Spricht das Christentum Tieren eine Seele ab?

Die deutliche Unterscheidung von dem Tier als seelenloser Maschine und dem Menschen als beseeltem und daher vernünftigen Wesen, geht auf Descartes zurück und ist kein genuin biblischer Gedanke. Trotzdem hat die katholische Kirche diese Unterscheidung übernommen so wie sie schon immer gerne Anleihen bei der Philosophie genommen hat. Das große Verdienst der protestantischen Theologie bestand darin, das Christentum wieder auf die Bibel gegründet zu haben – wobei eine ausgearbeitete Theologie der Tiere und der Natur leider nicht unternommen wurde. „Spricht das Christentum Tieren eine Seele ab?“ weiterlesen

Peter Singers „Praktische Ethik“

Was der Bioethiker Peter Singer von der Universität Princeton sagt, ist bekannt. Neu war für mich lediglich die Tatsache, dass deutsche Medien ihm unkommentiert Raum für seine Ansichten geben. In diesem Fall hat er eine Entscheidung eines Ausschusses des spanischen Parlamentes kommentiert, dass „Projekt Menschenaffen“ (Great Ape Projekt) unterstützen zu wollen.
Dieses u.a. von Singer gegründete Projekt habe die Aufgabe, „unseren engsten nicht menschlichen Verwandten – den Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans -, ein Recht auf Leben, Freiheit und Schutz vor Folter zuzugestehen“.

Klingt nett, gerade wenn man bedenkt wie rührend ernsthaft diese Affen im Zoo ihre Nahrung zerlegen oder ihr soziales Gefüge pflegen. Klar, das Patriarchat müssten irgendwelche feministisch gesinnten Affen noch abschaffen und mit der Egalität unter den Mitgliedern ist es auch nich besonders weit her, aber das kann man sicher ändern. Ein bisschen schwieriger wird es vielleicht, den Schimpansen abzugewöhnen, andere Affen zu fressen (evtl. durch Blauhelmeinsätze), aber wir wissen ja: keine Rechte ohne Pflichten.

Aber im Ernst: was kann man gegen den Vorschlag haben, zumindest Menschenaffen „ein Recht auf Leben, Freiheit und Schutz vor Folter zuzugestehen“? Es wird sich zeigen: sehr viel!
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Kann die Natur uns retten?

Wenn sie es nicht kann, läuft die westliche Welt geschlossen und konzentriert in die Irre, denn Klima- und Umweltschutz haben sich zur bestimmenden Kollektivsorge eines ganzen Kulturkreises entwickelt. Und wo es nicht darum geht, den Zustand seiner sog. „Umwelt“ zu retten, sucht der Mensch im Privaten das natürliche Leben und die eigene Natur und führt auf diese Weise seinen persönlichen Kampf gegen den vermeintlichen Naturverlust fort (einfach mal unter „Naturmystik“ googlen).

Die Überschrift „Kann die Natur uns retten?“ habe ich einer kurzen Erzählung des Pastors Wilhelm Busch entlehnt, mit der er die Frage auf schlichte Weise beantwortet.

