AfD – eine Falle für Christen

Ich gebe zu, dass mir die Einordnung der AfD lange Zeit nicht leicht gefallen ist. Sowohl Parteiprogramm als auch die Botschaften prominenter AfD-Politiker senden einen Mix an Signalen aus, die sich nicht so leicht auf einen Nenner bringen lassen. Es fing an mit den hochkompetenten Ausführungen von Bernd Lucke über wirtschaftliche Themen. Dann mischten sich zunehmend patriotische Töne dazu, die von Anfang an nervig und offenbar geeignet waren, Nationalisten und Rassisten reinsten Wassers anzuziehen. Daneben wollte man die Familie stärken und homosexuelle Partnerschaften nicht als Ehe anerkennen, den Schutz verfolgter Christen verbessern und die Macht der Medien durch Abschaffung der GEZ begrenzen. Und vor allem: sie war und ist die einzige Partei, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Zahl der Abtreibungen zu begrenzen, auch wenn sie noch nicht verrät, wie sie sich das vorstellt. Sie bedient damit Themen für Christen (Abtreibung, Familie) aber auch und vor allem Themen, die für Nationalisten wichtig sind.

Für die Medien war die Einordnung der AfD einfacher, weil sie ja ohnehin traditionell nicht zwischen Christen und Nazis unterscheiden. Die AfD war daher so etwas wie der Lieblingsfeind.
Wie aber sollen Christen sich zu ihr verhalten?

Die kurze Antwort: Finger weg! Die christlichen Themen sind lediglich eine Fangstrategie für Christen, die AfD hat nach meiner Einschätzung das Potential, zur Christenverfolgerin Nummer 1 zu werden.

Die ausführliche Antwort:
Um zu einer Einschätzung zu kommen, habe ich mich neben dem Parteiprogramm auf Interviews vor allem mit Frauke Petry gestützt. Die Interviews haben den Vorteil, dass sie leichter erkennen lassen, welche Anteile des Parteiprogrammes unter Zeitdruck genannt werden und daher im Zentrum stehen. Hier zeigt sich, dass Frau Petry vor allem den Schutzgedanken Deutschlands vor Augen hat, was sie sowohl wirtschaftlich als auch kulturell begründet. Hierzu war ein Interview mit dem Journalisten Imad Kamin aufschlussreich, in dem sie erzählte, wie sie kurz nach der Wende als 14/15jährige Schwierigkeiten hatte, in ihrer neuen Heimat im Westen akzeptiert zu werden, weil sie hier als Ossi wahrgenommen wurde. Als sie zurückging, hatte sie dasselbe Problem, weil sie jetzt als Wessi wahrgenommen wurde. Wenn man bedenkt, was für eine sensible und verunsichernde Phase dieses Alter ist und wie wichtig die Peergruppe wird, ist es nicht gewagt zu vermuten, dass diese Zeit für Frau Petry traumatisch war. Dieses Thema, im eigenen Land nicht mehr zu hause zu sein, durchzieht ihren Wahlkampf. Ich bin kein Psychologe, aber ich finde, dass man ihr den aufrichtigen Schmerz abspürt, der sie für viele, die ebenfalls in der Gesellschaft nicht ankommen oder sich an den Rand gedrängt fühlen, zu einer glaubwürdigen Gallionsfigur macht. Nein, ich glaube nicht, dass ihre Politik einfach nur Demagogie ist. Ich glaube aber auch nicht, dass sie harmlos ist, denn solche Traumata lassen sich nicht durch Erfolge heilen, sondern bestätigen nur den Hass, der nach meiner Einschätzung nach dem großen Wahlerfolg der AfD noch deutlicher spürbar ist als jemals zuvor.

Wenn man vor diesem Hintergrund das Wahlprogramm liest, fällt auf, dass alle Themen sich durchaus auf einen Nenner bringen lassen: „Der Wunsch nach Anerkennung für Deutschland“. Dabei spielt die Abgrenzung zu der EU ebenso eine Rolle wie die notfalls gewaltsame Verteidigung der Grenzen, eine Rekonstruktion einer alten Gesellschaft mit dem klassischen Familienbild, alten Studiengängen und dem Feiern deutscher Kultur. Selbstbewusstsein und Hoffnung gründen sich auf ein selbstbewusstes und starkes Deutschland. Das Christentum ist dabei nur  Teil der völkischen Folklore. Eine gesellschaftsprägende Kraft ist nicht nur nicht angedacht, sie widerspricht auch dem Grundgedanken der AfD direkt. Björn Höcke brachte es gut auf den Punkt, als er vor dem Erfurter Dom am 13.1.2016 dem Volk zurief

„Es war nie der Dom der Kirchenfürsten. Es ist der Dom unseres Volkes. Es ist unser Dom!“

