Si tacuisses, Taciturne…!

Der für Drogen- und Alkoholexzesse, Swinger-Partys, unqualifizierte Aussagen zum US-Wahlkampf und unappetitliche Äußerungen zum Thema Monogamie bekannte Schauspieler Til Schweiger hat in seiner Casting-Show „Mission Hollywood“ kürzlich wieder einmal einen absoluten Tiefpunkt deutscher Fernsehgeschichte markiert.

Kath.net und idea.de berichteten wie folgt über ein Berufsverbot, das über eine junge Frau aus Glaubensgründen verhängt wurde:

Die junge Schauspielerin Friederike Lohrer lehnte ein unmoralisches Angebot ab und schied vorzeitig aus „Mission Hollywood“ aus.

München (www.kath.net / idea) – Weil sie eine Sex-Szene nicht darstellen wollte, ist für eine christliche Schauspielerin der Traum von Hollywood vorerst geplatzt. Nun hofft die 27-jährige Friederike Lohrer (München) auf neue Rollen im TV-Bereich.

Die bekennende Christin war Kandidatin der Anfang August zu Ende gegangenen RTL-Talentsendung „Mission Hollywood“, zu deren Jury der Filmstar Til Schweiger gehört. Die Siegerin gewann eine Rolle in dem Hollywood-Film „Bis(s) zum Abendbrot“.

In der sechsten Folge der Sendung mussten die Kandidatinnen Sex-Szenen aus bekannten Filmen nachstellen. „Ich kann diesen Dreh nicht mit meiner Einstellung vereinbaren“, erklärte Lohrer damals unter Tränen und schied aus.
Zur Auswahl standen je eine Szene aus dem Film „Enthüllung“ mit Demi Moore und Michael Douglas und „Ein unmoralisches Angebot“ mit Demi Moore und Robert Redford. Nachdem die junge Christin nun ohne Job und eine Aussicht auf eine Karriere in Hollywood dasteht, lerne sie gerade, Gott zu vertrauen, sagte sie am 27. August gegenüber idea.

Zwar liefen derzeit Gespräche über mögliche Engagements – in „trockenen Tüchern“ sei aber noch nichts. Die Zeit bei „Mission Hollywood“ hat sich aus Sicht der 27-Jährigen trotz des vorzeitigen Ausscheidens gelohnt: „Ich konnte vielen Leuten von meinem Glauben erzählen“, sagt sie.

Auch auf der Internetseite von RTL bekennt sie: „Der Glaube ist mein Anker, meine Kraftquelle“. Lohrer stammt ursprünglich aus Kassel, wo ihr Vater Diakon beim CVJM ist. Inzwischen wohnt sie mit einer Freundin in einer Wohngemeinschaft in München.

Einem größeren Publikum wurde sie bereits durch die SAT.1-Serie „Lenßen & Partner“ bekannt, in der sie zwei Jahre lang zum festen Ensemble gehörte und dort zunächst eine Sekretärin und dann eine Ermittlerin spielte.“

Es ging also nicht etwa um das Casting zu einem Pornofilm, sondern um eine Nebenrolle in einem Streifen der “Twilight”-Serie, also einem Film, dem vonseiten fortschrittlicher Humanisten ohnehin vorgeworfen wird, er würde politisch unkorrekte und dem faschistischen Kapitalismus der Finanzmonopole dienliche Abstinenzbotschaften verbreiten.

Der Zweck der Übung war also hier offenbar nicht die Erfüllung sachgerechter Anforderungen, sondern Unterwerfung, Demütigung und Gefügigmachung, die Befriedigung voyeuristische Gelüste bzw. einem Menschen den Willen zu brechen und ihm zu signalisieren, dass er seinen Stolz und seine Würde an der Garderobe abzugeben habe.

Im deutschen Rechtssystem gibt es den Begriff der so genannten “Sittenwidrigkeit”. Das beginnt bei unzulässigen Fragen im Vorstellungsgespräch und setzt sich fort bei der so genannten Drittwirkung von Grundrechten auch in von Fremdinteressenswahrungspflicht geprägten privaten Vertragsverhältnissen wie dem Arbeitsrecht, die unter anderem Verstöße gegen Art. 1 GG (Achtung der Menschenwürde) oder die Glaubens- und Religionsfreiheit schützenden Bestimmungen verbietet.

