Grundlagen einer christlichen Wirtschaftsordnung

Die Finanzkrise und die zu erwartende Rezession haben tiefgreifende Zweifel an unserer Wirtschaftsordnung geweckt – die allerdings auch nicht sehr tief geschlafen haben. Die Vorschläge sind aber alle altbekannt und bewegen sich auf einer Skala, auf der die Lenkmöglichkeiten des Staates stufenlos gesteigert oder gesenkt werden. Da unsere derzeitige soziale Marktwirtschaft sich irgendwo zwischen den Extremen bewegt, bewegen sich beide Lager zu den Extremen und fordern entweder den Sozialismus oder die völlige Freigabe des Marktes.

Aber sind das wirklich die Alternativen? Muss man sich auf dieser Skala bewegen, auf der man sich nur zwischen Elend der Armen und Diktatur entscheiden kann oder einer beliebigen Mischung aus beidem?
Der Sozialismus verhindert jedes wirtschatliche Denken sowohl bei Bürgern als auch bei der Regierung, die irgendwie alle in kürzester Zeit bettelarm sind. Und in der freien Marktwirtschaft gibt es keine effektiven Mittel gegen die Kapital-Akkumulation, die wiederum die wirtschaftlichen Freiheiten der Ärmsten empfindlich beschneidet. Denn egal was man produzieren will, es gibt immer irgendwo ein Unternehmen dafür, dass jedes Gut zu einem Bruchteil des Preises in perfekter Qualität vertreibt. Wer sich selbstständig machen will kann in der Regel nicht viel mehr als seine Arbeitskraft anbieten und die ist nicht mehr viel wert, weil alle wichtigen Güter schon billig mit wenig Personalaufwand produziert werden. Die Triebfeder der wirtschaftlichen Entwicklung sind dabei die Banken, die das nötige Kapital zu Verfügung stellen. Unsere Wirtschaft lebt davon, dass Zinsnahme akzeptiert ist, was ja bis zur Reformation in Europa nicht der Fall war. Mit dem Geld steht dem Markt daher ein Gut zu Verfügung, das theoretisch unbegrenzt vermehrt werden kann, unabhängig von der technischen Entwicklung und der Arbeitskraft der Menschen ist. Es kann ohne nennenswerte Verzögerung um den Globus wandern und das in unbegrenztem Ausmaß. Da dieses Gut aber gleichzeitig das anerkannte Tauschmittel gegenüber allen anderen Gütern ist, nimmt der ganze Markt die Eigenschaften des Geldes an: jedes noch so große Unternehmen kann auf der ganzen Welt gekauft werden und eine beliebig große Menge kann sich theoretisch auf eine beliebig kleine Bevölkerungsgruppe konzentrieren. Durch die Finanzwirtschaft wird das Wirtschaftsleben erst leichtflüssig. Alle Eigenschaften des freien Marktes werden auf dem Gebiet der Geldwirtschaft ins Unbegrenzte gesteigert. Wenn es in der Wirtschaft gilt, dass derjenige mit dem höheren Kapital auch bessere Verkaufschancen hat, dann gilt das für das Geld im engeren Sinn noch mehr. Hier besteht ja die ganze Leistung in nichts anderem als darin, Geld zu besitzen. Je mehr man hat, desto mehr kann man damit verdienen (wenn man davon ausgeht, dass so Einflüsse wie Talent und Glück in der Bevölkerung einigermaßen nach dem Zufallsprinzip verteilt sind). Und zwar nicht nur beliebig viel sondern auch fast beliebig schnell – je mehr desto schneller. Das Ganze funktioniert naturgemäß nur eine zeitlang, wie man sich an einer einfachen Rechnung veranschaulichen kann, auf die mich ein Freund gestoßen hat: stellen wir uns vor, ein Vorfahre von uns hätte zu Lebzeiten Jesu einen Cent auf sein Sparbuch gezahlt und dort mit 2,5% verzinst. Was könnten wir dann heute erben? Mehrere Tausend €? Nein. Die korrekte Zahl lautet: 28.036.951.059.598.430.000,00 € (nach 2000 Jahren Laufzeit). Das ist ein Vielfaches des gesamten auf der Welt verfügbaren Geldvolumens. Es ist völlig offensichtlich, dass Zinsnahme daher nur für kurze Laufzeiten funktioniert und die Realität den Finanzmarkt in regelmäßigen Abständen in Form von Inflationen, Revolutionen, Kriegen und Währungsreformen einholen muss. Man darf sich über so etwas nicht wundern.

Als ich diese Zahl gehört habe, habe ich zum ersten Mal verstanden, wie klug es von Gott war, Zinsnahme zu verbieten… Mit diesem viel belächelten Mittel hat er nicht nur die Ausbeutung der Armen verhindert sondern auch dem Markt eine potente Schranke verpasst. Außerdem verbot er den Israeliten, ihren Grundbesitz zu verkaufen, der am Anfang gleichmäßig an die Sippen aufgeteilt wurde. Auf diese Weise hat er verhindert, dass eben jenes Gut, von dem es eben nur eine begrenzte Menge gibt – nämlich den Boden – , sich in den Händen weniger anhäuft (dass dies dann doch geschah, lag daran, weil sich offenbar viele nicht an dieses Verbot gehalten haben). Selbst der dümmste und faulste Mensch hatte so immerhin noch ein Grundkapital, dass ihm bei dem nötigen Fleiß ähnliche Verdienstchancen ermöglichte wie allen anderen.