Für alle, die sich von dieser weitsichtigen Ermahnung aus den 60er Jahren nicht ablenken lassen wollen, möchte ich hier auf die Zukunft der Natur hinweisen: die Natur ist endlich! Die Sonne wird erkalten und irgendwann erlöschen, der zweite Hauptsatz der Thermodynamik ist unumkehrbar und die Bevölkerung wächst exponentiell, während sich die Anbauflächen nur linear vermehren lassen (die bewohnbare Fläche der Erde ist ohnehin begrenzt), d.h. es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die Menschen zwischen Essen und Atmen entscheiden müssen.
Die Welt ist nicht für die Ewigkeit geschaffen sondern todverfallen, sie trägt die Zeichen des Todes überall. Sie kann daher den Blick auf Gottes Herrlickeit lenken, aber sie wiederspiegelt sie nur noch unvollkommen.
Auch hier möchte ich darauf hinweisen, dass mir Naturschutz am Herzen liegt. Aber ich bin überzeugt davon, dass es eine Torheit ist, seine Hoffnung auf die Natur zu richten.
Und falls sich jemand darauf zurückziehen möchte, dass das Ende der Welt noch ziemlich weit entfernt ist, muss er sich daran erinnern lassen, dass es seine eigene Natur ist, die ihn töten wird, sofern er nicht eines „unnatürlichen“ Todes sterben sollte. Denn nicht die Atombombe, nicht die Handfeuerwaffe und auch nicht die Todesstrafe sind die größten Killer, sondern die Natur des Menschen. Wobei es eine Frage der Definition des „natürlichen“ Todes ist, ob man die über 200 000 Opfer des Tsunami, die innerhalb von Stunden sinnlos von der Natur hinweggerafft wurden, dazuzählt oder nicht.
Wenn mir die Natur also am Herzen liegt, dann nicht, weil sie mich retten kann, sondern weil sie mich auf meinen Retter verweist. Sie lehrt mich staunen (und fürchten) und sie lehrt mich vor allem den Blick nach oben zu richten, von wo jedes Lebewesen seine Kraft und sein Leben empfängt. Aber sie lehrt mich auch, über sie hinaus zu sehen, weil ich zwar die Trümmer der Herrlichkeit in ihr erkenne aber nicht mehr die Herrlichkeit selbst. So wird die Natur mir zur ersten Lehrerin der Güte Gottes und zur Mahnerin seines Gerichtes und lässt mich ohne Entschuldigung vor ihm stehen. Die Entschuldigung finde ich nur im Evangelium.

Grün war die Naivitiät

Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: ich bin ein begeisterter Anhänger von Umweltschutz, und ich liebe alles, was grün ist und lebt. Aber oder gerade deswegen sehe ich die warnenden Stimmen, die in dem Gütesiegel „Bio“ eben nicht den Garanten für eine bessere Welt sehen. Gerade die Journalisten Maxeiner und Miersch haben sich hier durch ihre nüchtern kritischen Nachforschungen in meinen Augen höchsten Respekt verdient. Auf ihrer Homepage haben sie zahlreiche lesenswerte Essays veröffentlich. Auf zwei Artikel, die sie in Cicero veröffentlicht haben, möchte ich hier besonders hinweisen:
Unter der Überschrift „Schöne heile Welt“ geht Michael Miersch verschiedene Studien durch, in denen versucht wird, der positive Effekt von Bioprodukten zu untersuchen.
Im Artikel „Biodiesel tötet Nashörner“ zeigt er am Beispiel des Bio-Sprits, wie gefährlich es ist, bestimmte Lösungen vorschnell in der Bevölkerung als Lösung zu puschen – und andere kategorisch auszuschließen…
Wen diese Themen interessieren, wird sicher in der jüngsten Veröffentlichung von Maxeiner und Miersch fündig.

