Stammzelldebatte: die falsche Frage

Die Frage, welchen Schutz Embryonen ab wann genießen sollten, wird in vielen Texten zum Thema Stammzellforschung mit der Frage verknüpft, wann Leben beginnt. Aber in diesem Punkt scheint es wissenschaftlich wenig Unklarheit zu geben: der befruchtete Embryo ist ein Lebewesen. Die Frage ist vielmehr, wann er ein Mensch ist. Und tatsächlich wird die Debatte auch erst an dieser Stelle lebhaft. Hier wird dann auf Aristoteles verwiesen, der vermutete, dass der Mensch zunächst eine Pflanzenseele, dann eine Tierseele und wenn er ein Junge ist, mit 40 Tagen eine Menschenseele ist. Mädchen werden erst nach 90 Tagen zu Menschen. Die 90 Tage waren u.a. ein Grund dafür, die Abtreibung bis zum dritten Monat zu legalisieren. Aus unerfindlichen Grünen wählt man bei der Stammzelldebatte eher den Wert für die Jungen und denkt über 40 Tage nach.
Andere sehen im Embryo erst einen Menschen, wenn er sich nicht mehr zu Zwillingen entwickeln kann (wegen der Individualität des Menschen), andere fordern ein Mindestmaß an Intelligenz und warten, bis sich das Gehirn entwickelt hat. Allen Ansätzen ist gemein, dass sie wissen, worüber sie sprechen: über menschliche Embryonen. Es geht immer um die Frage, wann man einem menschlichen Embryo Würde zukommen lässt, aber niemand fragt, was ein menschlicher Embryo ist – hier herrscht schlichte Klarheit. Und damit ist schon die ganze Widersprüchlichkeit der Debatte umrissen, denn wenn man wirklich die Würde eines Menschen an Eigenschaften knüpfen wollen würde, dann müsste man manchem Tier mehr Würde als manchem (z.B. behinderten) Menschen zubilligen. Würde wäre nicht mehr an die biologische Gattung gebunden. Aber obwohl in der Debatte unausgesprochen das Wissen darüber, was ein menschlicher Embryo ist, vorhanden ist, der offenbar durch sein Menschsein einen anderen Schutz verdient als Tiere, fragt man sich darüber hinaus, ab wann er denn nun „wirklich“ ein Mensch sei, also wann er bestimmte Merkmale aufweist, die ihn als Menschen gelten lassen. Daher ist die Debatte um die Legalisierung der Stammzellforschung schon pure Heuchelei, bevor sie begonnen hat. Die „Lösung“, zu der sich der Bundestag jetzt durchgerungen hat, spiegelt dies einfach wieder: am meisten Stimmen hat der Vorschlag erhalten, den Stichtag zu verschieben. Damit ist auf jeden Fall klar, dass kein einziger Ansatz zur Festlegung der Menschenwürde berücksichtigt wurde, denn dass diese erst an einem bestimmten Termin dem Menschen zugesprochen wird, hat noch nie jemand behauptet. Die Entscheidung ist ein Zeugnis für das Unvermögen einer Regierung, die sich von Gottes Geboten verabschiedet hat, transzendente Werte zu sichern, selbst dort, wo sie den Bedarf sieht.

Ich möchte hier nur kurz auf die Probleme eingehen, die durch den Ansatz entstehen, der einem Menschen Würde erst zuspricht, wenn bestimmte Merkmale erkennbar sind:
Würde, die von Eigenschaften abhängt ist erstens verlierbar und zweitens graduierbar. D.h. ein Mensch, der eben noch Würde besaß, kann sie durch einen schweren Unfall verlieren. „Graduierbar“ bedeutet, dass es ein Mehr oder Weniger an Würde geben kann, so wie ja auch die notwendigen Eigenschaften mehr oder weniger ausgeprägt sind. D.h. Männern würde durchschnittlich eine größere Würde zugesprochen als Frauen, weil sie durchschnittlich einen höheren IQ besitzen, ein Philosophie-Professor, der besonders über sein Menschsein reflektiert, besitzt eine höhere Würde als ein Mathematik-Professor und Europäer besäßen vermutlich mehr Würde als Indianer. Das ist wohl kaum eine Position, über die man ernsthaft nachdenken möchte…

In der Bibel gibt es mehrere Stellen, die für diese Frage fruchtbar sind: die Ebenbildlichkeit des Menschen (wobei wir von Gott ja gerade kein Bild besitzen und dies gar nicht vergleichen können!), David sagt, dass schon seine Urform von Gott gesehen wurde (also genau das, was der Forscher im Labor dann unter den Augen Gottes zerlegt) und letztlich jede Stelle, in der es um den Schutz der Armen und Schwachen, der Frauen und Kinder, der Witwen und Fremden und Kranken geht. Sie sind ein lebendiges Zeugnis für die Würde des Menschen, die gerade nicht nachweisbar und nicht an Eigenschaften festzumachen ist sondern dem Menschen transzendent von Gott zukommt. Eine Regierung, die sich von dem christlichen Weltbild lossagt, wird keinen Zugang mehr zum Gedanken der Menschenwürde finden. Dafür hat der Bundestag erneut den Beweis angetreten.

Einen ausführlicheren Artikel zu diesem Thema gibt es in diesem Blog unter der Überschrift „Ab wann besitzt der Mensch eine unantastbare Würde?„.

Eine umfangreiche Linkliste zum Thema gibt es bei der ALFA.

TOP 20 Theocons 2007: Die meistgelesenen Artikel

Ab wann besitzt der Mensch eine unantastbare Würde?