Mit dieser Gesellschaftsordnung ist nicht der Staat der Lenker des wirtschaftlichen Geschehens sondern jeder Einzelne bzw. jede Familie. Durch die einfachen und überwachbaren Sanktionen, dass kein Grundstück verkauft werden und keine Zinsen erhoben werden dürfen, wird wirtschaftliches Arbeiten ermöglicht ohne die Gefahr einer unbegrenzten Kapitalakkumulation. Statt einer Revolution bräuchte man dann nur eine „Flurbereinigung“ wie sich in der Landwirtschaft ohnehin in regelmäßigen Abständen und unter viel Gezank nötig ist. Alles Land würde unter den Familien aufgeteilt. Damit es aber nicht zu einer Aufteilung des Landes käme, die wieder die Lebensbedingungen innerhalb von wenigen Generationen vernichten, müsste man den Erbbesitz auf ein Kind (im AT der älteste Sohn) beschränken, das dafür für seine alten Eltern sorgen und seine Geschwister mit der Hälfte des Besitzes auszahlen muss.

Darüber hinaus gibt es im AT noch weitere Gesetze, die vor allem den Armen schützen sollten. Niemand sollte um sein lebesnotwendiges Kapital gebracht werden. Auf die entsprechenden Regeln will ich hier aber nicht im Einzelnen eingehen.

Die Vorstellung, dass der freie Markt sich von selbst reguliert und dabei allen den größten Nutzen bringt, ist der Evolutionstheorie entlehnt (die im gleichen Jahrhundert entwickelt wurde) und funktioniert weder in der Theorie noch in der Praxis. Denn so wie die Evolutionstheorie kalt einfach mit dem Tod der meisten Tiere rechnet, so rechnet der Markt mit dem Untergang der Ärmsten.

Was ist ein Weltaidstag?

An einem Weltaidstag geht es um drei Ziele „Aufklärung, Schutz und Solidarität“. Dabei kann man die Botschaft viel einfacher und klarer formulieren: Es geht um freien Sex mit Kondomen. Über die Schwächen von Kondomen soll nämlich gerade nicht aufgeklärt werden. So bekennt Ann Furedi aus England auf einem Abrteibungskongress ganz offen:

„Mein Sohn“, so sagt Ann Furedi, „soll in einer Welt leben, in der er soviel Spaß mit Sex haben kann wie er will. Und wir wissen doch, dass Verhütung nicht funktioniert. Wir brauchen Abtreibungen als Sicherungssystem. Es wird mehr Abtreibungen geben, wenn mehr Frauen Spaß beim Sex haben – und das ist doch nicht schlecht“.
Und wenn die Verhütung mit Kondomen nicht sicher funktioniert, dann auch nicht der Schutz vor Geschlechtskrankheiten. Das Risiko ist nicht groß und die Ausfälle der Kondome beruhen meist auf Fehler in der Verwendung. Aber ein gewisses Risiko bleibt bestehen auf das man auch ehrlicherweise hinweisen sollte – wenn man die Aufklärung schon vollmundig als erstes Ziel eines Weltaidstages nennt.

Das dritte Ziel bestätigt leider, was Frau Furedi schon über die Sicherheit von Verhütungsmitteln allgemein sagt: es gibt sie nicht. Denn wenn man gleichzeitig die Verwendung von Kondomen jedem von riesigen Plakatwänden und von allen Seiten einschärft und gleichzeitig mit den Infizierten seine Solidarität erklärt, dann ist das ein stillschweigendes Bekenntnis, dass es in einer Gesellschaft, in der es keine eheliche Treue mehr gibt, auch trotz Kondomen selbstverständlich immer zur Verbreitung von Geschlechtskrankheiten kommen wird. Gleichzeitig will man aber das Thema „Treue“ nicht anrühren. Es werden unglaubliche Geldmengen in die AIDS-Forschung gesteckt und der unaufhaltsame Tod durch die Immunschwächekrankheit billigend in Kauf genommen, um Sex nicht an die Ehe binden zu müssen (es geht nicht um Sex, davon haben Verheiratete ohnehin mehr als Unverheiratete), sondern um die Ehe!
Es geht nicht um die Frage, ob Sex für Menschen wichtig ist, sondern ob man den Anspruch der Treue noch erträgt, Sex nur mit einen einzigen Menschen zu praktizieren. Das Thema „AIDS“ könnte so einfach vom Tisch sein. Und dabei hätten vermutlich viele derjenigen, die am Weltaidstag dem Mainstream folgen gar keine Probleme mit dem Anspruch der Treue und träumten vielleicht selbst einmal von einer lebenslangen Beziehung. Aber an diesem Tag werden sie aufgefordert, diese Träume aufzugeben, ein gewisses Ansteckungsrisiko und Abtreibung als Verhütungsergänzung billigend in Kauf zu nehmen und ihren Wunsch nach freiem Sex über alle anderen Wünsche zu stellen. Man kann daher ohne Risiko die Aufgabe eines Weltaidstages so beschreiben:
Ein Weltaidstag ist einfach das umständliche Bekenntnis einer Gesellschnaft, ihre Sexualität nicht mehr im Griff zu haben.