Stammzelldebatte: die falsche Frage

Die Frage, welchen Schutz Embryonen ab wann genießen sollten, wird in vielen Texten zum Thema Stammzellforschung mit der Frage verknüpft, wann Leben beginnt. Aber in diesem Punkt scheint es wissenschaftlich wenig Unklarheit zu geben: der befruchtete Embryo ist ein Lebewesen. Die Frage ist vielmehr, wann er ein Mensch ist. Und tatsächlich wird die Debatte auch erst an dieser Stelle lebhaft. Hier wird dann auf Aristoteles verwiesen, der vermutete, dass der Mensch zunächst eine Pflanzenseele, dann eine Tierseele und wenn er ein Junge ist, mit 40 Tagen eine Menschenseele ist. Mädchen werden erst nach 90 Tagen zu Menschen. Die 90 Tage waren u.a. ein Grund dafür, die Abtreibung bis zum dritten Monat zu legalisieren. Aus unerfindlichen Grünen wählt man bei der Stammzelldebatte eher den Wert für die Jungen und denkt über 40 Tage nach.
Andere sehen im Embryo erst einen Menschen, wenn er sich nicht mehr zu Zwillingen entwickeln kann (wegen der Individualität des Menschen), andere fordern ein Mindestmaß an Intelligenz und warten, bis sich das Gehirn entwickelt hat. Allen Ansätzen ist gemein, dass sie wissen, worüber sie sprechen: über menschliche Embryonen. Es geht immer um die Frage, wann man einem menschlichen Embryo Würde zukommen lässt, aber niemand fragt, was ein menschlicher Embryo ist – hier herrscht schlichte Klarheit. Und damit ist schon die ganze Widersprüchlichkeit der Debatte umrissen, denn wenn man wirklich die Würde eines Menschen an Eigenschaften knüpfen wollen würde, dann müsste man manchem Tier mehr Würde als manchem (z.B. behinderten) Menschen zubilligen. Würde wäre nicht mehr an die biologische Gattung gebunden. Aber obwohl in der Debatte unausgesprochen das Wissen darüber, was ein menschlicher Embryo ist, vorhanden ist, der offenbar durch sein Menschsein einen anderen Schutz verdient als Tiere, fragt man sich darüber hinaus, ab wann er denn nun „wirklich“ ein Mensch sei, also wann er bestimmte Merkmale aufweist, die ihn als Menschen gelten lassen. Daher ist die Debatte um die Legalisierung der Stammzellforschung schon pure Heuchelei, bevor sie begonnen hat. Die „Lösung“, zu der sich der Bundestag jetzt durchgerungen hat, spiegelt dies einfach wieder: am meisten Stimmen hat der Vorschlag erhalten, den Stichtag zu verschieben. Damit ist auf jeden Fall klar, dass kein einziger Ansatz zur Festlegung der Menschenwürde berücksichtigt wurde, denn dass diese erst an einem bestimmten Termin dem Menschen zugesprochen wird, hat noch nie jemand behauptet. Die Entscheidung ist ein Zeugnis für das Unvermögen einer Regierung, die sich von Gottes Geboten verabschiedet hat, transzendente Werte zu sichern, selbst dort, wo sie den Bedarf sieht.

Ich möchte hier nur kurz auf die Probleme eingehen, die durch den Ansatz entstehen, der einem Menschen Würde erst zuspricht, wenn bestimmte Merkmale erkennbar sind:
Würde, die von Eigenschaften abhängt ist erstens verlierbar und zweitens graduierbar. D.h. ein Mensch, der eben noch Würde besaß, kann sie durch einen schweren Unfall verlieren. „Graduierbar“ bedeutet, dass es ein Mehr oder Weniger an Würde geben kann, so wie ja auch die notwendigen Eigenschaften mehr oder weniger ausgeprägt sind. D.h. Männern würde durchschnittlich eine größere Würde zugesprochen als Frauen, weil sie durchschnittlich einen höheren IQ besitzen, ein Philosophie-Professor, der besonders über sein Menschsein reflektiert, besitzt eine höhere Würde als ein Mathematik-Professor und Europäer besäßen vermutlich mehr Würde als Indianer. Das ist wohl kaum eine Position, über die man ernsthaft nachdenken möchte…

In der Bibel gibt es mehrere Stellen, die für diese Frage fruchtbar sind: die Ebenbildlichkeit des Menschen (wobei wir von Gott ja gerade kein Bild besitzen und dies gar nicht vergleichen können!), David sagt, dass schon seine Urform von Gott gesehen wurde (also genau das, was der Forscher im Labor dann unter den Augen Gottes zerlegt) und letztlich jede Stelle, in der es um den Schutz der Armen und Schwachen, der Frauen und Kinder, der Witwen und Fremden und Kranken geht. Sie sind ein lebendiges Zeugnis für die Würde des Menschen, die gerade nicht nachweisbar und nicht an Eigenschaften festzumachen ist sondern dem Menschen transzendent von Gott zukommt. Eine Regierung, die sich von dem christlichen Weltbild lossagt, wird keinen Zugang mehr zum Gedanken der Menschenwürde finden. Dafür hat der Bundestag erneut den Beweis angetreten.