Ein öffentlicher Aufschrei selbst ernannter Sachwalter der Arbeitnehmer? Fehlanzeige! Offenbar hat man sich daran gewöhnt, dass Schauspielerei von Alters her als „unehrenhafter Beruf“ gilt.

Wir haben dazu auch nicht viel mehr zu sagen, außer: Lieber „Planet Hollywood“ als Mission Hollywood! Und – nicht nur Freunde der Musik der 80er-Jahre werden mir zustimmen -: Lieber Til Tuesday als Til Schweiger!

Säkulare Frömmigkeit

Religionswissenschaftler haben schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass die „tagesschau“ in ihrer Intro verblüffende Analogien zu religiösen Ritualen hat. Der Gong spielt vor Versammlungen eine wichtige Rolle und ruft z.B. zum gemeinsamen Gebet, zur Meditation oder allgemein zur Zusammenkunft auf. Trompeten erheben den Geist und bereiten ihn auf die Ankunft eines Großen vor.
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„Um eine “atheistische Missionierung” ist es uns nicht bestellt“

Dieses Zitat stammt von der Homepage der Organisatoren der atheistischen Buskampagne, die in mehreren Städten Europas zu sehen war. Nach eigenen Angaben haben sie ca. 15-20 Millionen Menschen „erreicht“ (ich dachte, das wäre frommes Vokabular?). Ist die Kampagne nun eine Mission oder nicht? Da „Mission“ einen Auftraggeber voraussetzt, der die Missionare eben „sendet“, kann eine atheistische Kampagne nie eine Mission sein. Allerdings kann ein Atheist kaum jemandem Mission vorwerfen, weil er nicht an die Sendung glauben kann. Aus seiner Sicht handelt es sich bei Mission ebenfalls nur um eine Kampagne – wenn auch auf aus seiner Sicht falschen Voraussetzung. In Berlin wurde die Buswerbung der Atheisten nicht genehmigt, weil dort überhaupt keine religiöse oder weltanschauliche Werbung zugelassen werden soll. Es scheint, als würde den Atheisten niemand ihre Ablehnung der Missionierung abnehmen.
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Von der gar nicht so freien Presse

Dieser Beitrag ist eigentlich ein Unterpunkt zu dem Beitrag „Struktur und Meinung„, in dem es mir darum ging zu zeigen, wie Entwicklungen durch Strukturen gebahnt oder zumindest begünstigt werden.
Hier soll es darum gehen, welche Bahnen es in den freien Medien gibt.
Das Recht auf freie Presse ist mit gutem Grund in unserem Grundgesetz verankert und wird m.W. auch von niemandem in Frage gestellt. Die Frage ist nur: wie frei ist die freie Presse wirklich? Ich denke hier nicht an die Fälle staatlicher Übergriffe, über die sich Journalisten schnell ereifern, sondern um strukturelle Einflüsse. Hier denkt man vielleicht an die Werbung oder die schmeichlerischen Rabatte für Journalisten, durch die eine freie Berichterstattung nur mit angezogener Handbremse möglich ist, oder man denkt an die teilweise vielleicht allzu große Nähe zwischen Politikern und Journalisten. Vielleicht denkt man noch an die Abhängigkeit von den Konsumenten, die bestimmte Dinge einfach nicht wissen wollen und ein in einem gewissen Rahmen aufgeräumtes Weltbild erwarten.
Aber es gibt noch ganz andere Einflüsse, die der Berufsstand des Journalisten selbst mit sich bringt.
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Struktur und Meinung

