Bilder können Nachdenken nicht ersetzen

„Für Isabel Schayani hört das Abwägen angesichts der Bilder aus dem Flüchtlingscamp in Lesbos auf.“ Das habe ich heute mit Erstaunen in der tagesschau gelesen. So ein Urteil ist menschlich verständlich, es ist aber ein Fehlschluss, der seit dem Buch von Daniel Kahnemann über schnelles und langsames Denken auch einer breiteren Öffentlichkeit als „taboo trade off“ bekannt ist. Gemeint ist, dass z.B. eine Position schon dann falsch als falsch angesehen wird, wenn es bereits anrüchig ist, über sie nachzudenken.

Dieser Fehlschluss führt zu drei Problemen:

Erstens führt er zu Oberflächlichkeit. Alles, was nach einer Lösung klingt, kann kaum noch hinterfragt werden, d.h. die schnellste Lösung gewinnt.

Zweitens behalten so immer diejenigen recht, die über den Bilderkonsum der Masse entscheiden dürfen. Während Bilder von abgetriebenen Föten bis heute in Deutschland verboten sind, Videos von randalierenden jungen Männern an der Grenze im Netz gelöscht werden und die Bilder der Opfer von Terroristen nur in Form von aufgestellten Blumensträußen und „Warum-Karten“ an die Öffentlichkeit gelangen, werden Bilder von ertrunkenen Kindern bedenkenlos gezeigt. Und wenn die Macht der Bilder nicht ausreicht, braucht man noch die klare Ansage, dass Europa „verdammt noch mal“ (O-Ton Schayani) helfen muss.

Drittens sind Bilder extrem unzuverlässige Informationsquellen. Ohne Begleitinformationen taugen sie praktisch zu nichts. Kriegsberichterstatter standen schon vor der verstörenden Situation, dass sie Kriegsopfer fotografierten um die Weltöffentlichkeit aufzurütteln und im nächsten Dorf die Täter aus dem ersten Dorf als Opfer fotografieren mussten. Und jetzt? Sind alle Schurken oder alle Opfer? Und was ist mit Flüchtlingen, die systematisch Christen während der Überfahrt über Bord warfen und mit  Rudern auf die Ertrinkenden einchlugen? Sind sie Schurken oder Opfer? Oder ist alles komplizierter? Bilder helfen in dieser Frage kaum weiter, sie können bestenfalls dazu aufrütteln, sich mit einem Konflikt zu beschäftigen. Niemals dürfen sie aber dazu missbraucht werden, um das Abwägen zu unterbinden.

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