Technik und Politik

Die technische Entwicklung beeinflusst unser Gehirn, sie prägt unseren Alltag, sie lässt Berufe sterben und aufblühen. Aber bisher wurde m.W. (ich lasse mich gerne eines Besseren belehren) wenig über ihren Einfluss auf die Politik nachgedacht.
Welche Auswirkungen hat es auf eine politische Kultur, wenn geistige Arbeit von elektronischen Helfern erledigt wird? Denn darum geht es ja: alles, was wir heute an Beispielen für moderne technische Entwicklung anführen würden, wären Beispiele, in denen es darum geht, das Gehirn zu entlasten. Elektronik entlastet unser Gehirn als Speicher, es entlastet uns von Recherchen, die Suchmaschinen für uns erledigen. Es entlastet uns vor unangenehmen Gedanken, indem wir Musik hören, gegen virtuelle Gegner spielen, oder Filme sehen – und zwar jederzeit und überall.
Spätestens, seit es mp3-Player gibt, muss niemand mehr Langeweile ertragen oder sich mit schweren Gedanken plagen, wenn er nicht will.

Welche Entwicklung wir durchgemacht haben, kann man am besten erkennen, wenn man sich die Aufmerksamkeitsspanne früherer Zuhörer vor Augen führt:
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Alternativer Nobelpreis für Abtreibungsärztin

Nobelpreise sind die höchste Zier jeder wissenschaftlichen Laufbahn. Daneben wird seit 1980 noch der sog. „alternative Nobelpreis“ vergeben, der vor allem Leistungen honorieren soll, die nicht wissenschaftlich bahnbrechend sind. Die naheliegende Erklärung, es handle sich vielleicht um die Auszeichnung besonders aufopferungsvoller Arbeiten ist ebenso wenig richtig. Man muss hier eher von einem politischen Preis sprechen, denn ausgezeichnet wird der Einsatz für alles, was Politikern im linken Spektrum wichtig ist.
In diesem Jahr wurde u.a. die Kölner Frauenärztin Monika Hauser ausgezeichnet. Ich zitiere die Begründung auf tagesschau.de:

„Sie werde wegen ihres Einsatzes für vergewaltigte Frauen in Kriegs- und Krisengebieten geehrt, erklärte die Right-Livelihood-Stiftung in Stockholm. Hauser setzte sich mit ihrer Organisation „medica mondiale“ unermüdlich dafür ein, dass Opfer von „schrecklicher sexueller Gewalt“ Hilfe, soziale Anerkennung und Entschädigung erhielten.“

Die Autoren von tagesschau.de berichten ohne kritische Zwischentöne. Allerdings auch ohne, die ganze Wahrheit zu benennen. Denn worin die „Hilfe“ besteht, kann man an dieser Stelle bestenfalls erahnen, denn die scheint doch ein wesentlicher Teil der Leistung von Frau Hauser zu sein, wenn man nicht davon ausgeht, dass sie selbst die Frauen entschädigt. Und als Frauenärztin besteht ihre honorierte Leistung auch nicht in der Traumabehandlung. Tatsächlich wird Frau Hauser geehrt, weil sie Frauen und Mädchen zur Abtreibung ermutigt und die Abtreibungen vermutlich auch selbst durchführt. Etwas deutlicher – aber immer noch wie am Rande – wird das in einem Artikel in der „emma“ beschrieben.
Leider hätte sie den Nobelpreis selbstverständlich nicht bekommen, wenn sie dafür gesorgt hätte, dass die Kinder von vergewaltigten Frauen auf deren Wunsch in anderen Familien vermittelt werden und auf diese Weise am Leben bleiben könnten. Sie hätte ihn auch nicht erhalten, wenn sie ein Heim für Kinder vergewaltigter Frauen errichtet hätte. Dieser Preis unterstützt keine Leistung, die Menschen hilft, sondern ist ein Koma-Kissen für das Gewissen.
Frau Hauser verweist natürlich auf die „dramatischen Folgen“ einer „erzwungenen Geburt“, nur leider sind die dramatischen Folgen einer Abtreibung bei den Frauen (Post-Abortion-Syndrom) ebenfalls dramatisch, wobei das größte Drama, nämlich das getötete Kind noch gar nicht berücksichtigt ist!
Der Laudatio wird das keinen Abbruch tun, denn bei einem alternativen Nobelpreis hat niemand den Anspruch auf wissenschaftliche Korrektheit oder gar Transparenz und kann daher ganz ungehemmt seine politischen Ansichten feiern.

„Sie wissen, dass die solches tun, nach Gottes Recht den Tod verdienen; aber sie tun es nicht allein, sondern haben auch Gefallen an denen, die es tun.“ (Röm 1,32)

Folgen des Geburtenrückgangs: Evangelikale Revolution oder NeoFeministische Menschenparks?

Einer der besten Artikel zum Thema Geburtenrückgang den ich dieses Jahr gelesen habe erschien am 11.03.2005 in der FAZ und stammt aus der Feder des renomierten Sozialwissenschaftlers Stanley Kurtz von der Universität Stanford. Es geht schlicht und ergreifend um Hypothesen über gesellschaftliche Megatrends, die aus dem ständigen Geburtenrückgang in den klassischen Industrienationen ableiten lassen. Ein Megatrend lautet: Grossflächiges Wiedererwachen des christlichen Glaubens ein anderer Megatrend lautet Neue Allianz zwischen Feminismus und Gentechnik mit der Entwicklung einer künstlichen Gebärmutter. Dieser Artikel ist eine echte Anregung zum Nachdenken!
Mit freundlichen Grüssen
wanderprediger