Die Älteren unter uns können sich vielleicht noch an Eva Herman erinnern. Sie war Journalistin und wurde aus ihrem Berufsstand ausgespuckt, weil sie die politisch falsche Meinung über Autobahnen hatte oder so ähnlich. Aber eigentlich war allen ziemlich klar, dass ihr eigentliches Vergehen ihr Versuch war, in diversen Veröffentlichungen die Rolle der Frau als Mutter zu stärken.
Der nahe liegende Vorwurf, sie sei ja selbst eine Karrierefrau, die sich nicht aufs Muttersein beschränkt habe, kam natürlich prompt und traf voll ins Schwarze. Aber dieser Vorwurf offenbarte eigentlich ein Dilemma mit weitreichenden Folgen: es ist aus strukturellen Gründen unmöglich, eine andere Position als den Feminismus in der Öffentlichkeit zu finden. Alle Frauen, die in Politik und Medien arbeiten, haben sich bereits für ein Modell entschieden, je mächtiger und einflussreicher sie sind, desto stärker kommt dieser Effekt zum Tragen. Auf diese Weise kann sich eine politische Haltung in kürzester Zeit parteiübergreifend durchsetzen, ohne, dass sie jemals diskutiert oder ernsthaft in Frage gestellt wurde.
Das psychologische Konzept, das dabei im Hintergrund arbeitet, ist der bekannte Wunsch des Menschen, kognitive Dissonanzen zu vermeiden. Also im Klartext bedeutet es, dass Menschen versuchen, Widersprüche zwischen Leben und Denken oder Gefühlen und Denken zu vermeiden. Das klingt integer, weil man im ersten Moment an die Fälle denkt, wo sich das Handeln an den Überzeugungen orientiert. Die Vermeidung kognitiver Dissonanzen ist aber in der Regel eine kognitive Vermeidung, d.h. das Denken wird an das Handeln angepasst.
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Der Turmbau zu Babel

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel steht in Genesis 11. Sie taucht zwar in fast jeder größeren Kinderbibel auf, wird jenseits des 7. Lebensjahres aber weder von Christen noch von Nicht-Christen viel beachtet . Dabei berichtet die Geschichte von einer hochinteressanten Phase, einer sehr frühen menschlichen Gesellschaft. Die Situation, in der sich die Menschen befanden, war überaus heikel:
Die Gruppe wuchs und begann, unübersichtlich zu werden. Vermutlich bildete sich schon auf einer sehr frühen Stufe so etwas wie Lokalpatriotismus, die Leute aus der Sippe X konnten die aus der Sippe Y nicht leiden, die Bauern hatten Vorbehalte gegenüber den Handwerkern und die Viehhirten gegenüber den Ackerbauern, die Sesshaften gegenüber denen, die eigentlich lieber weiterziehen wollten…
Bis zu diesem Zeitpunkt lebten alle in einer großen und immer größer werdenden Gruppe, aber nun wurde die Frage virulent, wie man den Zusammenhalt der Gemeinschaft sichern können würde. Denn, dass die Notwendigkeit bestand, haben die damaligen Oberhäupter offenbar so gesehen. Und man kann sich leicht vorstellen, welche Sorgen sie mit der Vorstellung eines Auseinanderbrechens der Gemeinschaft verbanden: wenn die Sippen nicht mehr zusammen halten würden, wären sie in kürzester Zeit befeindet. Diese Erfahrung dürften sie zu diesem Zeitpunkt schon gemacht haben. Die Menschen befanden sich außerhalb der Gemeinschaft im rechtsfreien Raum und ahnten wohl instinktiv, dass sie einander zum Wolf werden würden – zumindest außerhalb des Rudels.

Woher kam dieses ängstliche Zusammenglucken? „Der Turmbau zu Babel“ weiterlesen

Was ist Toleranz?

