge aber gerade in dieser Reihenfolge ergeben hat – und nicht die Umstände es wieder erforderten, dass die Federn kurz vor der Flugtauglichkeit wieder primär der Wärmeregulation dienen – kann nicht erklärt werden. Die Antwort auf die Frage, wie sich die Vogelfeder entwickelt hat, lautet: es war Zufall. Würde man den letzten kleinen Schritt als Teil einer graduellen Entwicklung deuten, wäre das so, als würde man die Funktion eines Motors damit erklären, dass jemand ja auf den Einschalt-Knopf gedrückt hat. Aus diesem Grund trifft man an unzähligen vermeintlichen Entwicklungsschritten auf absurde Geschichten, der Form „Es ist aber nicht hundertprozentig auszuschließen, dass es Umstände gab, unter denen zufällig…“. Und logisch ist das richtig. Wer wollte hundertprozentig ausschließen, was alles zufällig passiert sein könnte. Nur ist das keine Theorie, die an öffentlichen Einrichtungen etwas verloren hat.

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