Demographie und Krieg der Kulturen
Werden die Uhren der Moderne zurückgedreht ? Der weltweite Bevölkerungsrückgang könnte zu einer Renaissance des Konservativismus führen /Von Stanley Kurtz
Die sich dramatisch verändernde demographische Lage ist in ihren kulturellen Auswirkungen noch nicht erfaßt worden . Sie wird einerseits zu einer Neubewertung des Alters führen , andererseits aber aus schierer ökonomischer Notwendigkeit eine neue Sicht auf Familie und Elternschaft erzwingen . Der Sozialwissenschaftler Stanley Kurtz , der an der Hoover Institution der Universität Stanford arbeitet , entwirft verschiedene Szenarien für die künftige Entwicklung# : Es könnte zu einer weltweiten Renaissance traditioneller Werte des Familienlebens kommen und damit auch zu einer Rücknahme emanzipatorischer Errungenschaften der Moderne . Angesichts der wachsenden technischen Möglichkeiten künstlicher Reproduktion ist aber auch denkbar , daß uns Veränderungen bevorstehen , die wir bislang nur aus Science-fiction kannten : Gerade Feministinnen könnten zu Befürwortern einer künstlichen Züchtung von Kindern werden , um die Frauen vom Zwang zur Reproduktion zu entlasten .

Der langsame, anscheinend unaufhaltsame Zerfall traditioneller sozialer Strukturen, und ganz besonders der Familie, ist eine Entwicklung, an die wir uns mittlerweile gewöhnt haben, die aber auf einen grundlegenden Widerspruch in der modernen Gesellschaft verweist. In den industrialisierten Ländern sinkt die Geburtenrate seit mehr als dreißig Jahren, und die Auswirkungen zeichnen sich erst jetzt allmählich ab. Bevölkerungswachstum stimuliert die Wirtschaft, trägt den Wohlfahrtsstaat und prägt die moderne Kultur. Ein Bevölkerungsrückgang könnte die Dynamik der Modernisierung sehr wohl in Frage stellen.
Werfen wir zunächst einen Blick auf die demographischen Verhältnisse. Seit 1972 sind die Geburtenziffern weltweit um die Hälfte zurückgegangen. Damit die Bevölkerungszahl einer modernen Nation auf dem gleichen Stand bleibt, muß jede Frau im Laufe ihres Lebens durchschnittlich 2,1 Kinder zur Welt bringen. Keine einzige industrialisierte Nation weist eine Geburtenrate von 2 ,1 auf – in den meisten Ländern liegt diese Zahl deutlich darunter. Aufgrund dieses Bevölkerungsrückgangs werden die Gesellschaften überall in beispielloser Weise altern. Auch die gestiegene Lebenswartung trägt zu einer Überalterung der Weltbevölkerung bei. 1900 betrug die Lebenserwartung in Amerika 47 Jahre, heute sind es 76 Jahre. Im Jahr 2050 wird jeder fünfte Amerikaner über 65 Jahre alt sein, die amerikanische Bevölkerung wird deutlich älter sein als die heutige Bevölkerung Floridas. So bemerkenswert diese demographischen Zahlen auch sein mögen, für Italien oder Japan sehen die Prognosen noch ungünstiger aus. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden im Jahr 2050 42 Prozent aller Italiener und Japaner 60 Jahre oder älter sein.
Kurzum, der Westen verzeichnet deutliche demographische Veränderungen – mit tiefgreifenden kulturellen Konsequenzen. In früheren Zeiten waren alte Menschen immer nur ein kleiner Teil der Gesellschaft, die Hauptsorge galt dem Nachwuchs. Nun werden die Kinder eine kleine Minderheit sein, und die Versorgung der Alten wird im Vordergrund stehen – immer unterstellt, daß Gesellschaften, in denen die Alten einen Anteil von zwanzig, dreißig, ja vierzig Prozent und mehr ausmachen, überlebensfähig sind. Doch das ist keineswegs klar.
Bei einem Bevölkerungsrückgang verringert sich auch der Anteil potentieller Mütter in jeder Generation. Doch selbst, wenn irgendwann eine Frauengeneration herangewachsen ist, deren Geburtenziffer über derjenigen ihrer Mütter liegt, wäre die Dynamik des Bevölkerungsrückgangs nicht sofort aufgehoben. Auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen würden das verhindern. Zur Versorgung der wachsenden Zahl alter Menschen müßten die Berufstätigen immer höhere Steuern zahlen. Diese jungen Leute könnten sich also noch weniger Kinder leisten als heute, die künftigen Generationen würden noch weiter schrumpfen.
Wenn die Geburtenraten weltweit das Niveau erreichen, das heute in den entwickelten Ländern üblich ist (und das scheint tatsächlich der Trend zu sein), könnte es sein, daß in wenigen Jahrhunderten auf der ganzen Welt weniger Menschen leben als heute in Amerika. Natürlich ist nicht zu erwarten, daß die Menschheit sich nicht mehr fortpflanzen und irgendwann nicht mehr existieren wird. Entscheidend ist jedoch, daß diese Entwicklung sich nur dann umkehren läßt, wenn es zu einer deutlichen Steigerung der Geburtenziffern kommt. Und jeder Ansatz dazu wird tiefgreifende kulturelle Veränderungen notwendig machen.
Warum führt das moderne Leben zu niedrigen Geburtenziffern und all diesen Konsequenzen? Ein Faktor ist die Urbanisierung. In traditionellen bäuerlichen Gesellschaften werden Kinder schon früh zur Arbeit herangezogen. Sie erben Land, dessen Ertrag in die Versorgung der Eltern fließt. In modernen urbanen Gesellschaften bedeuten Kinder dagegen enorme Kosten, die den Eltern immer seltener in Form von Vermögen oder Altersversorgung zurückerstattet werden. In einer wachstumsorientierten Konsumgesellschaft haben potentielle Eltern die Möglichkeit, sich für Kinder oder aber für mehr Konsumgüter und Dienstleistungen für sich selbst zu entscheiden.
Ein zweiter Faktor ist die Berufstätigkeit von Frauen, die durch den technologischen Wandel begünstigt wird. In einer modernen, wissenorientierten Wirtschaft sind Frauen nicht mehr körperlich benachteiligt. Ihre Arbeitsfähigkeit hängt von der Verfügbarkeit moderner Verhütungsmittel ab, die (neben Abtreibungen) eine effektive Geburtenregelung ermöglichen. Das ganze Ausmaß der weltweit rapide sinkenden Geburtenziffern impliziert, daß Empfängnisverhütung eine notwendige Voraussetzung dieses Wandels ist. Bevor die Fruchtbarkeit durch medizinische Methoden zuverlässig gesteuert werden konnte, waren Ehe und soziale Stigmatisierung außerehelicher Geburten die wichtigsten Instrumente, mit denen eine Gesellschaft die Geburtenziffer regelte. Wirtschaftlicher Niedergang bedeutete späte Heirat und damit sinkende Fruchtbarkeit. Doch mit modernen Verhütungsmitteln kann die Fruchtbarkeit auch in der Ehe gezielt geregelt werden. Mutterschaft wird zu einer Frage der bewußten Entscheidung. Daß dann auch weniger Kinder geboren werden, zeigt die demographische Entwicklung deutlich.

