The Great Trump

Im Präsidentschaftswahlkampf geht es nicht um Clinton oder Trump. Es geht auch nicht um Machogehabe und Emails, Fakten und Emotionen. Und nach meiner Einschätzung geht es in diesem Wahlkampf noch nicht einmal vor allem um rechts gegen links sondern um den Kampf zwischen Aristokratie und Proletariat. Mit dem Auftreten von Donald Trump ist der amerikanische Traum von einer egalitären Gesellschaft, in der jeder alles werden kann, auch offiziell zerplatzt.

Der Titel bezieht sich übrigens auf einen Klassiker der amerikanischen Literatur. In „The Great Gatsby“ geht es ebenfalls um einen reichen Emporkömmling, der erfolglos den Anschluss an die amerikanische Aristokratie sucht. Donald Trump ist nicht nur reich. Er ist Teil einer Familie, die sich tatsächlich aus einfachsten Verhältnissen durch Fleiß und Disziplin hochgearbeitet und damit gezeigt haben, dass der Weg vom Tellerwäscher zum Millionär tatsächlich möglich ist. Was dieses Klischee aber verschweigt: nur weil man Millionär ist, hat man aber trotzdem gesellschaftlich noch nichts zu sagen! Oder anders gesagt: niemand hat behauptet, dass der Tellerlwäscher auch Präsident werden kann. In Amerika hat sich längst eine Aristokratie etabliert, die ein zutiefst europäisches Misstrauen gegenüber jedem Emporkömmling pflegt und sich erfolgreich abschottet. Den Mythos vom Tellerwäscher benötigt sie, um ihren eigenen Stand zu rechtfertigen, denn wenn sie oben schwimmen, dann nur durch eigene Leistung, während die Armen aus eigener Schuld arm sind. Solange der Mythos von der egalitären Gesellschaft gepflegt wird, erhält man den gesellschaftlichen Status Quo. Die Aristokratie entsteht einerseits aus Familien mit berühmten Namen, durch Beziehungen und Geld kann man aber in die begehrten geheimen Clubs und Zirkeln der amerikanischen Elite-Universitäten aufgenommen werden, und so Anschluss an diese begehrte Gesellschaftsschicht finden. Die Elite-Unis bieten zwar ein umfassendes Stipendien-Programm an. Das Sprungbrett in die Aristokratie bilden aber die noblen Geheimbünde. Mit Leistung und Geld allein ist dort nichts zu machen. In diesen Bünden wird nicht nur die Oberschicht auf Zusammenhalt eingeschworen – wehe, wenn man aus dieser Welt ausgeschlossen wird – sondern auch gedanklich geeicht. Manche Dinge sagt man einfach nicht, und wenn man sie sagt, dann bitte so, dass sie die Atmosphäre des Salons nicht stören.

Möglicherweise gehört Trump sogar zu elitären Zirkeln, aber wenn, dann hat er dort nicht viel gelernt. Trump gehört zu den Aufsteigern, den Menschen, von denen man sich in den Clubs gerade abgrenzen möchte und die nur einen gesellschaftlichen Ekel hervorrufen. Aber ist Trump nicht wirklich eklig? Hat er sich nicht wirklich abfällig über Frauen geäußert und vermutlich auch sexuell genötigt? Ja, aber eklige Dinge gab es auch schon bei diversen Präsidenten, während der gesellschaftliche Ekel gegenüber Trump interessanterweise bereits vor den ekligen Geschichten bestand. Man wird den Eindruck nicht los, dass der gesellschaftlich motivierte Ekel eher froh darüber war, nun einen aufrichtigen Anlass gefunden zu haben. Ein häufig genannter Vorwurf war, dass Trump „weinerlich“ oder „wie ein motziges Kind“ wirkte. Es gab noch mehr Formulierungen, die zeigten, an welcher Stelle die soziale Codierung wirksam wurde. Ein wirklicher Aristokrat zeichnet sich im Gegensatz zum Emporkömmling dadurch aus, dass er etwas hat, was nur mit Geld kaum oder nur über viele Generationen zu erreichen ist: Contenance. Eine tiefliegende Gemütsruhe, die für einen Arbeiter, der immer wieder von ehrlichen Existenzsorgen geplagt ist, nicht so recht einstellen will. Auch ein Unternehmer wird nie wirklich zur Ruhe kommen. Ein Adliger, dessen Familie seit Generationen Großteile des Landes gehören hat hier eindeutig Vorteile. Neben dieser klassischen Aristokratie hat sich aber längst eine akademische Aristokratie entwickelt, die zwar nicht unbedingt die Mehrheit des Bodens besitzen aber die Mehrheit der einflussreichen Posten. Und die verteilt man nur unter Seinesgleichen, wobei Distinktions-Mechanismen wirken, die nicht mit guter Erziehung und schon gar nicht mit Geld zu erlangen sind. Hier handelt es sich um eine bestimmte Form von Gesprächskultur, Humor, Geschmack, Gestik etc.

Nein, Donald Trump ist weder Sympathie-Träger noch Unschuldslamm. Er taugt auch nicht als Kämpfer für die Armen und Schwachen. Aber er taugt als Prolet. Und seinem ungebührlichen Auftreten ist es zu verdanken, dass niemand mehr die Existenz einer abgeschotteten amerikanischen Aristokratie übersehen kann.

 

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