Einen ausführlicheren Artikel zu diesem Thema gibt es in diesem Blog unter der Überschrift „Ab wann besitzt der Mensch eine unantastbare Würde?„.

Eine umfangreiche Linkliste zum Thema gibt es bei der ALFA.

TOP 20 Theocons 2007: Die meistgelesenen Artikel

Die Geschichte einer misslungenen Kastration

Am 22.81956 wurde Bruce Reimer und sein eineiiger Zwillingsbruder Brian im kanadischen Winnipeg geboren. Bei seiner Beschneidung wurde sein Glied so stark verletzt, dass es schwarz wurde und bald vollständig abfiel.
Nun entspricht es der gegenwärtigen political correctness, über den Verlust eines Penis zu schmunzeln, während man über den Verlust einer Brust niemals schmunzeln dürfte, aber für die Eltern war das Schicksal ihres Sohnes ein schmerzhaftes Erlebnis.

Im Februar 1967 sahen die beiden den Psychiater John Money im Fernsehen. Money behauptete in der Sendung, man könne aus Männern ohne weiteres Frauen machen. Die Eheleute Reimer glaubten, die Lösung für ihre Probleme gefunden zu haben: der Junge wird einfach eine Frau! Sie schrieben Herrn Money an, und erhielten umgehend Antwort. Was sie nicht ahnten war, dass Money seine Theorie mit schönen Worten und noch schöneren Transsexuellen unterhaltsam verbreiten, aber nicht mit einer einzigen Untersuchung belegen konnte. Denn Kritiker wiesen darauf hin, dass er bislang nur Geschlechtsumwandlungen an sexuell gestörten Menschen wie Trans- oder Intersexuellen durchgeführt habe, nie aber an einem gesunden normalen Jungen. Und eben hierfür erschien das Experiment „Bruce Reimer“ mit seinem Zwillingsbruder als Kontrollgruppe gerade recht. Volker Zastrow weist in seinem Buch „Gender – Politische Geschlechtsumwandlung“ darauf hin, dass die Begriffe „gender identity“, „gender role“ von John Money geprägt wurden. Er sei der einflussreichste wissenschaftliche Wegbereiter der Gender-Theorie, der zufolge das soziale Geschlecht (gender) bis zur vollständigen „Diskordanz“ abweichen kann: dass man also erfolgreich einen Jungen zu einer Frau oder ein Mädchen zu einem Mann erziehen könne.
Das Experiment wurde mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und aus naheliegenden Gründen von Homosexuellen und Feministinnen begierig aufgegriffen. Alice Schwarzer lobte Money als „Ausnahmewissenschaftler“. Aber wie verlief das Zwillingsexperiment überhaupt?

