Merkels und Macrons unterschiedliche Visionen von Europa

Es vergeht kaum ein Tag ohne Kuschelbilder zwischen den beiden. Die Unterschiede werden eher quantitativ wahrgenommen, wobei Macron sich mehr für Europa einzusetzen scheint als Merkel. Diese Darstellung kaschiert allerdings die fundamentalen Unterschiede zwischen den beiden.

Im Hintergrund stehen zwei unterschiedliche historisch wirksame Mythen: Napoleon für Frankreich, das Heilige römische Reich deutscher Nationen für Deutschland. Die Vergleiche wurden ja schon häufiger bemüht, und ich will gar nicht über Ähnlichkeiten und Unterschiede zum heutigen Europa sprechen, ich glaube aber, dass beide Epochen als Schablone für die jeweiligen Länder bis heute wirksam sind. Wer sich die Reden von Macron durchliest, kommt um den Eindruck nicht herum, dass er Frankreich eigentlich als Keimzelle für das moderne Europa sieht. Und wenn er von einer europäischen Armee träumt, beginnt seine Vision damit, die französische Armee schon mal für Soldaten anderer Nationen zu öffnen, die damit aber natürlich ihm unterstellt wären. Sein Europa ist die One-Man-Show eines selbstverliebten Kaisers, der den französischen Geist in die Welt hinaus trägt. Das Wahrzeichen Amerikas schlechthin, die Freiheitsstatue, war bekanntlich ein Geschenk der Franzosen, und sagt vielleicht mehr über ihr Selbstverständnis aus als über das Amerikas. Sonnenkönig, Freigeist und Eroberer, so möchte Macron Europa für sich einnehmen.

Wenn man hingegen Merkels Reden liest, klingt das eher nach einer Arbeitsgemeinschaft, die sich zweckgebunden auch mal auf gemeinsame Projekte einigen kann. Die Einheit besteht für sie eher in einer Kultur- und Wertegemeinschaft, überspitzt gesagt um eine Gemeinschaft der Dichter und Denker. Die politische Souveränität der Staaten ist ihr wichtiger als Macron. Das klingt auf den ersten Blick symphatischer als das Modell des größenwahnsinnigen Macron. Wenn man sich aber die überragende Wirtschaftsmacht Deutschlands ansieht, bedeutet Merkels Modell  ein Staatenbund unter der de facto Vorherrschaft Deutschlands. Eine Kaiserin, die sich mit mächtigen Fürsten arrangieren muss. Und finanzielle Abhängigkeit der Einzelstaaten ist ein bewährtes Mittel, um Macht dort auszubauen, wo sie rechtlich eigentlich nicht greift.

Hinter den weltmännischen Feiertagsreden über die Zukunft Europas steht der Kampf um die Hegemonie in Europa. Seit England diesen Kampfplatz verlassen hat, ist es nur noch ein Kampf zwischen Frankreich und Deutschland. Es mag sein, dass Merkel und Macron sich in konkreten Fragen auf einen Fahrplan einigen können. Es ist aber vollkommen ausgeschlossen, dass sie sich auf ein Modell für Europa einigen können. Denn sie sind keine Partner sondern Kontrahenten im Kampf um die Macht. Nur ein Traum kann dabei erfüllt werden. Europa kann wählen zwischen französischer Diktatur und deutschem Kaiserreich. Alle anderen Staaten werden irgendwie pflichtschuldig mitspielen, weil sie finanziell vollkommen abhängig sind.

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