Die Suche nach einer neuen Leitwissenschaft

Der klassische Atheismus liebte die Physik, und mit ihr die Vorstellung, dass sich alle Erscheinungen letztlich aus der Beschaffenheit der kleinsten Teilchen erklären lassen (wobei man über deren Herkunft letztlich nichts sagen konnte, sondern auf der Ebene der Materie bereits viel voraussetzen musste). Die Suche nach dem vermeintlichen „Gottesteilchen“ ist zwar  immer noch nicht abgeschlossen, sie ist aber eigentlich längst überholt, seit die Biologie zur neuen Leitwissenschaft erklärt wurde.

Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass in lebendigen Organismen Strukturen entstehen, die eigenen Gesetzen unterliegen und nicht aus den Eigenschaften der Materie erklärt werden können. Besonders anschaulich ist das an dem Punkt, wo Leben aus unbelebter Materie entstanden sein soll. Dieser Prozess ist bis heute nicht annähernd als tragfähiges Modell beschrieben und damit keineswegs ohne Weiteres aus der Materie erklärbar. Was man zusätzlich benötigt, sind Geschichten über einen extrem unwahrscheinlichen Zufall oder außerwissenschaftliche Eingriff, zu denen auch so etwas wie ein der Materie inhaftierender Weltgeist gehört. Auf jeden Fall hört die Erklärung oberhalb der Bindungseigenschaften der kleinsten Teilchen schnell auf, und mit dem Aufkommen der ersten Lebewesen setzt mit der Biologie eine ganz neue Wissenschaft mit eigenen Gesetzen und Erklärungen ein. Es gibt damit einen neuen Anfang, für den jetzt nicht mehr Physik zuständig ist, sondern die Evolution. Sie gilt als Grundlage der Biologie, deren Erklärungen weit in die Sphäre des Menschen ausgreift.

Allerdings kommt auch sie an Grenzen und hat ihre Hochphase mit dem Dritten Reich eigentlich beendet. Der Glaube, aus der Biologie direkt Handlungsmaximen und Weltbild ableiten zu können, wird in der strengen Fassung heute nicht mehr öffentlich geteilt, weil mit dem menschlichen Geist etwas wiederum völlig Neues entstanden ist, das sich wieder nicht mit den Gesetzen der Evolution erklären lässt. Wenn der menschliche Geist so überragend erfolgreich ist, dass er es seinem Träger erlaubt, nicht nur alle Gegenden der Welt zu bewohnen und alle anderen Tiere zu beherrschen, stellt sich die Frage, warum kein anderes Lebewesen diese Fähigkeiten entwickelt hat. Selbst wenn ein Zyniker sagen würde, das wäre ja auch nicht wünschenswert für den Fortbestand der Natur, wäre das nicht evolutions-biologisch gedacht. Wer sich fortpflanzt, gewinnt, unabhängig davon, ob das langfristig für die Natur gut ist oder nicht. Auch die Entstehung des menschlichen Geistes lebt daher von Geschichten über Zufälle und Unwahrscheinlichkeiten, womit nun ein drittes Mal kaschiert wird, dass man vor einer echten Neuschöpfung steht (erst die Materie, dann das Leben jetzt der menschliche Geist). Natürlich braucht man auch die Biologie und die Chemie, um den Menschen zu verstehen, aber das reicht nicht. Ein Biologe kann möglicherweise interessantes Wissen zu der Frage beisteuern, warum ein Justizminister mit Mitte 40 seine Ehefrau verlässt und bestrebt ist, den Medien zu gefallen. Die tatsächlichen Entscheidungen, die er fällt, lassen sich mit Biologie allein aber nicht erklären, sondern mit Entwicklungen, für deren Beschreibung Geisteswissenschaften besser geeignet sind.

Geht man über das Verhalten von Menschen und Völkern hinaus und betrachtet die Welt als Ganze und denkt über das Wesen der Natur selbst nach, das Wesen der besonderen Stellung des Menschen in der Natur, dann kommt von allein die Frage nach Gott auf. Und diese Gedanken können auch aus der Beobachtung des Menschen und den daraus entstehenden Geisteswissenschaften nicht befriedigend behandelt werden. Es gab im 18. Jahrhundert noch Lehrstühle für „Weltweisheit“. Heute werden diese Fragen ausschließlich in der Populär-Literatur behandelt und in einer wenig systematisierten Form mit christlichen aber vor allem buddhistischen, biologischen und animistischen Vorstellungen beantwortet. Im vorangegangen Artikel habe ich die Naturmystik zitiert, als ein Modell, dass diese Fäden doch als einheitliches Gewebe erkennbar macht. Nach meiner Erfahrung nehmen die meisten Menschen davon aber – etwas widerwillig – Abstand, sobald sie mit dieser rudimentären Systematik konfrontiert werden. Das deutet darauf hin, dass die letzten Fragen zwar beantwortet aber nicht systematisiert und daher auch von niemandem kritisch hinterfragt werden – wie soll das auch gehen, wenn die Vermittlung überwiegend im Rahmen der privaten Lektüre erfolgt?

Wenn jemand wissenschaftliche Arbeiten kennt, die sich mit dieser neuen Alltags-Religiosität beschäftigen, schreibt mir das gerne als Kommentar!

 

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