Nationaldemokratischer Rundfunk

Am 17.12.2019 veröffentlichte die tagesschau einen Kommentar von Jörg Seisselberg zum Ausschlussverfahren gegen Thilo Sarrazin. Ehrlich gesagt habe ich kein einziges Buch von Sarrazin gelesen und interessiere mich auch nur am Rande für die Themen, die ihn umtreiben, aber der Kommentar von Herrn Seisselberg hat mich nun doch fasziniert. Er begrüßt das Ausschlussverfahren als absolut notwendig und vor allem als Zeichen dafür (und damit auch jeder es als gesellschaftlich relevantes Zeichen deutet, weist er ja auch auf den Zeichen-Charakter hin), „wer in demokratischen Parteien in Deutschland eine Heimat hat – und wer nicht.“

Auch das Thema „Heimat“ interessiert mich eigentlich nicht, Herrn Seisselberg mit diesem selbst für einen Deutschen schon fast unaussprechlich deutschen Namen, aber offenbar schon.

In dem Zitat gibt es zwei Unklarheiten: Erstens weiß man nicht, ob das „eine Heimat hat“ deskriptiv oder normativ zu verstehen ist. Heißt es also, dass jemand irgendwo keine Heimat hat oder dass ihm seine Heimat, die er durchaus hat, genommen werden soll? Da Herr Seisselberg sich für den Ausschluss von Sarrazin stark macht, scheint es um letzteres zu gehen, dann wäre die Formulieren allerdings ziemlich feige. Zweitens ist nicht klar, worauf sich das „in Deutschland“ bezieht. Es könnte einschränkend auf die Parteien bezogen sein und bedeuten, dass jemand nur in solchen Parteien keine Heimat haben soll, auf die zwei Kriterien zutreffen: erstens sind sie demokratisch, zweitens in Deutschland. Oder es bezieht sich nicht auf die Parteien, dann müsste man es so verstehen, dass Sarrazin in Deutschland keine Heimat haben soll. Aber wie will Herr Seisselberg das erreichen? Im besten Fall kann er damit eine gesellschaftliche Ächtung befördern, die man juristisch auch als Volksverhetzung bezeichnen könnte. Eine harmlosere Variante scheint mir kaum denkbar und daher unterstelle ich ihm einfach mal, dass es ihm um die erste Lesart geht, in der das „in Deutschland“ sich auf die Parteien bezieht.

Das würde allerdings bedeuten, dass Sarrazin in demokratischen Parteien durchaus eine Heimat haben kann – nur eben nicht in Deutschland. Wofür Herr Seisselberg sich also stark macht, ist eine spezifisch deutsche Form der Demokratie, und die Frage ist, worin das spezifisch Deutsche dieser Demokratie liegt.

Ein paar mögliche Erklärungen fallen mir ein:

Erstens ist Herr Seisselberg ebensowenige wie der Sender, für den er arbeitet, demokratisch gewählt. Macht geht in dieser deutschen Demokratie offenbar nicht uneingeschränkt vom Volk aus.

Zweitens werden in dieser Demokratie andere Maßstäbe an die Bürger angelegt als an die Mächtigen. Während ein Bürger gleichgültig darüber hinwegsehen soll, welche Hautfarbe, Religion, Alter etc. ein Mensch hat, finde ich auf der Homepage des NDR, für den Herr Seisselberg arbeitet, ein erstaunlich einheitliches – um nicht zu sagen „biederes“ – Bild. Dieser Sender stellt als Moderatoren fast ausschließlich Menschen ein, die eine mitteleuropäische Hautfarbe haben und Namen wie Ilka, Kristoffer, Heike oder Jens. Wenn ich auf ein Alter tippen müsste, würde ich sagen, dass 95% so zwischen 35 und 45 liegen. Keine schrägen Transvestiten. Keine Kopftücher. Und ein Farbspektrum, dass sich zwischem spritzigem Dunkelblau und Schwarz bewegt. Vielfalt sieht anders aus.

Eine dritte Besonderheit dieser Demokratie ist, dass dem Wahlvorgang offenbar eine Gewissensprüfungn vorausgehen soll. Denn selbst wenn man Herrn Seisselberg so versteht, dass Menschen wie Herr Sarrazin zwar weiter in Deutschland aber in keiner Partei hierzulande eine Heimat finden dürfen, sind sie auch nicht wählbar! Herr Sarrazin stand zwar nie als Kanzlerkandidat zur Debatte, aber mit seinem Parteiausschluss soll ja gerade deutlich gemacht werden, dass seine Ansichten nicht zur Wahl stehen dürfen.

Abschließend kann ich nur sagen, dass ich froh bin, dass Herr Seisselberg hier nur für sich spricht und in dieser Frage keine Kompetenz besitzt. Dass er sich so öffentlichkeitswirksam zu dem Thema äußern kann, ist den Eigenarten dieser besonderen Form der Demokratie geschuldet.


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