Empfängnisverhütung, Abtreibung und die Berufstätigkeit von Frauen, aber auch die Abwanderung von Landbewohnern in die Städte haben zu den tiefgreifenden kulturellen Veränderungen in der postmodernen Welt geführt. Säkularismus , Individualismus und Feminismus sind Bestandteile eines sozialen Systems , das sinkende Geburtenziffern begünstigt# . Wenn die Welt angesichts dieses Bevölkerungsrückgangs nicht überlebensfähig ist , dann mögen diese kulturellen Trends ebensowenig überlebensfähig sein . Anders gesagt , wenn wir diese kulturellen Trends nicht modifizieren oder ausgleichen können , wird die Weltbevölkerung immer rascher abnehmen .
Mit den neuen demographischen Verhältnisse und deren sozialen Auswirkungen hat sich besonders Ben Wattenberg in seiner neuen Studie „Fever. How the New Demography of Depopulation Will Shape our Future“ beschäftigt. Schon 1987 schrieb Wattenberg „The Birth Death“. Es war die erste öffentliche Warnung vor einem Bevölkerungsrückgang. Doch viele nahmen Wattenbergs Botschaft nicht ernst. In einer Zeit, in der man wie selbstverständlich von einer „Bevölkerungsexplosion“ ausging, widersprachen die Aussagen des Autors allen landläufigen Auffassungen. Doch die Entwicklung hat ihm recht gegeben. Doch während Wattenberg damals noch für eine aggressive Geburtenförderung plädierte, scheint er heute kaum noch die Hoffnung zu haben, daß eine deutliche Steigerung der Geburtenrate möglich ist. Einerseits hält er es für unwahrscheinlich, daß die Weltbevölkerung einer endlosen Schrumpfung unterliegen könnte, andererseits sieht er nicht, wie eine Umkehr dieses Trends zu erreichen wäre.
Eine andere Ansicht vertritt Phillip Longman in „The Empty Cradle. How Falling Birthrates Threaten World Properity and What to Do About It“. Er glaubt, daß der Bevölkerungsrückgang aufgehalten werden kann, weiß aber, daß dafür ein grundlegender kultureller Wandel notwendig ist. Die kommende demographische Krise wird zahlreiche postmoderne Ideologien in Frage stellen . Longman ist ein säkularer Liberaler, der nach Wegen sucht, wie die Bevölkerungszahl stabilisiert werden kann, auch ohne Rückgriff auf religiöse Traditionen, die, wie er befürchtet, im Gefolge der demographischen Entwicklung wiederbelebt werden könnten.
Longman ist klar, daß die Abwärtsbewegung nicht ohne größere soziale Transformationen umgekehrt werden kann. Er zieht Parallelen zum Viktorianischen Zeitalter und anderen Epochen, in denen die Sorge vor einem Bevölkerungsrückgang, vor Dekadenz und sich auflösender sozialer Sicherheit den Familienzusammenhalt stärkte und Abtreibung und Empfängnisverhütung stigmatisiert wurden. Er weist auch darauf hin, daß die Bewegungen der sechziger Jahre (Frauenbewegung, Umweltschutz und sexuelle Revolution) durch die Sorge vor einer Bevölkerungsexplosion gestützt wurden. Wenn feststeht, daß unser wahres Problem der Bevölkerungsrückgang ist, könnte das diese Bewegungen und Haltungen schwächen. Longman befürchtet daher vor allem eine Wiederkehr des Fundamentalismus, den er grob definiert als Bewegung, die auf überkommene (religiöse und nichtreligiöse) Mythen und Legenden zurückgreift, „um moderne, liberale und kommerzielle Werte zu bekämpfen“. Anders als säkulare Modernisten haben religiöse Traditionalisten meist (relativ) große Familien. Longman befürchtet , daß der Anteil der westlichen säkularen Liberalen in der Welt mit der Zeit abnehmen wird und die Traditionalisten überall die Oberhand gewinnen . In gewissen Punkten muten seine Überlegungen aber sonderbar und übertrieben an. So wirft er amerikanische Evangelisten als vermeintliche Modernisierungsgegner in einen Topf mit Nazis, Rassisten und Islamisten. Das ist aufschlußreich als Ausdruck liberaler Voreingenommenheit, weniger ein ausgewogenes Urteil über das Verhältnis zwischen Christentum und Moderne. Und die bloße Tatsache, daß religiöse Konservative mehr Kinder haben als säkulare Liberale, bietet noch lange nicht die Gewähr, daß diese Kinder nicht von der säkularen Kultur berührt werden.
Dennoch weist Longman zu Recht darauf hin , daß der Bevölkerungsrückgang ohne tiefgreifenden kulturellen Wandel nicht aufgehalten werden kann und daß durchaus mit einer religiösen Neuorientierung zu rechnen ist . In einer Zukunft , in der sehr vielen alten Menschen relativ wenige junge Berufstätige gegenüberstehen , die mit hohen Steuern belastet sind , könnten die wichtigsten Errungenschaften postmoderner Gesellschaften in Frage gestellt werden . Manche Leute werden natürlich von einem religiösen Standpunkt aus sagen , die Menschheit habe gegen das göttliche Gebot verstoßen , fruchtbar zu sein und sich zu vermehren , und müsse nun die Konsequenzen tragen .
Aber auch ohne Katastrophenszenarien ist deutlich zu erkennen, daß das gegenwärtige demographische Dilemma zu tiefgreifenden kulturellen Veränderungen führen wird. Angenommen, im Gefolge der kommenden ökonomischen und demographischen Schwierigkeiten wird ein seriöses Geburtenförderungsprogramm, wie Longman es vorschlägt, mit Erfolg durchgeführt. Das Ergebnis müßte nicht unbedingt „Fundamentalismus“ sein, aber höchstwahrscheinlich würde es doch zu einer konservativeren Atmosphäre kommen. Prognosen einer künftigen Vorrangstellung der Demokratischen Partei gründen auf der zunehmenden demographischen Bedeutung alleinstehender Frauen. Durch späte Heiraten sinkt die Geburtenziffer, und die Gesellschaft bewegt sich nach links. Wenn man diesen Trend durch Förderung von Ehe und Elternschaft umkehrt, wird das Land eher konservativ – ob im religiösen oder nichtreligiösen Sinne.
Aber können die Motoren der Postmoderne tatsächlich auf Rückwärtsgang geschaltet werden? Immerhin bekommen die Leute nicht deswegen Kinder, weil sie glauben, daß dies der Gesellschaft nützt. Ihre Entscheidung gründet auf persönlichen Wünschen und Interessen. Werden Frauen irgendwann nicht mehr berufstätig sein wollen? Ist eine deutlich erschwerte Geburtenregelung vorstellbar? So kritisch der Bevölkerungsrückgang auch sein mag, es sieht wirklich nicht danach aus, als würden die westlichen Länder den Zugang zu empfängnisverhütenden Mitteln erheblich einschränken.