Damit sind die Fronten klar. Das Christentum ist Eigentum des Volkes, nicht der Kirche. Hätte sich an diesem Abend ein Christ an das Podium gestellt und das Evangelium vom verlorenen Sünder und dem Heil in Jesus Christus gepredigt, hätte ihn mit Sicherheit genau dieser Volkszorn frontal getroffen. Schaut euch den Video-Mitschnitt auf youtube einfach mal an und stellt euch eine Evangelisation als Einlage vor, dann habt ihr ungefähr eine Vorstellung davon, wie AfD und Christentum zusammen passen.
Wenn die AfD also ihre Liebe zur Vater-Mutter-Kind1-Kind2-Kind3-Familie entdeckt, geht es ihr nicht um christliche Werte, sondern um die Vermehrung des Volkes. Es ist weder ein christlicher Wert zu heiraten (Jesus und Paulus waren unverheiratet) noch eine bestimmte Anzahl von Kindern zu bekommen. Es ist mehr als ein Zungenschlag, der uns hier zurückschrecken lassen sollte. Interessant ist, dass die AfD vor allem in den Bereichen christlich klingt, wo es um Themen rund um die Reproduktion geht: Familie, Homosexualität, Abtreibung. Sie unterscheidet sich aber vom Christentum dadurch, dass immer das Thema der (Volks-)Vermehrung dabei eine Rolle spielt. Beispiel: die Familie ist nicht der Ort, wo Kinder im Glauben heranwachsen sollen, sondern die Keimzelle des Volkes! Man sollte über diese Begriffe nicht zu leicht hinweg gehen, der Unterschied ist gravierend, denn letztlich dient die Familie damit dem Volk und ist ihm gegenüber verpflichtet, nicht Gott!

Das Christentum ist für die AfD also nur als Wahlhelfer und als Folklore interessant. Vielleicht hofft sie auch, dadurch vertrauenswürdiger zu erscheinen. Die Grenzen sind aber bereits klar formuliert, denn die AfD versteht sich als „säkulare“ Partei (nach einem Zitat von Bernd Lucke) und das Parteiprogramm beginnt mit den Worten „Wir sind Liberale und Konservative.“ Wie passt das zusammen? Man kann es auch so übersetzen: wir sind völkisch aber nicht christlich. Daher lautet der zweite Satz: „Wir sind freie Bürger unseres Landes.“
Es folgt eine lange Ausführung darüber, dass sie bereit sind, diese Freiheit gegen jede Eimmischung zu verteidigen gedenken. In der Auflistung fehlt interessanterweise die Religion. Heißt das, sie sind nur Gott gegenüber zum Gehorsam verpflichtet? Oder heißt das, sie lassen das Thema lieber erst mal aus, solange sie sich noch bei Christen einschleimen möchten? Interessant ist in diesem Zusammenhang die Begründung zum Verbot von Beschneidung, die nämlich als Körperverletzung eingestuft wird, die nicht durch das Elternrecht zur religiösen Erziehung gedeckt wird. Das Argument ist nicht interessant, weil es neu wäre, es war bisher nur typisch für Menschen, die auch sonst nicht viel von Religion halten. Auch hier beweist die AfD, dass sie Religion nur in den selbstgesteckten Grenzen zu akzeptieren bereit ist, die übrigens enger sind als ich das von vielen Atheisten bisher kenne!
Die Parallelen zur Zeit des Nationalsozialismus sind leider offensichtlich: Christen freuen sich, dass sie in einer Partei mitmachen dürfen, merken aber nicht, dass sie nur als Wahlhelfer und moralische und folkloristische Garnitur missbraucht werden. Sie standen trotzdem bei den Nazis auf der Liste der Einflüsse, die man abschaffen müsse, sobald es nicht mehr zu viele Christen gäbe. Dass Hitler einen Pakt mit der katholischen Kirche geschlossen hat, hinderte ihn nicht daran, gleichzeitig davon zu träumen, in den Vatikan einzumarschieren.
Der Hauptvorwurf der Nazis bestand übrigens darin, dass Deutschland durch die christliche Barmherzigkeit schwach geworden sei. Derselbe Konflikt besteht auch zwischen AfD und Christentum. Der Wunsch nach Selbstbewusstsein, Stärke, Autonomie passt einfach nicht zu Menschen, die ihr tägliches Kreuz auf sich nehmen, den anderen höher achten als sich selbst und für ihre Liebe bekannt sein sollen.
Noch ein letzter Punkt: ich teile die Kritik der AfD an den Medien, die sich zu unsäglichen verlogenen Kampfmaschinen entwickelt haben. Das Parteiprogramm sieht aber neben der Abschaffung der GEZ zwei steuerfinanzierte Staats-Programme für die Berichterstattung vor! Wir sollten dankbar dafür sein, dass sie dämlich genug war, das vorher anzukündigen.

Christen, die auf diese Partei hereinfallen, laufen in eine Falle. Leider ist die AfD nicht so ein primitiver Gegner wie Grüne, SPD oder Linke, die offen anti-christlich agieren, es macht sie dadurch aber nur um so gefährlicher.

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