Zunächst einmal begann es damit, dass dem 22 Monate alten Bruce die Hodensäcke entfernt und aus der Haut des Hodensacks rudimentäre Schamlippen geformt wurden. Für die beiden Jungs gehörten Ärzte und Therapeuten ab jetzt zum Alltag. Die Eltern und Verwandten erhielten strenge Anweisungen, Bruce und auch sonst niemanden über dessen wahres Geschlecht zu informieren und ihn konsequent als Mädchen zu behandeln. Aus „Bruce“ wurde „Brenda“. Doch obwohl die beiden Zwillinge ausgesprochen zarte und niedliche Gesichter besessen haben sollen, blieb „Brendas“ Verhalten jungenhaft: Er wollte lieber mit dem Spielzeug seines Bruders spielen als mit den Puppen, dem Schmuck und den Kleidern, die man ihm anbot. Er tobte, raufte und interessierte sich für Autos und Waffen. Money bewertete das Verhalten als „Wildfang“-Verhalten, wie es auch sonst bei Mädchen hin und wieder vorkäme. Aber sein Verhalten wurde immer auffälliger: er konnte nur durch besondere Gutachten in die Schule aufgenommen werden, konnte sich nicht integrieren noch die geforderten Leistungen bringen – im Gegensatz zu seinem eineiigen Bruder!
Ab seinem elften Lebensjahr quälte „Brenda“ sich mit Selbstmordgedanken. Aber „alle Anzeichen von Verwirrung und schließlich Verzweiflung, die das Kind zeigte, wurden von seinen Betreuungspersonen beiseite geschoben, uminterpretiert oder geleugnet.“
Für „Brenda“ waren die Besuche bei John Money – wie er später berichtete – „eine unerträgliche Qual“. Aber so sehr er sich schon als Vierjähriger dagegen sträubte, gegen seine Eltern konnte er sich nicht durchsetzen. In Zukunftsträumen beschrieb er sich als Mann mit Schnurrbart in einem Sportwagen. Mit beginnender Pubertät diagnostizierte Money bei Brenda eine „lesbische Veranlagung“, weil er sich von Mädchen angezogen fühlte.
Als Jugendlicher bekam „Brenda“ weibliche Hormone verabreicht, um den körperlichen Umbau der Pubertät einzuleiten. Zur Überraschung der Ärzte durchlief er aber dennoch den Stimmbruch, blieb allerdings kleiner als sein Bruder. Den nun anstehenden zahlreichen Operationen widersetzte sich „Brenda“ – jetzt 13 Jahre alt – so heftig, dass er nicht mehr zu den Arztbesuchen in Baltimore überredet werden konnte.
Erst jetzt sagten die Eltern ihren Söhnen die ganze Wahrheit, und „Brenda“ beschrieb seine Empfindung: „Ich war erleichtert. Plötzlich verstand ich, warum ich mich so fühlte, wie ich mich fühlte. Ich war kein komischer Kauz. Ich war nicht verrückt.“
Ab sofort wollte er als Junge leben, nannte sich „David“ (weil er gegen eine Übermacht gekämpft und gewonnen hat) und schluckte nun männliche Hormone. Später ließ er soweit wie möglich sein Genital operativ wieder herstellen und heiratete schließlich sogar.
Aber im Frühjahr 2004 erschoss sich David Reimer mit einer Schrotflinte; sein Bruder Brian nahm sich im Jahr zuvor mit Tabletten das Leben.

Nach 1980 verwendete Money den Fall Reimer nicht mehr in seinen Veröffentlichungen, blieb aber weiter bei seiner Behauptung. Aus feministischen Schriften wurde der Fall in den folgenden Jahren stillschweigend gestrichen – nicht jedoch die Theorie.

Dabei gab es gewichtige Entdeckungen im Bereich der Hirnforschung, welche die Vorstellung eines rein sozialen Geschlechtes widerlegten.

Money ordnete die mit Beginn des neuen Jahrtausends nach dem Bekanntwerden von David Reimers wirklichem Schicksal aufbrandende Kritik an seiner Arbeit und die verändete Haltung der Presse als „Bestandteil der antifemisnistischen Bewegung“ ein. Seine Gender-Theorie ist aus der nationalen und Internationalen Politik nicht mehr wegzudenken und bildet noch heute die Grundlage von Quotenregelung und Familienpolitik.

Literaturhinweis:

www.amazon.de/Gender-Politische-Geschlechtsumwandlung-Volker-Zastrow/dp/3937801138/ref=sr_1_1/302-4179261-5541620?ie=UTF8&s=books&qid=1188297704&sr=1-1

Ab wann besitzt der Mensch eine unantastbare Würde?

(Der folgende Text ist ein Auszug aus meiner Erwiderung zu dem Artikel „Die Frucht der Freiheit“ von Volker Gerhardt in der ZEIT Nr. 49 vom 27.11.03., in welcher dieser versucht hat, die Menschenwürde auf den Zeitpunkt der Geburt zu verlegen. Volker Gerhardt war zu jener Zeit Mitglied von Schröders sog. „Ethik-Kommision“. Der Text wurde von der ZEIT nicht abgedruckt.)