Vergessen wir aber nicht, daß die Entscheidung, ein Kind zu bekommen, irgendwann vermutlich in einer deutlich veränderten sozialen Atmosphäre getroffen wird. In traditionellen Gesellschaften haben Kinder einen hohen Stellenwert, weil sie für die Alten sorgen. In der entwickelten Welt gründet die Altersversorgung im wesentlichen auf eigenen Ersparnissen und den Leistungen des Wohlfahrtsstaates. Aber was, wenn Wirtschaft und Wohlfahrtsstaat deutlich schrumpfen? Möglicherweise werden die Menschen wieder an die Familie als Altersversorgung zurückdenken – und es könnte wieder notwendig sein, mehr Kinder in die Welt zu setzen.

Andererseits könnten wir auf die Probleme einer rasch alternden Gesellschaft mit einer Kombination aus Produktivitätssteigerung, Sozialreformen und späterem Rentenbeginn reagieren. In diesem Fall würden die Geburtenziffern weiterhin sinken, und die Weltbevölkerung würde dementsprechend abnehmen. Das Endergebnis wäre Krise oder Wandel oder lediglich ein substantieller Rückgang der Weltbevölkerung mir kaum prognostizierbaren geostrategische Auswirkungen. So oder so scheint uns ein Wandel unserer sozialen Ordnung bevorzustehen.
Die sich abzeichnende Bevölkerungsimplosion könnte demnach auch als Antwort auf Francis Fukuyamas Thesen gesehen werden. Wie Fukuyama in „Our Posthuman Future“(2002) selbst erkannte, kollidiert ein mögliches „Ende der Geschichte“ vor allem mit der Aussicht, daß die Biotechnologie eine grundlegende Veränderung der menschlichen Natur und der Gesellschaft herbeiführen könnte. In
Gestalt moderner Empfängnisverhütung ist das ja vielleicht schon eingetreten. Und das wäre erst der Anfang.
Die zersetzenden Auswirkungen der Gentechnik werden sich besonders in einer überalterten Welt zeigen . Die unmittelbare Herausforderung für die Menschheitsgeschichte ist die Aussicht , daß die Familie durch ein gentechnisches Fortpflanzungssystem ersetzt wird . Nicht die Erzeugung von Supermenschen könnte bald die wichtigste soziale Herausforderung des wissenschaftlichen Fortschritts sein , sondern die Entwicklung einer künstlichen Gebärmutter . Natürlich besteht die Gefahr, daß die Gentechnik eines Tages eine Hierarchie herbeiführt. Die Gentechniker der Zukunft werden aber eher unter dem Druck stehen, überhaupt Nachwuchs zu erzeugen. Sollte es irgendwann tatsächlich die Möglichkeit geben, „bessere“ Menschen zu konstruieren, so wird das in einer stark überalterten Welt geschehen. Der Druck, dem Bevölkerungsschwund entgegenzuwirken, wird die Gentechniker noch lange begleiten.

