Martin Schulz bei Anne Will

Knapp eine Stunde dauerte das Interview bei Anne Will. Die Medien haben ihren Wunschkandidaten Martin Schulz gegen Sigmar Gabriel durchgesetzt, indem sie noch vor Beginn des Wahlkampfes Umfrageergebnisse einer potentiellen Direktwahl gegen Angela Merkel veröffentlichten und ihn auf dieser Grundlage schon vorab als „chancenlos“ einstuften. Nach so einem Auftakt war an eine Nominierung Gabriels natürlich nicht mehr zu denken. Sein Abgang war nicht freiwillig und wurde auch nur in zweiter Linie von seinen Parteikollegen forciert. Es war die Entscheidung der Medien.

Nun kam also sein erstes langes Interview und das unter Idealbedingungen: Eine ausgesprochen aufgeräumte Anne Will, die nur wirklich naheliegende Fragen stellte, ein Publikum, das bereit war, wirklich jede Banalität mit Klatschorgien zu feiern und genug Zeit für Schulz, um alle Fragen in Ruhe und ohne nennenswerte Unterbrechungen zu beantworten. Ein Traum also für jeden Politiker. Schulz wurde nicht wirklich interviewt. Er bekam eine Bühne.

In den ersten Minuten erschien er mir durchaus sympathisch, wie er in einfachen Sätzen immer wieder seine Sorge für die „hacht arbeitenden“ Menschen bekundete. Ja, bodenständig wirkt er mit seiner schlichten Redeweise. Je länger man ihm allerdings zuhört, desto mehr drängt sich der Eindruck auf, dass er nicht schlicht redet, weil er sich um die „hacht arbeitenden“ Menschen sorgt, sondern weil er nun mal schlicht redet. Es stört mich nur ein bisschen, wenn ein Kanzlerkandidat immer „manschmal“ und „europäich“ sagt, es stört mich erheblich mehr, dass er auf kaum eine Frage von Anne Will wirklich souverän antworten konnte. „Was unterscheidet sie von Angela Merkel?“ Sorry, aber mit so einer Frage musste er doch rechnen. Seine Antwort war wieder eine Wiederholung von Anliegen, zu denen Anne Will nur etwas hilflos konstatieren konnte, dass  Angela Merkel doch genau dasselbe sagen könnte. Seine Antwort, dass es etwas ja nicht deshalbt falsch sei, weil Angela Merkel es sagt, sorgte zwar für Gekicher, aber er konnte nicht kaschieren, dass er auf die zentrale Frage des Wahlkampfes offensichtlich nicht vorbereitet war. Unterschiede zu der Politik von Sigmar Gabriel konnte er ebenfalls nicht benennen, aber auf die Frage von Anne Will, ob er also nur gefühlt aber nicht faktisch der bessere Kandidat sei, antwortete er, dass er sowohl gefühlt als auch faktisch der bessere Kandidat sei. Offensichtlich hatte er die Frage nicht verstanden.

Seine Beispiele wiederholte er unzählige Male sogar mit Ankündigung („Ich sags noch mal…“): es gibt Ehepaare, wo beide arbeiten und trotzdem ihre Miete kaum bezahlen können. Das Beispiel kam etwa 5 mal. Klar, es gib schlecht bezahlte Berufe und teure Wohnungen. Was genau ändert er daran? Er beklagt den Zustand der Polizei, die besser ausgestattet werden müsste. Anne Will – wie gesagt auf Kuscheln programmiert -, fragte netterweise nicht, was die Bundespolitik mit den Zuständen der Polizei zu tun hat. Sie fragte auch nicht nach, weshalb Schulz überhaupt eine bessere Politik versprechen könne, wo er doch selbst sagt, dass Angela Merkel nur die „Geschäftsführerin“ einer sozialdemokratischen Regierung sei. Warum ist es dann so wichtig, dass er selbst dieser „Geschäftsführer“ wird? Ihre wenigen kritischen Rückfragen genügten allerdings, um für erhebliche Irritationen bei Schulz zu führen, der einmal überraschend feststellte „Wir haben es heute schwer miteinander“. Ein anderes Mal konnte er sich direkt mit einer von der SPD enttäuschte Wählerin unterhalten. Er hörte ein bisschen zu und probierte sich dabei an einem interessiert einfühlsamen Gesicht, was ihm dann aber ziemlich schnell nicht mehr gelang und er anfing, die Frau zu unterbrechen. Er bat sie um einen Vertrauensvorschuss und verwies sie auf die Möglichkeit, ihn nach der Wahl an seinen Versprechen zu messen. Anne Will wollte nun gerne wissen, an welchen Versprechen er sich denn konkret messen lassen wolle, was sich Schulz – sichtlich erbost – verbat. „Keine Unterbrechungen bitte, Frau Will. Wenn ich jetzt mit Frau Maaßen diskutiere – unmittelbar – und mit ner Wählerin versuche sie zu überzeugen. Dann habe ich Anne Will dazwischen sitzen, die nach jedem dritten Wort – nach jedem Dritten Satz (Anne Will: „Habe ich nicht gemacht!“) ins Wort fällt, hab ich nicht die Chance, die Frau zu überfallen“ Ja, er meinte „überzeugen“, kann passieren. Die Situation war dennoch zum Fremdschämen. Der Applaus aus dem Publikum schien mir im Laufe dieser langen Stunde doch etwas auszudünnen. „Und ich sags noch mal: es gibt Paare, wo beide verdienen und trotzdem ihre Miete nicht bezahlen können.“ Ganz ehrlich, ich vermisse Bernd Lucke. Ich habe unzählige Interviews mit ihm gehört und konnte von seinen brillanten Reden und schlagfertigen Antworten einfach nicht genug bekommen. In dem Interview mit Martin Schulz erwischte ich mich immer wieder dabei, dass ich ungläubig auf die Zeitangabe schaute. Waren das wirklich erst 20 Minuten („Und ich sags noch mal…“ Nein, Herr Schulz, bitte nicht!). Aber einmal sollte man sich das unbeding ansehen.

Für einen konservativen Betrachter war es in gewisser Hinsicht ein Interview, das man sich mit einer Schüssel Popcorn auf dem Schoß ansieht. Stromberg kann kaum unterhaltsamer sein („Das mennnnschliche zählt!“). Ein paar Momente zum Fremdschämen gehören dazu und es bleibt der Eindruck, dass dieser Mann aus Sicht der SPD vielleicht doch keine ganz so kluge Wahl war. Sigmar Gabriel mag vielen nicht so sympathisch sein, aber er ist erheblich schlagfertiger und kennt die politischen Steuerungsinstrumente einer Bundesregierung. Zu Beginn des Interviews hat Anne Will die aus meiner Sicht etwas deplatzierte Frage gestellt, ob sich Martin Schulz nicht selbst überschätzt. Es war die einzige Frage, die durch dieses Interview wirklich beantwortet wurde.

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