Politisch verwässerten Begriffen nähert man sich am Besten im Ausschlussverfahren: Von der Wortbedeutung muss es sich um eine Art von „Gewährenlassen“ oder „Erdulden“ handeln, aber wir sprechen nicht von Toleranz, wenn jemand gemobbt wird. Er erduldet zwar möglicherweise viel, aber er erduldet es nicht freiwillig. Tolerant ist auch nicht derjenige, der Unrecht geschehen lässt, in das er eingreifen müsste. Ein toleranter Mensch ist zwar einerseits irgendeiner Form von Wissen um gut und schlecht verhaftet – wer nichts schlecht findet, kann auch nichts tolerieren – und doch scheint es eine Form des Duldens zu geben, die dem Guten nicht widerspricht.
Gibt es solche Fälle? Im Alltag kennen wir sie recht häufig: z.B. wenn Nachbarn duldsam sind gegenüber einem kläffenden Hund oder plärrenden Kindern oder Grillgerüchen. Es ist eine ganz einfach Form der Duldsamkeit, die ohne großes Pathos daher kommt. An diesen Beispielen kann man sehen, was wir an dieser Form der Duldsamkeit loben, wenn wir sie als „tolerant“ qualifizieren: es ist ein tolerieren, mit dem man niemandem schadet und mit bescheidenen Mitteln den Frieden sichert.
Nun werden aber einige psychologisch vorbelastete Menschen gleich einwenden, dass es aber auch sein kann, dass dieses scheinbar so tolerante Verhalten ja einfach eine Form von Feigheit sein kann. Vielleicht sind die toleranten Nachbarn ja, wenn sie abends alleine am Küchentisch sitzen und unter sich über den kläffenden Hund und die plärrenden Kinder reden, eher ein Muster für Engstirnigkeit als für Toleranz.
„Was ist Toleranz?“ weiterlesen

Technik und Politik

Die technische Entwicklung beeinflusst unser Gehirn, sie prägt unseren Alltag, sie lässt Berufe sterben und aufblühen. Aber bisher wurde m.W. (ich lasse mich gerne eines Besseren belehren) wenig über ihren Einfluss auf die Politik nachgedacht.
Welche Auswirkungen hat es auf eine politische Kultur, wenn geistige Arbeit von elektronischen Helfern erledigt wird? Denn darum geht es ja: alles, was wir heute an Beispielen für moderne technische Entwicklung anführen würden, wären Beispiele, in denen es darum geht, das Gehirn zu entlasten. Elektronik entlastet unser Gehirn als Speicher, es entlastet uns von Recherchen, die Suchmaschinen für uns erledigen. Es entlastet uns vor unangenehmen Gedanken, indem wir Musik hören, gegen virtuelle Gegner spielen, oder Filme sehen – und zwar jederzeit und überall.
Spätestens, seit es mp3-Player gibt, muss niemand mehr Langeweile ertragen oder sich mit schweren Gedanken plagen, wenn er nicht will.

Welche Entwicklung wir durchgemacht haben, kann man am besten erkennen, wenn man sich die Aufmerksamkeitsspanne früherer Zuhörer vor Augen führt:
„Technik und Politik“ weiterlesen