Wo über künstliche Gebärmütter und das Ende der Familie geredet wird, sind wir weit entfernt von konservativ-religiösen Erneuerungsbewegungen. Angesichts einer Bevölkerungskrise ist eine konservative Rückbesinnung ebenso möglich wie ein eugenischer Albtraum. Der Soziologe David Popenoe hat in seiner bahnbrechenden Untersuchung über den Zerfall der westlichen Familie („Disturbing the Nest“,1988) idealtypische Szenarien entworfen, die eine Stärkung aber auch eine weitere Zerrüttung der Familie denkbar erscheinen lassen.
Was kann den Niedergang der westlichen Kleinfamilie aufhalten ? Laut Popenoe alles , was Wohlstand , Säkularismus und Individualismus entgegenwirkt , all jenen Dingen , die zum Zerfall der Familie führten . Der wirtschaftliche Niedergang könnte die Menschen zwingen , sich wieder auf die Familie statt auf den Staat zu verlassen . Eine religiöse Erneuerung könnte zu einer Rückbesinnung auf traditionelle Werte führen . Und eine veränderte Interessenlage angesichts des sozialen Chaos könnte die Vorzüge eines extremen Individualismus in Frage stellen. Wir haben bereits gesehen, daß in einer demographisch-ökonomischen Krise alle drei Varianten möglich sind. Und was, wenn die Kleinfamilie ganz und gar verschwindet? Laut Popenoe könnte unsere zunehmende Neigung, Partnerschaft von Sexualität und Fortpflanzung zu trennen, in verstärktem Maß zu einem Ende der Kleinfamilie führen.
Besonders in Europa verwandeln sich Ehen in elterliche Partnerschaften. Und überall dort, wo Eltern gewöhnlich zusammenwohnen, geht man zum living alone together über. Unverheiratete Eltern leben „zusammen“, haben aber getrennte Wohnungen, und nur einer der beiden Partner hat ein Kind. Und natürlich stellt auch die bewußte Mutterschaft von älteren alleinstehenden Frauen eine deutliche Abkehr von der Kleinfamilie dar. Der nächste logische Schritt könnte so aussehen, daß alleinstehende Mütter ihre Kinder an eine andere Person oder Gruppe zur Aufzucht übergeben. Das wäre definitiv das Ende der Kleinfamilie.
Eine langanhaltende Wirtschaftskrise , begleitet von einem besorgniserregenden Bevölkerungsrückgang , würde die Frauenbewegung zweifellos unter Druck setzen . Es ist aber unwahrscheinlich , daß postmoderne Einstellungen zu Frauen , Arbeit und Familie ohne größere kulturelle Kämpfe einfach abgeschafft oder deutlich modifiziert werden können . In einer Welt mit rapide schwindender Bevölkerung wäre ein eugenisches Regime der logische Weg zum Schutz feministischer Ziele , und es gibt ja auch genügend Beispiele für ein Zusammengehen von Eugenik und Feminismus .
Immerhin haben Pionierinnen der Geburtenregelung zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts Feminismus und Eugenik zusammengebracht. In dem Maße, wie Geburtenregelung weithin praktiziert wurde, ging die Geburtenrate deutlich zurück – vor allem in der Oberschicht, die Zugang zu den technischen Möglichkeiten hatte. Aus Sorge über den zahlenmäßigen Rückgang der Eliten appellierte Theodore Roosevelt an die Frauen der Oberschicht, mehr Kinder zu bekommen. Selbst fortschrittliche Menschen stellten ihr Engagement für die Rechte der Frauen in Frage. Margaret Sanger plädierte für ein eugenisches Regime von erzwungener Sterilisierung und Geburtenregelung. Statt „die Gebildeten“ aufzufordern, mehr Kinder zu bekommen, sprach sie sich dafür aus, „Geisteskranke und Behinderte“ daran zu hindern, Kinder in die Welt zu setzen.
Die Frauenbewegung der sechziger Jahre stellte noch weitere Bezugspunkte zwischen Feminismus und Eugenik her. Shulamith Firestone etwa schrieb , daß Frauen erst dann wirklich frei seien , wenn sie von der Bürde der Fortpflanzung befreit seien . Heute , da Wissenschaftler daran arbeiten , Embryonen im Labor zu züchten , und Techniken entwickeln , mit deren Hilfe immer früher geborene Babys am Leben erhalten werden können , ist die Aussicht , daß es eines Tages eine funktionstüchtige künstliche Gebärmutter gibt , durchaus real . Wenn es um die Wahl geht zwischen beruflicher Gleichstellung und der sozialen Notwendigkeit, mehr Kinder zu haben, kann man sich leicht vorstellen, daß sich manche Linke für technisches Outsourcing entscheiden (also verschiedene Formen der Leihmutterschaft). In gewisser Weise wird dies ja schon praktiziert. Man denke nur an die kleine, aber wachsende Zahl von älteren Karrierefrauen, die jüngere Frauen anheuern und dafür bezahlen, daß sie Kinder für sie zur Welt bringen. Manche Frauen dürften die Eugenik als „logische“ Antwort auf den Druck zur Rückkehr zur traditionellen Familie betrachten.
