Der Besuch

Die Eltern waren bei Freunden und hinterließen ihren Kindern einen Zettel auf dem gedeckten Abendbrottisch: „Ihr Lieben, wir kommen heute etwas später, räumt bitte noch den Tisch ab, dann könnt ihr gerne noch einen Film ansehen. Eure euch liebenden Eltern“

Christian sagte nur „cool“ und begann sofort, den Tisch abzuräumen. Sein Bruder Justus stand auf, war aber offensichtlich noch sehr damit beschäftigt, die letzten Tropfen in seinem Glas auszutrinken. Da zeigte Karl auf den Zettel und fragte: „Seid ihr sicher, dass wir das machen müssen?“ Justus sah ihn erstaunt an. „Steht doch da!“ Karl verdrehte die Augen.  „Willst du jetzt etwa den Tisch raustragen? DAS steht da – wörtlich!“ Christian sah ebenfalls erstaunt zu Karl. „Unter „Tisch abräumen“ versteht man, dass damit nur die Dinge AUF dem Tisch gemeint sind und nicht der Tisch selbst.“ Karl gab nicht so schnell auf. „Was heißt „normalerweise“?  Wenn der Sperrmüll „abgeräumt“ wird, ist er anschließend auch weg.“ „Kein Mensch würde sagen, dass Sperrmüll „abgeräumt“ wird, er wird abgeholt.“ Justus sah unglücklich aus. „Jetzt streitet euch doch nicht, wir können doch einfach abräumen und dann Film gucken, was ist daran so schlimm?“ „Weil es völlig überflüssig ist. Ich sehe einfach nicht ein, so eine blöde Aufgabe zu erledigen, nur weil ein paar hier nicht lesen können. Das Wort „abräumen“ ist ja ganz offensichtlich mehrdeutig und ziemlich missverständlich, wie unsere Diskussion zeigt. Sprache funktioniert eben nicht wie eine Formelsammlung. Und wenn man sich den Kontext ansieht, also die Anrede und den Gruß am Schluss, geht es euren Eltern ja letztlich nur darum, ihre Liebe zu zeigen. Dazu passt ja auch die Erlaubnis, einen Film zu gucken“ Christian fuhr unbeirrt mit dem Tischdecken fort und erwiderte beiläufig „Das Wort „Abräumen“ bzw. „Räumen“ bedeutet, dass durch Wegtragen ein Raum oder Platz geschaffen wird. Wenn man von einen Platz oder Raum räumt, ist der anschließend leer aber nicht weg. Bei Flächen spricht man eben von „abräumen“, wobei auch hier die Fläche selbst bleibt wo sie ist.“ „Mann, bist du ein Klugscheißer, du denkst wohl, du hast die Weisheit mit Löffeln gefressen! Ich fange doch hier nicht an, mich mit dir über Buchstaben zu streiten, wenn der ganze Text eigentlich nur von Liebe redet!“ Justus sah von einem zum anderen und fühlte sich zunehmend unwohl. „Ach lass doch, Christian, vielleicht ist der Brief wirklich nicht so eindeutig. Ich schlage vor, dass wir einfach die Eltern fragen, wenn sie wieder kommen. Wer sind wir überhaupt, dass wir festlegen, was der Brief unserer Eltern bedeutet. Bis dahin können wir doch einfach beide Deutungen offen lassen.“ Christian sah ihn scharf an. „Heißt das, du räumst den Tisch ab oder nicht?“ „Ich will einfach nur, dass wir einen schönen Abend haben und ihr euch nicht streitet! Sei doch nicht so ein Betonkopf und sieh ein, dass andere auch Recht haben können. Du kannst ja deine Meinung haben aber schreib anderen nicht vor, was sie denken.“ Karl lächelte. „Ich gehe jetzt Film gucken, Justus, kommst du mit?“ Nachdem Justus noch einmal unsicher zu Christian geguckt hat, der sich aber nicht mehr von seiner Arbeit abbringen ließ, gingen sie gemeinsam ins Wohnzimmer und schauten den Film. Als Christian später dazu kommen wollte, erklärte Karl ihm, ohne dabei die Augen vom Bildschirm zu nehmen: „Verschwinde! Klugscheißer können wir hier gerade gar nicht gebrauchen. Du versaust uns mit deiner Rechthaberei nur den Abend.“ „Genau“ Pflichtete ihm Justus bei. „Hier hat jeder Platz und jeder kann denken was er will, solange er kein Betonkopf ist, stimmt doch, oder Karl?“. Karl würdigte ihn keines Blickes. „Karl, stimmt doch, oder?“ „Jetzt halt die Klappe, ich will den Film ansehen!“

Als die Eltern am nächsten Morgen hörten, was vorgefallen war, entschieden sie, dass Karl nie wieder bei den beiden Brüdern übernachten durfte. Und sie lobten Christian dafür, dass er sich von seinem törichten älteren Bruder nicht hat zum Ungehorsam überreden lassen.

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