Abschaffung der Geschichte

Nicht nur Individuen sondern auch Gesellschaften basteln sich ihre Geschichte zurecht, d.h. ganz so einfach geht das natürlich nicht, denn Geschichte ist zwar immer konstruiert aber nicht völlig frei gestaltbar. Sie tun dies, weil sie ihre Gefühle und ihr Handeln an dem ausrichten, was sie für ihr Erfahrungswissen halten. Wer Menschen kontrollieren will, muss daher ihre Geschichte kontrollieren oder, weil das immer nur begrenzt möglich ist, am besten ihre Bedeutung herunterspielen. Aber wie sollte so etwas in einem freien Land möglich sein? Mit Erfahrungen aus der Vergangenheit zu argumentieren, gehört so selbstverständlich zum Argumentieren im privaten wie öffentlichen oder wissenschaftlichen Rahmen dazu, dass man es doch nicht einfach beenden kann.
Tatsächlich ist dies nicht durch Gewalt möglich, wohl aber durch die Aufwertung kurzlebiger Informationen. In Aldous Huxleys „Schöner neuer Welt“ gilt die Beschäftigung mit Geschichte und überhaupt der Vergangenheit als politisch unkorrekt und wird mit deutlichem Naserümpfen und Tadeln bedacht. Die Menschen werden nicht gewaltsam davon abgehalten, in der Vergangenheit zu leben (wozu schon das Lesen von Büchern gehört), sondern sie werden im vergnüglichen Moment festgehalten. Ihr Leben besteht nicht aus Strafen sondern aus Genuss. Sie empfinden Freiheit und wirken auf den Leser wie Marionetten in einem gruseligen Theater, das nicht von ihnen mitgestaltet wird. Und Genuss ist ein billiges Mittel. Huxley nennt die Genussmittel, für die sie ihre politische und wirtschaftliche Freiheit verkaufen:
„Je mehr sich politische und wirtschaftliche Freiheit verringern, desto mehr pflegt die sexuelle Freiheit sich kompensatorisch auszuweiten. Und der Diktator ([…]) wird gut daran tun, diese Freiheit zu fördern. In Verbindung mit der Freiheit des Tagträumens unter dem Einfluß von Rauschmitteln, Filmen und Rundfunk wird die sexuelle Freiheit dazu beitragen, seine Untertanen mit der Sklaverei, die ihr Los ist, auszusöhnen.“ (S.19)
Sexuelle Freiheit kostet einen Gesetzgeber nichts, ebensowenig wie die Unterhaltungselektronik oder Rauschmittel. Diese Freiheiten werden leicht zugebilligt und verschaffen den Menschen ausreichend angenehme Gefühle, um ihre Unfreiheit zu ertragen.
Huxley hätte sich nicht träumen lassen, welche Formen diese Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten annehmen sollte. Im Zeitalter des Internet kann fast jeder in seiner gesamten Freizeit seinen Tagträumen nachhängen.
In einer Gesellschaft, die sich an kurzlebige Informationen gewöhnt hat, die kaum länger als für den gegenwärtigen Moment von Bedeutung sind, spielen auch Bücher keine Rolle, die mehr als Unterhaltungswert besitzen. Buchreligionen sind naturgemäß verpönt. Moderne Religionen und Weltanschauungen verlegen sich daher mehr auf das Bereitstellen und Konsumieren von Tageszeitungen (sofern der Leserkreis stark genug ist) oder Wochen- und Monatsmagazinen. Am Wichtigsten aber ist natürlich ihre Präsenz im Internet. Kaum eine Kirche, die nicht glaubt daran arbeiten zu müssen, wie sie die Menschen „von heute“ erreichen kann (als wären es andere Menschen als vor 2000 Jahren).
Auf diese Weise wird verhindert, dass die Leser sich der Zähigkeit eines alten Erfahrungsschatzes hingeben. Wer herrschen will, muss die Menschen muss sie aus dieser Zähflüssigkeit der Geschichte herausziehen um sie in einem dünnflüssigeren Medium leichter lenken zu können. Das kann er dadurch erreichen, indem er ihnen immer wieder vermittelt, Wissen sei kurzlebig und überhaupt sei alles in einem schnellen Wandel begriffen. Das bringt seine Untertanen dazu, sich aus purer Unruhe mit an sich völlig nutzlosen Informationen zu beschäftigen solange sie aktuell sind und die wichtigen Fragen zu ignorieren oder vor sich selbst als hochgeistiges Hobby abzutun. Wer sich an diese Rezeptionskultur gewöhnt hat, wird es als ganz normal betrachten, Monat für Monat größere Beträge für seine Tageszeitung auszugeben, und sich gleichzeitig über die hohen Preise von Fachliteratur zu ärgern. Er wird sich voller Stolz vielleicht sogar als „Informations-Junkie“ bezeichnen, ohne zu merken, dass er sich in keinem einzigen Thema wirklich gut auskennt. Den typischen gebildeten und selbstbewussten Bürger stellt er sich zeitunglesend vor. Dieses Bild könnte in den nächsten Jahren durch das Bild des engagiert recherchierenden Internetnutzers abgelöst werden.