Gott selbst stellt jede unrechtmäßige Attacke gegen einen Menschen unter Strafe, weil er es als Angriff auf sein Bild wertet (Genesis 9,6). Weil die Unantastbarkeit des Menschen von Gott selbst gefordert wird, entzieht sie sich jeder von Menschen bestimmten Bedingung und Definition. Sie erscheint wie eine Eigenschaft, die dem Menschen objektiv zukommt, ohne sinnlich wahrnehmbar zu sein. Da keine weiteren Bedingungen gefordert sind als das „Menschsein“, kann man sich auf eine sehr biologische Grenze für die Menschenwürde zurückziehen: Der Mensch ist ein Lebewesen (so weit so gut). Als Lebewesen ist er ein Organismus, und Organismen müssen nur in einem bestimmten Medium mit Nahrung versorgt werden, um dann von ganz allein eine genetisch vorgeschriebene Entwicklung zu durchlaufen. Daraus ergibt sich die Definition: Ein Mensch ist ein Organismus mit menschlichem Erbgut. Eine einzelne menschliche Zelle enthält zwar das menschliche Erbgut, ist aber kein Organismus. Diese Unterscheidung ist in der Biologie üblich und wird selbst auf einzellige Lebewesen angewendet: Sie gelten als vollwertige Organismen mit nur einer Zelle und sind nicht analog zu den Einzelzellen zu sehen. Auch eine Stammzelle ist kein Organismus, solange sie nicht z.B. in die Hülle einer Mäuse-Eizelle eingepflanzt wird. Dass die Gegner der Stammzellforschung den Beginn des einzelnen Menschen in der Vereinigung der haploiden Chromosomensätze beider Elternzellen sehen, mag einen einfachen Grund haben: Durch die entsprechenden Debatten ist der Blick auf die Bedeutung des Gencodes fixiert worden. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, ein Lebewesen sei eine Abfolge von Säuren. Man übersieht dabei aber leicht das komplizierte Zusammenspiel in einer Zelle, in der ein Gencode allein wenig ausrichten kann. Bei der natürlichen Vermehrung beginnt demnach der Mensch nach der Verschmelzung von Samen und Eizelle, auch wenn die Chromosomensätze noch getrennt sind.
Dieser rein biologische Zugang mag für manchen Geisteswissenschaftler wenig Charme haben. Er ist aber die einzige Möglichkeit, die Würde aller Menschen anzuerkennen. Selbst wenn man die für die Menschenwürde erforderlichen Kriterien noch so eng an die Definition des Menschen anschmiegt, werden zwei Gruppen von Menschen gebildet, und nüchtern betrachtet ist das ja auch der Sinn der ganzen Debatte. Der Umgang mit Kriterien ist aber riskant: Wenn sie nicht in einem willkürlichen Zeitpunkt bestehen, lassen sich auch immer Erwachsene denken, denen keine Menschenwürde zukommt. Gerhardt selbst spricht davon, dass der Mensch von der Gemeinschaft als Mensch aufgenommen wird. Wohl dem, der dieses Glück hat.
Und weshalb sollte sich eine Gesellschaft, wenn sie ohnehin selbst festlegen kann, wer Träger der Menschenwürde ist, unnötig einschränken? Weshalb sollte man sich dem Kind verpflichtet fühlen, nur weil man es geboren hat? Es gibt genug Beispiele für Kulturen, in denen die Eltern erst nach der Geburt und einer gründlichen Inspektion über das Lebensrecht des Kindes entschieden haben. Und dass dies auch in Deutschland bereits möglich ist, zeigen Einzelfälle, die aus den Kliniken an die Öffentlichkeit dringen.
Man kann die unbedingte Menschenwürde also nicht von einer rein biologischen Definition des Menschen trennen. Es gibt hier keine eher konservative oder eher liberale Auffassung, denn der Bruch, der mit der Trennung von dem Mensch als Lebewesen und dem Träger der Menschenwürde eintritt, kann grundlegender kaum sein: Jetzt fängt die Suche danach an, was einen Menschen würdig erscheinen lässt. Menschenwürde kommt dem Menschen nicht mehr zu, sondern wird zu einer Eigenart des Betrachters. Der hält typischerweise etwas für würdig oder nicht; die Menschenwürde des Objektes wird ersetzt durch die Humanität des Subjektes. Statt sich auf ein Grundrecht zu berufen, kann man dann nur noch sagen, was man selbst für schützenswürdig hält.

