Struktur und Meinung

Die Älteren unter uns können sich vielleicht noch an Eva Herman erinnern. Sie war Journalistin und wurde aus ihrem Berufsstand ausgespuckt, weil sie die politisch falsche Meinung über Autobahnen hatte oder so ähnlich. Aber eigentlich war allen ziemlich klar, dass ihr eigentliches Vergehen ihr Versuch war, in diversen Veröffentlichungen die Rolle der Frau als Mutter zu stärken.
Der nahe liegende Vorwurf, sie sei ja selbst eine Karrierefrau, die sich nicht aufs Muttersein beschränkt habe, kam natürlich prompt und traf voll ins Schwarze. Aber dieser Vorwurf offenbarte eigentlich ein Dilemma mit weitreichenden Folgen: es ist aus strukturellen Gründen unmöglich, eine andere Position als den Feminismus in der Öffentlichkeit zu finden. Alle Frauen, die in Politik und Medien arbeiten, haben sich bereits für ein Modell entschieden, je mächtiger und einflussreicher sie sind, desto stärker kommt dieser Effekt zum Tragen. Auf diese Weise kann sich eine politische Haltung in kürzester Zeit parteiübergreifend durchsetzen, ohne, dass sie jemals diskutiert oder ernsthaft in Frage gestellt wurde.
Das psychologische Konzept, das dabei im Hintergrund arbeitet, ist der bekannte Wunsch des Menschen, kognitive Dissonanzen zu vermeiden. Also im Klartext bedeutet es, dass Menschen versuchen, Widersprüche zwischen Leben und Denken oder Gefühlen und Denken zu vermeiden. Das klingt integer, weil man im ersten Moment an die Fälle denkt, wo sich das Handeln an den Überzeugungen orientiert. Die Vermeidung kognitiver Dissonanzen ist aber in der Regel eine kognitive Vermeidung, d.h. das Denken wird an das Handeln angepasst.
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Vom Kampf um einen Begriff

Die Konferenz gegen Rassismus ist gleich am ersten Tag eskaliert und scheint allen Recht gegeben zu haben, die ihr fern blieben. Nun ist die Empörung groß und man hört in vielen Zeitungen das Seufzen „es hätte so schön werden können…“. Dabei haben weder die Befürworter einer Teilnahme noch die Boykottierenden das eigentliche Problem gesehen: wie kann es zu so derben Meinungsverschiedenheiten kommen, wenn alle einer Meinung sind, nämlich in ihrer Verurteilung des Rassismus? Auch Irans Präsident ist angetreten, um gegen Rassismus zu kämpfen, zumindest ist das sein Anspruch. Die Demonstranten machen gegen ihn Stimmung, indem sie „no racism“-Fähnchen hochhalten und alle anderen Parteien rechtfertigen ihre Teilnahme oder Absage mit ihrem ganz persönlichen Kampf gegen Rassismus und Intoleranz.
Der Grund dafür liegt natürlich in der Konturlosigkeit des Begriffs „Rassismus“. Und für den gibt es einen einfachen Grund: Es scheint zwar der gutbürgerliche linke Konsens zu sein, dass wir keine „Moral“ brauchen und schon gar keinen Gott, der diese Moral einmal einklagen wird. Aber in dieser Gebots-Phobie gibt es ein Loch, und das ist das Dritte Reich, von dem ebenfalls alle sagen, dass es so etwas nie wieder geben darf. Wenn man heute also moralisch urteilen möchte, gibt es bekanntlich kein wirkungsvolleres Mittel, als immer eine Verbindung zum Dritten Reich hinzubiegen. Dieses Verfahren kann man als „Sack-Ethik“ bezeichnen: man nimmt einen Sack, schreibt „Rassismus“ oder „Faschismus“ darauf und schlägt auf alles, was sich in diesem Sack befindet. Die Kunst besteht lediglich darin, alles in den Sack zu packen, was einem nicht gefällt. Dieses Spiel hat in Deutschland die politische Linke erfunden und Ahmadinedschad zeigt, wie leicht es zu durchschauen und zu torpedieren ist. Da der Begriff „Rassismus“ immer weiter ausgedehnt wird, nimmt er sich dieses Recht auch selbst heraus. Was sich im Anschluss an seine Rede abspielte, zeugt nicht vom Problembewusstsein um die Verwendung einer Ethik, die nur noch von politischen Launen und stimmungsvollen Begriffen lebt, sondern von dem unbeugsamen Anspruch, dass der Westen sich die Deutungshoheit über mächtige Begriffe keinesfalls aus der Hand nehmen lassen möchte und sie notfalls auch mit Gewalt zu verteidigen bereit ist. Und genau das ist besorgniserregend, weil die Sack-Ethik ein potentes Mittel für Diktaturen ist.
Ja, es ist Heuchelei, vom Kampf gegen Rassismus zu reden, wenn man eigentlich den Kampf gegen die persönlichen Feinde meint. Aber Ahmadinedschad hat diese Heuchelei nur kopiert und karikiert.

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