Dieses Empfinden wird durch die Lektüre der Zeitungen oder den Konsum von Nachrichtenmagazinen noch verstärkt, denn man umgibt sich dort mit Menschen, die ihre eigene Berichterstattung als höchst bedeutungsvoll empfinden und offensichtlich alles dafür tun, um aktuell zu sein. Und nicht selten berichten sie ja auch über große Würfe in der Wissenschaft und bedienen dann gerne das Gefühl, an die ganz großen Fragen der Menschheit heranzugehen, die man scheinbar nicht beantworten kann, wenn man nicht das tagesaktuelle Geschehen verfolgt. Im Leser wird so stillschweigend die Vorstellung gezüchtet, Nachrichtenmagazine und Zeitungen seien eine Hilfe, um sich in der Welt zu orientieren.

Leider trügt dieses Gefühl, denn tatsächlich wird der Konsument mit fragmentarischem Halbwissen abgespeist, das in so chaotischer Folge auf ihn einstürmt, dass es nicht verarbeitet werden kann sondern kaum mehr als ein intellektueller Kitzel ist, der einen Schein der Intellektualität liefert aber die Gedanken verkümmern lässt. Darüber hinaus sind die meisten Nachrichten, die in den Medien als letzter Schrei hochgejubelt werden, in der Regel in der Wissenschaft ein alter Hut, über den man sich selbst mit alten Lehrbüchern besser informieren kann. Zusammenhänge sind politisch konstruiert und lediglich auf die Tagespolitik zugeschnitten. Die Geschichte benötigt man nur als Lieferantin der nötigen Anekdoten, um den politischen Kurs zu veranschaulichen.

Aber, wird vielleicht jemand einwenden, ist diese Entwicklung denn so schlecht? Zeigt sie nicht, dass wir in einer lebendigen sich schnell entwickelnden Gesellschaft leben? Und was ist denn schlecht daran, wenn die Menschen den Augenblick genießen?

Zur ersten Frage kann man nüchtern feststellen, dass unsere Gesellschaft überhaupt nicht lebendig und schnell entwickelnd ist. Ich halte dies ja gerade für eins der Gerüchte, mit denen die Menschen in Angst und hektischer Sorge gehalten werden. Falsch ist daran erstens, dass sich „etwas“ entwickelt, wo sich nur Menschen entwickeln und frei darüber entscheiden können sollten, ob sie an der Entwicklung teilnehmen oder nicht. Zweitens ist die Entwicklung, die es in den letzten Jahrzehnten wirklich gab, keineswegs überraschend sondern war schon längst angelegt und hat sich auf vorhersagbaren Bahnen bewegt – natürlich nicht, wenn man nur Massenmedien konsumiert. Die Entwicklung ist lediglich eine Ausbreitung der Ideen, die mit der 68er-Generation hochgekocht wurden aber natürlich damals schon nicht mehr ganz neu waren. Es gab weder große Überraschungen noch hing sie nennenswert mit technischen oder wissenschaftlichen Fortschritten zusammen. Es lief eben so, wie es auch zu erwarten gewesen wäre, wenn eine Gruppe planmäßig die Gesellschaft nach ihrem Bild verändern möchte. Also: es gibt keine Entwicklung, sondern eine bewusste und für jeden einsehbare Gestaltung.

