Politische Naturmystik

Befragt nach ihrem Glauben, geben – einer aktuellen Umfrage des ARD zufolge – die Mehrheit der Deutschen an, dass der Glaube für sie keine oder keine große Rolle spielt. Es ist wohl nicht gewagt zu vermuten, dass die meisten Befragten bei dem Begriff „Glaube“ an eine der Weltreligionen dachten und sich nicht als Christen, Muslime oder Juden bezeichnen. Der Buddhismus hat eine Sonderrolle, weil er es geschafft hat, von vielen gar nicht als Religion wahrgenommen zu werden, was für die Umfrage  entscheidend sein könnte. Hätte man sich wirklich für die Bedeutung von Religion und nicht von bestimmten Religionen interessiert, wäre die Umfrage mit Sicherheit anders ausgefallen. Interessantere Fragen wären z.B. gewesen:

Glaubst du, dass es etwas jenseits der wissenschaftlich erforschbaren Wirklichkeit gibt? Das hätten alle, die homöopathische Arzneien nehmen, schon mal mit „Ja“ beantworten müssen.

Glaubst du, dass die Art, wie du dir die Entstehungn von Himmel und Erde vorstellst, Konsequenzen darauf hat, wie du über die Welt und deine Stellung in ihr nachdenkst?

Glaubst du, dass es gutes und schlechtes Verhalten gibt?

Hat Leiden einen Sinn?

Das sind genuin religiöse Fragen einscließlich eines Schöpfungsmythos und einer Ethik.

Man könnte auch andere Fragen stellen, die ausdrücklich religiöse Positionen abfragen, ohne sich ausdrücklich auf eine bestimmte Religion zu beziehen. Es gibt Menschen, die keine Christen sind, aber irgendwie an eine Auferstehung glauben, oder keine Buddhisten aber an Reinkarnation glauben. Der Glaube an Karma ist nach meinem Eindruck fast zum Gemeinplatz geworden ebenso wie die eigentlich animistische Vorstellung von Seelenverwandschaften mit Tieren.

Wer ehrliche Fragen über den Glauben der Menschen stellt, wird vermutlich Schwierigkeiten haben, wirklich Ungläubige zu finden…

Dabei handelt es sich teilweise um ein Geflecht wüst verstrickter Vorstellungen, die aber nach unserer Beobachtung – zumindest mit etwas Abstand – ein deutliches Muster erkennen lassen.

Wir haben in diesem Blog schon öfter über die nach unserer Ansicht längst manifest gewordene Naturmystik gesprochen, die aber bis heute nicht als solche bezeichnet wird. In diesem Beitrag möchte ich einen Schritt weiter gehen und zeigen, welche Rolle die Politik in dieser Religion spielt.

Die Naturmystik (zum ersten Mal beschrieben in einem Kommentar vom 17.4.2007) erklärt kurz gesagt die Entstehung der Welt, des Menschen sowie seine Bedeutung aus der Natur, was ganz zu der Vorstellung von der Biologie als Leitwissenschaft passt. Es ist nicht mehr die Materie, der alte Materialismus, scheint sich zumindest in der Bevölkerung überlebt zu haben) sondern die Natur – eine schwer zu erklärende und für intelligente Atheisten beunruhigende Verschiebung. Die Stellung des Menschen ist durch den Vergleich mit Tieren allerdings nicht allein durch die Natur zu begründen, weil der Mensch so überragende geistige Fähigkeiten entwickelt hat, dass er sich der Natur gegenüber frei entscheiden und verhalten kann – was sich in Umweltzerstörung und Umweltschutz gleichermaßen zeigt. Um Naturmystik nicht zur Beliebigkeit werden zu lassen, muss also auch die Freiheit des Menschen in ein System eingebunden sein, dass seine Freiheit begrenzt, und hier kommt die Politik ins Spiel, die als aus den geistigen Fähigkeiten des Menschen ein Gemeinwesen entstehend gedacht wird, ähnlich wie es ja auch staatenbildende Insekten in der Natur gibt. Der Mensch ist wieder ein politisches Tier. Politik liegt in seiner Natur und macht ihn erst zum Menschen. Für den Naturmystiker ist die Zugehörigkeit zu einem politischen Gemeinwesen daher eine todernste Sache, die Akzeptanz der richtigen Politik wird zu einem der wichtigsten Kriterien darüber, mit wem man verkehrt, das ständige Sondieren politischer Leichtwinde gehört zum Tagesbeginn wie die Morgenandacht im Christentum, und an die Stelle des Abendgebetes tritt das Nachtmagazin, in dem zwar nichts wirklich Wichtiges und schon gar nichts Neues berichtet aber die politische Perspektive vor dem Einschlafen ein letztes Mal sanft korrigiert wird. Journalisten sind einerseits in diesem Glauben besonders wichtig, weil ihnen die Rolle der Verkündiger, Propheten und Ankläger zukommt, sie sind aber auch besonders abhängig, weil sie sich freie Meinungen noch viel weniger leisten können als der normale Naturmystiker. Ein Zweifeln an der sexuellen Früherziehung von Kleinkindern kann die Karriere beenden.

Durch die Naturmystik ist also keine neue Kirche entstanden sondern Politik und Kirche sind ineinander übergegangen. Und was vielleicht noch gravierender ist: Politik ist zur Natur geworden. Sie zu hinterfragen ist daher kein legitimer Ausdruck einer Meinung sondern Irrtum und Sakrileg. Naturmystik duldet keine andere Religion neben sich denn Religionsfreiheit ist für sie nur ein anderes Wort für die Forderung nach unpolitischer Religion. Außer der Naturmystik darf es keine politisch aktiven Religionen geben. Naturmystik selbst gibt es nicht ohne die Identität von Politik und Religion, und sie kann daher keine weitere Einflussnahme dulden. Es ist leicht zu sehen, dass Naturmystik in letzter Konsequenz nur als Diktatur bestehen kann.

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