(Der folgende Text ist ein Auszug aus meiner Erwiderung zu dem Artikel „Die Frucht der Freiheit“ von Volker Gerhardt in der ZEIT Nr. 49 vom 27.11.03., in welcher dieser versucht hat, die Menschenwürde auf den Zeitpunkt der Geburt zu verlegen. Volker Gerhardt war zu jener Zeit Mitglied von Schröders sog. „Ethik-Kommision“. Der Text wurde von der ZEIT nicht abgedruckt.)

Gott selbst stellt jede unrechtmäßige Attacke gegen einen Menschen unter Strafe, weil er es als Angriff auf sein Bild wertet (Genesis 9,6). Weil die Unantastbarkeit des Menschen von Gott selbst gefordert wird, entzieht sie sich jeder von Menschen bestimmten Bedingung und Definition. Sie erscheint wie eine Eigenschaft, die dem Menschen objektiv zukommt, ohne sinnlich wahrnehmbar zu sein. Da keine weiteren Bedingungen gefordert sind als das „Menschsein“, kann man sich auf eine sehr biologische Grenze für die Menschenwürde zurückziehen: Der Mensch ist ein Lebewesen (so weit so gut). Als Lebewesen ist er ein Organismus, und Organismen müssen nur in einem bestimmten Medium mit Nahrung versorgt werden, um dann von ganz allein eine genetisch vorgeschriebene Entwicklung zu durchlaufen. Daraus ergibt sich die Definition: Ein Mensch ist ein Organismus mit menschlichem Erbgut. Eine einzelne menschliche Zelle enthält zwar das menschliche Erbgut, ist aber kein Organismus. Diese Unterscheidung ist in der Biologie üblich und wird selbst auf einzellige Lebewesen angewendet: Sie gelten als vollwertige Organismen mit nur einer Zelle und sind nicht analog zu den Einzelzellen zu sehen. Auch eine Stammzelle ist kein Organismus, solange sie nicht z.B. in die Hülle einer Mäuse-Eizelle eingepflanzt wird. Dass die Gegner der Stammzellforschung den Beginn des einzelnen Menschen in der Vereinigung der haploiden Chromosomensätze beider Elternzellen sehen, mag einen einfachen Grund haben: Durch die entsprechenden Debatten ist der Blick auf die Bedeutung des Gencodes fixiert worden. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, ein Lebewesen sei eine Abfolge von Säuren. Man übersieht dabei aber leicht das komplizierte Zusammenspiel in einer Zelle, in der ein Gencode allein wenig ausrichten kann. Bei der natürlichen Vermehrung beginnt demnach der Mensch nach der Verschmelzung von Samen und Eizelle, auch wenn die Chromosomensätze noch getrennt sind.
Dieser rein biologische Zugang mag für manchen Geisteswissenschaftler wenig Charme haben. Er ist aber die einzige Möglichkeit, die Würde aller Menschen anzuerkennen. Selbst wenn man die für die Menschenwürde erforderlichen Kriterien noch so eng an die Definition des Menschen anschmiegt, werden zwei Gruppen von Menschen gebildet, und nüchtern betrachtet ist das ja auch der Sinn der ganzen Debatte. Der Umgang mit Kriterien ist aber riskant: Wenn sie nicht in einem willkürlichen Zeitpunkt bestehen, lassen sich auch immer Erwachsene denken, denen keine Menschenwürde zukommt. Gerhardt selbst spricht davon, dass der Mensch von der Gemeinschaft als Mensch aufgenommen wird. Wohl dem, der dieses Glück hat.
Und weshalb sollte sich eine Gesellschaft, wenn sie ohnehin selbst festlegen kann, wer Träger der Menschenwürde ist, unnötig einschränken? Weshalb sollte man sich dem Kind verpflichtet fühlen, nur weil man es geboren hat? Es gibt genug Beispiele für Kulturen, in denen die Eltern erst nach der Geburt und einer gründlichen Inspektion über das Lebensrecht des Kindes entschieden haben. Und dass dies auch in Deutschland bereits möglich ist, zeigen Einzelfälle, die aus den Kliniken an die Öffentlichkeit dringen.
Man kann die unbedingte Menschenwürde also nicht von einer rein biologischen Definition des Menschen trennen. Es gibt hier keine eher konservative oder eher liberale Auffassung, denn der Bruch, der mit der Trennung von dem Mensch als Lebewesen und dem Träger der Menschenwürde eintritt, kann grundlegender kaum sein: Jetzt fängt die Suche danach an, was einen Menschen würdig erscheinen lässt. Menschenwürde kommt dem Menschen nicht mehr zu, sondern wird zu einer Eigenart des Betrachters. Der hält typischerweise etwas für würdig oder nicht; die Menschenwürde des Objektes wird ersetzt durch die Humanität des Subjektes. Statt sich auf ein Grundrecht zu berufen, kann man dann nur noch sagen, was man selbst für schützenswürdig hält.

Referendum zu künstlicher Befruchtung in Italien gescheitert

Nach dem Boykottaufruf der katholischen Kirche verfehlt das Bioethik-Referendum in Italien die erforderliche Mindestquote. Dies ist ein grosser Tag für die Lebensschützer in Italien, aber nicht nur dort sondern in ganz Europa. Das Ergebnis zeigt den immer noch ausserordentlich grossen Stellenwert der katholischen Kirche in diesem südeuropäischen Land und unterstreicht ihre Deutungshoheit zu der Thematik „Kultur des Lebens“. Mit der Ernennung des deutschen Kardinal Ratzinger zum Papst ist nun auch in Deutschland ein „Kampf der Kulturen“ eingeleitet worden … Wir von theocons.de hoffen auf ein gross angelegtes Roll-Back der „Kultur des Todes“ hier in unserem Land … Gott segene Deutschland!
Referendum zu künstlicher Befruchtung in Italien gescheitert