Zur Frage, ob das Vergnügen im Augenblick denn nicht positiv ist: dieses Vergnügen lebt von der Dekontextualisierung von Informationen. Es ist also ein Zustand, der hochgradig unübersehbar und deswegen von außen gestaltet wird – zumindest, solange man der Rezeptionskultur seines Umfeldes folgt. Wer sich daran gewöhnt, Informationen in unterhaltsamen Bruchstücken zu konsumieren, ist verführbar. Hierbei gibt es keinen wesentlichen Unterschied zwischen der BILD und der ZEIT – außer dass sie unterschiedliche Berufsgruppen ansprechen. Zeitungleser haben sich an das Gefühl gewöhnt man müsste sich mal intensiver mit dem Thema beschäftigen, aber leider fehlt die Zeit dazu. Und diese Gewohnheit halte ich für gefährlich, weil man sich damit arrangiert, andere für sich die Welt deuten zu lassen – aus purer Überforderung.
Eine weitere Gefahr des vermeintlich glücklichen Momentes ist neben der Verführbarkeit die Entfremdung von vielen Gefühlen, die von größeren Entwicklungen im eigenen Leben abhängig sind. Ein Mensch kann eben im Geist einen Schritt zurück treten und größere Entwicklungen überschauen, er kann auf sein ganzes Leben und darüber hinaus denken. Und dabei empfindet er eben auch entsprechende Gefühle. Beispielsweise lernt er das erhabene Gefühl kennen, einem Ehepartner ewige Treue zu schwören (und dieses Gefühl trügt nicht immer und ist nicht durch ein mögliches Scheitern der Ehe ein falsches Gefühl!). Er lernt das Glück kennen, eine Familie zu gründen und die Entwicklung seiner Kinder zu beobachten (für die Nazis war klar „Die Jugend gehört uns!“). Der Mensch kann planen, sein Umfeld langfristig zu verändern und er kann etwas von Gott erkennen und über die Zeit nach dem Tod nachdenken. Alles ist von Gefühlen der verschiedensten Art begleitet, und alle sind nicht durch billige kurzfristige Mittel zu erzeugen.

Für eine Diktatur (die keineswegs immer eine Alleinherrschaft einer Einzelperson sein muss) ist es daher wichtig, den Menschen aus den Bezügen von Geschichte im Großen und im Privaten zu entkoppeln, denn nur so erhält er einen hilflosen und dummen Untertan. In Huxleys „Schöner neuer Welt“ lernen die Menschen den Satz „Wenn der Einzelne fühlt, wird das Ganze unterwühlt“ (S.102). Mutter- und Vaterschaft werden mit einem Brechreiz konditioniert und Beschäftigung mit dem Vergangenen wie gesagt als etwas Anstößiges hingestellt.
Die angenehmen Gefühle sind also nicht das Problem, sondern der Anspruch, kurzfristig ein Anrecht auf sie zu haben. Denn dadurch werden von den unzähligen Erlebnissen nur die selektiert, die kurzfristig zu angenehmen Gefühlen führen.

Huxley ist es, der die moderne Welt und ihre Bedrohungen vorausgesehen hat, nicht George Orwell. Die Mechanismen, auf die er hinweist, erwiesen sich als derart wirkungsvoll, dass seine ausdrückliche Warnung nicht mehr ausreichte, um die Menschen davon abzuhalten.
So sind aus Menschen geschichtslose Wesen geworden, die ihren Lebensrythmus einer Welt angepasst haben, die es nur in ihrem Kopf und in ihren Medien gibt.

Peter Singers „Praktische Ethik“

Was der Bioethiker Peter Singer von der Universität Princeton sagt, ist bekannt. Neu war für mich lediglich die Tatsache, dass deutsche Medien ihm unkommentiert Raum für seine Ansichten geben. In diesem Fall hat er eine Entscheidung eines Ausschusses des spanischen Parlamentes kommentiert, dass „Projekt Menschenaffen“ (Great Ape Projekt) unterstützen zu wollen.
Dieses u.a. von Singer gegründete Projekt habe die Aufgabe, „unseren engsten nicht menschlichen Verwandten – den Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans -, ein Recht auf Leben, Freiheit und Schutz vor Folter zuzugestehen“.

Klingt nett, gerade wenn man bedenkt wie rührend ernsthaft diese Affen im Zoo ihre Nahrung zerlegen oder ihr soziales Gefüge pflegen. Klar, das Patriarchat müssten irgendwelche feministisch gesinnten Affen noch abschaffen und mit der Egalität unter den Mitgliedern ist es auch nich besonders weit her, aber das kann man sicher ändern. Ein bisschen schwieriger wird es vielleicht, den Schimpansen abzugewöhnen, andere Affen zu fressen (evtl. durch Blauhelmeinsätze), aber wir wissen ja: keine Rechte ohne Pflichten.

Aber im Ernst: was kann man gegen den Vorschlag haben, zumindest Menschenaffen „ein Recht auf Leben, Freiheit und Schutz vor Folter zuzugestehen“? Es wird sich zeigen: sehr viel!
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