Technik und Politik

Die technische Entwicklung beeinflusst unser Gehirn, sie prägt unseren Alltag, sie lässt Berufe sterben und aufblühen. Aber bisher wurde m.W. (ich lasse mich gerne eines Besseren belehren) wenig über ihren Einfluss auf die Politik nachgedacht.
Welche Auswirkungen hat es auf eine politische Kultur, wenn geistige Arbeit von elektronischen Helfern erledigt wird? Denn darum geht es ja: alles, was wir heute an Beispielen für moderne technische Entwicklung anführen würden, wären Beispiele, in denen es darum geht, das Gehirn zu entlasten. Elektronik entlastet unser Gehirn als Speicher, es entlastet uns von Recherchen, die Suchmaschinen für uns erledigen. Es entlastet uns vor unangenehmen Gedanken, indem wir Musik hören, gegen virtuelle Gegner spielen, oder Filme sehen – und zwar jederzeit und überall.
Spätestens, seit es mp3-Player gibt, muss niemand mehr Langeweile ertragen oder sich mit schweren Gedanken plagen, wenn er nicht will.

Welche Entwicklung wir durchgemacht haben, kann man am besten erkennen, wenn man sich die Aufmerksamkeitsspanne früherer Zuhörer vor Augen führt:
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Die Mäuseorgel

Monty Python-Fans kennen natürlich längst dieses legendäre Instrument: Ein russischer Kleinkünstler betritt die Bühne eines Varietes o.ä. und bringt ein Instrument mit, dass nicht viel mehr als ein länglicher bemalter Kasten ist. Darin befinden sich in kleinen Fächern Mäuse, deren Schwänze alle auf der Seite des Künstlers heraushängen. Ein Ton entsteht, wenn der Künstler mit einem großen Holzhammer auf einen der Schwänze klopft, worauf das entsprechende Tier kurz aufquietscht. Wenn man mit ein wenig Geschick die richtigen Mäuse in die richtige Reihenfolge bringt, kann man auf diese Weise leidlich eine Melodie spielen.
Das war natürlich nur ein (sehr britischer) Scherz. Aber ich musste in der letzten Zeit öfter an diese Mäuseorgel denken. Nach meiner Beobachtung handelt es sich dabei nämlich um ein völlig unterschätztes politisches Instrument. Ich möchte das einmal an ein paar Beispielen verdeutlichen:
Will eine Partei etwas gegen Kopftücher sagen, dann verwendet sie dazu am besten eine Vorzeige-Muslima, die zum richtigen Zeitpunkt alle Muslima auffordert, ihre Kopftücher abzulegen. Gibt es ein Problem mit Christen, dann quieken sofort die „Christen bei den Grünen“ auf und versichern, dass sie absolut kein Problem mit dem Vorgehen ihrer Partei hätten.
In Zukunft werden wir uns an diese Mäuseorgel gewöhnen müssen. Dann hören wir vermutlich noch von den „Arbeitnehmern in der FDP“, die den Lohnabschluss für zu hoch halten, von „Umweltschützern in dem Konzern XY“, die Heidelandschaften aus biologischer Sicht für entbehrlich halten und von den „Kozernchefs bei der LINKEN“, die vehement für die Erhöhung der Erbschaftssteuer eintreten. Wer die Kunst beherrscht, alle wichtigen Töne aus seiner gutsortierten Mäuseorgel hervorzulocken, hat die besten Chancen zu gewinnen. Derzeit sind die Grünen auf diesem Instrument allerdings unschlagbar.
Ob sich die Deutschen mit so einer Diskussionskultur auf Dauer zufrieden geben, wird sich zeigen. Der russische Kleinkünstler von Monty Python wurd übrigens von dem empörten Publikum verjagt.

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