Vegetarismus und Menschenwürde

Es gibt verschiedene Gründe, kein Fleisch zu essen: manche Menschen vertragen es nicht, manche mögen es nicht, manche mögen die Art nicht, wie bei uns Tiere gehalten und geschlachtet werden oder fürchten sich vor übertragbaren Krankheiten.

Meistens ist mir der Vegetarismus aber mit einer anderen Begründung vorgestellt worden: mit einer Polemik gegen die christliche Trennung zwischen Tier und Mensch. Nur durch diese Trennung wird dem Menschen seine herausgehobene Würde gesichert und gleichzeitig der Fleischgenuss erlaubt.
Lehnt man diese Trennung ab, wird der Mensch zu einem von vielen Tieren und manche Zeitgenossen überbieten sich geradezu darin, ihn im Wert immer weiter unten in der Skala zu sehen (z.B. unter den Bakterien, weil die schon so alt und erfolgreich sind etc.). Unter anderen Tieren sei es aber nicht mehr möglich, andere „Mitgeschöpfe“ einfach aufzuessen.
Das klingt chic, ist es aber nicht. Denn wenn die Scheu, Tiere zu essen, so begründet wird, verliert man jeden Grund für Menschenwürde! Das darf man nicht vergessen.
Es gibt dann nur zwei Möglichkeiten:
Entweder schätzt man alle Lebewesen gleich wert oder man bemisst ihren Wert nach irgendwelchen Eigenschaften.
Wenn alle Lebewesen gleich wertvol sind, muss man sich umbringen. Denn in jeder Sekunde verenden Bakterien in meinem Magen, während ein Mensch durch seinen Tod vielen Bakterien zur Nahrung dienen kann. Es wäre also grob unmoralisch, am Leben zu bleiben, einem Leben, das so viele andere Leben kostet.
Faktisch wählen daher alle (noch lebenden) Gegner der Menschenwürde den zweiten Weg und unterscheiden sich nur in der Wahl der Eigenschaften, die sie für besonders schützenswert halten. Die Einen schützen die Leidensfähigkeit, die Anderen nur Lebewesen mit Augen …
Alle Eigenschaften haben gemeinsam, dass der Wert eines Menschen von bestimmten Eigenschaften abhängt und ein Mensch also seinen Wert verlieren kann. Was ist nämlich mit Menschen, die keine Augen haben, kein Bewusstsein entwickeln (zumindest nach allem, was man sagen kann), mit Menschen ohne Augen ohne erkennbaren Willen zum Leben? Darf man sie nun töten? Die Antwort müsste für den überzeugten Gegner der christlichen Menschenwürde klar lauten: ja, selbstverständlich.

Es gibt natürlich noch eine andere Möglichkeit: man vermeidet jede Wertzuweisung. Nur ist die Menschenwürde dann erst recht obsolet.

Nach dem dritten Reich hat man aus einem tiefsitzenden Schrecken über die Gräueltaten der Nazis die Menschenwürde in der Verfassung verankert; leider ohne sie zu begründen. Und dieses Versäumnis rächt sich, denn jeder Schrecken verfliegt und es war nur eine Frage der Zeit, bis spätere Generationen diese Menschenwürde ablehnen, deren religiöse Grundlagen keinen Rückhalt in der Bevölkerung mehr hatte.

[Buchtip] Peter Hahne: Schluss mit lustig

Seit Wochen hält dieses Buch den Platz 1 auf der Sachbuch-Bestsellerliste. Man kann es gar nciht fassen, dass „einer von uns“ Evangelikalen es geschafft hat Interesse beim Mainstream zu wecken. Es geht in dem Buch um die Bedeutungsverschiebung, die die Weltsicht des Westens seit dem 11. September 2001 erfahren hat. Es ist eine Bestandsaufnahme dazu wo unsere Gesellschaft heute steht und eine ernste Abrechnung mit der 68er-Revolutuion und der Spass-Generation.
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