Christine Rosen , die die Möglichkeiten und Auswirkungen der „Ektogenese“ untersucht hat, weist darauf hin , daß die Kritik an der menschlichen Ausbeutung , die in der Leihmutterschaft angelegt ist , tatsächlich die Entwicklung einer künstlichen Gebärmutter vorantreiben könnte . Das würde den Warencharakter des Gebärens natürlich noch verstärken – und die Eltern-Kind-Beziehung schwächen, wenn nicht völlig beseitigen. Und wenn künstliche Gebärmütter eines Tages „sicherer“ sind als die menschliche Schwangerschaft, könnten Versicherungsgesellschaften fordern, daß Kinder nicht mehr in der hergebrachten, altmodischen Weise zur Welt gebracht werden.
Mit solch düsteren Aussichten muß man sich ernsthaft auseinandersetzen. Prinzipielle Kritik an Eingriffen in die menschliche Natur reicht aber ebensowenig aus wie gefühlsmäßiger Abscheu. Selbst im berühmten Image des Konservativen, der der Geschichte ein „Halt!“ entgegenruft, steckt die Erkenntnis von der Unausweichlichkeit der Modernisierung. Tocqueville betrachtete den historischen Trend zu immer mehr Individualismus als unüberwindliche Kraft.
Bestenfalls sei ein Kompromiß zwischen Individualismus und modernen Formen von religiösen, familiären und zivilen Gemeinschaften zu erreichen. Heute sind selbst Tocquevilles Gegengewichte zu einem radikalen Individualismus verschwunden – vor allem im Bereich der Familie.
Die Ansicht, die tiefgreifenden sozialen Veränderungen der sechziger Jahre seien inzwischen unumkehrbar, ist in der Tat verlockend. Weithin verfügbare Verhütungsmöglichkeiten, Abtreibung, Berufstätigkeit von Frauen, immer weniger Eheschließungen, zunehmender Säkularismus und Individualismus – all das ist kaum noch wegzudenken. Die langfristigen Auswirkungen sind aber keineswegs klar. Selbst die große Babyboomer-Welle ist noch nicht vorbei. Irgendwann wird sich vielleicht zeigen , daß die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts nicht da Ende der Geschichte gebracht hat , sondern eine Übergangsphase zwischen der Moderne und einer neuen , langen Epoche eines Bevölkerungsrückgangs war# . Eine Kursänderung der Moderne wäre auch ohne ein komplettes ökonomisches Desaster oder eine relative Disparität in der Geburtenziffer von Fundamentalisten und Säkularisten möglich. Chronische ökonomische Probleme in einer rasch alternden Welt reichen aus. Es gibt gute Gründe, das Schicksal von älteren Babyboomern mit fragilen Familien, eingeschränkten Ersparnissen und relativ wenigen Kindern mit Sorge zu verfolgen. Eine jüngere Generation von Berufstätigen wird bald für die Versorgung dieser älteren Generation aufkommen müssen . Der ohnehin akute Mangel an Pflegepersonal wird sich noch verstärken. Der Bevölkerungsrückgang könnte den Wert von Immobilien gefährden. Und über all diese Probleme, die die demographische Entwicklung mit sich bringt, werden die Medien täglich berichten.
In einer solchen Situation könnten sich, neben einer grundsätzlichen Neuorientierung von persönlichen Interessen, neue soziale Werte herausbilden. Die Moderne selbst könnte in die Kritik geraten , während Ehe und Elternschaft wieder Respekt genießen . Eine erfolgreiche Geburtenförderung (sofern sie auf die herkömmliche Familie setzt und nicht auf Leihmutterschaft oder künstliche Gebärmutter) kann konservative Trends nur verstärken. In diesem Fall werden wir feststellen, daß es Radikale sind, die sich dem neuen geschichtlichen Trend entgegenstellen und „Halt!“ rufen.
In den kommenden Jahren werden die Menschen zwischen drei Möglichkeiten wählen können : einer partiellen Wiederherstellung traditioneller sozialer Werte , einer radikalen neuen Eugenik oder einem unaufhaltsamen Bevölkerungsrückgang . Lange Zeit wird es keine klaren Entweder-oder-Lösungen geben. In den Gesellschaften wird über den richtigen Weg gestritten werden. Manche Regionen werden sich für traditionellere Wege entscheiden , andere werden mit radikal neuen sozialen Formen experimentieren , wieder andere werden weiter schrumpfen . Und viel wird von der wirtschaftlichen Zukunft abhängen, die niemand zuverlässig vorhersagen kann. Die sozialen Innovationen der Moderne werden jedenfalls noch immer ausprobiert – und das Ergebnis ist offen.
Folgen des Geburtenrückgangs: Evangelikale Revolution oder NeoFeministische Menschenparks?