christliches Bauchaufschneiden?

In einer „Dokumentation“ über „christlichen Fundamentalismus“ wurde gezeigt, wie Christen Kindern böse Geister austreiben und ihnen zu diesem Zeck u.a. den Bauch aufschnitten.

www.cineastentreff.de/forum/kino-news-3667.html

Damit sollte vermutlich gezeigt werden, dass es in jeder Religion Extreme gibt. Aber ist Bauchaufschneiden wirklich extrem christlich?

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: nein, auch hier handelt es sich selbstverständlich um keine christliche Praxis, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach um ein heidnisches Ritual, bei dem der Sitz der Geister im Bauch vermutet wird. Der Bauch ist ja in magischen Kulturen hoch gefährdet, weil hier der Hafen für alle verbotenen und schädlichen Speisen ist, die man möglicherweise unwissentlich isst. Es waren daher wohl auch nicht zufällig Christen afrikanischer Herkunft, bei denen der Ritus vollzogen wird.
Einem ähnlichen Gedanken folgt möglicherweise auch das Verbrennen bestimmter Kräuter auf dem (unbetäubten) Bauch eines Kranken in der tibetischen Medizin.

Wieso Arte auf dieser Grundlage vor dem Christentum und nicht – beispielsweise – vor den Naturreligionen oder der tibetischen Medizin warnt, weiß nur Arte.

Und dabei gibt es Grund genug, vor dem Einfluss heidnischer Naturreligionen in Europa zu warnen. Ein großer Teil dieser Religionen besteht nicht darin, um eine Eiche zu tanzen, sondern beispielsweise im Tragen von Amuletten, die vor bösen Geistern schützen, um Vorsichtsmaßnahmen gegen Schadenszauber (z.B. darf man auf keinen Fall seine Haare irgendwo herumliegen lassen! Böse Falle!), um magische Handlungen zur Verbesserungen der Fruchtbarkeit von Feldern und Frauen und um abenteuerliche medizinische Eingriffe.

Und viele dieser Bräuche sind schlichtweg brutal. In vielen Initiationsriten fließt Blut, Frauen werden Monate und Jahrelang eingesperrt und Menschen sterben durch die Flüche der Schamanen.
Dazu kommt die Angst vor der ständigen Präsenz irgendwelcher übellauniger Geister. Die oftmals sehr bunten und schönen Feiern dürfen über diese Seite nicht hinwegtäuschen.

Und wir sollten nicht glauben, dass die Aufklärung Europa vor diesen Einflüssen schützen könnte. Vor kurzem habe ich in einem großen seriösen Buchladen in unserer Stadt in Einrichtungsbüchern gestöbert. Ich war nicht auf der Suche nach Tipps, sondern wollte sehen, wieviel Aberglaube bereits in der Einrichtung steckt. Das Ergebnis: ziemlich viel. Und netterweise wurde man auch darauf aufmersam gemacht, dass es bei der Einrichtung nach Feng Shui-Kriterien im Haus anfangen kann zu spuken – bei Leuten, die eigentlich gar nicht an Geister glauben. Dagegen helfe, so der Ratgeber für Inneneinrichtungen in einem großen seriösen deutschen Buchladen: ein Hausaltar, auf dem man diesen Geistern regelmäßig Opfer bringe, um diese zu versöhnen.

Ich gehe davon aus, dass Autor, Verleger und die meisten Leser den durchschnittlichen Unglauben der Aufklärung in der Schule gelernt haben und nun auf einmal mit heruntergelassenen Hosen dastehen, weil sie sich zwar eloquent über Geisterglaube lustig machen können, und ihnen dann völlig hilflos gegenüber stehen. Und wenn ich mir ansehe, welche Blüten die Angst vor Geistern in anderen Kulturen treibt, bin ich mir fast sicher, dass es auch in Europa nicht bei kleinen Hausaltären bleiben wird.

Es ist nicht die Aufklärung, sondern das Christentum, das hier schützt. Denn Geister haben – wie schon gesagt – Angst vor dem Namen Jesu und sind offenbar heilfroh, wenn sie von ihm nicht in die Unterwelt, sondern in Schweine geschickt werden (Lk 8,26ff).

Es ist also allerhöchste Zeit, dass unsere Gemeinden sich verstärkt Gedanken darüber machen, wie sie den Kontakt zu Kirchen in anderen Kulturen halten und dort die Lehre verbessern, und sich hier in Europa nicht länger von dem Aufklärungs-Geseiber die Augen verkleistern lassen: die Menschen erliegen hier bei uns reihenweise dem Aberglauben. Und es gibt gute Gründe davor zu warnen und zu zeigen, dass Jesus auch Herr ist über die Geister.

Christlicher Hexenwahn?

Die Hexenverfolgungen gegen das Christentum ins Feld zu führen, dürften zu dem gesicherten Grundbestand unserer Kultur gehören. Wer gebildet ist, ist a) kein Christ und sollte es b) mindestens mit den Hexenverfolgungen begründen können.

Nun bin ich jederzeit bereit zuzugeben, dass Christen viel Mist gemacht haben. Die Frage ist nur, ob es christlicher Mist war.
Die Hexenverfolgung beispielsweise diente vor allem der Abwehr von Schadenszauber. Die Menschen hatten eine heillose Furcht vor den Flüchen der vermeintlichen Hexen.

Der Witz ist nur: es gibt im Christentum überhaupt keinen Schadenszauber. Man kann hier geradezu von einem Kuriosum des Christentums sprechen, denn das ganze Heidentum ist tatsächlich voller Praktiken, die helfen sollen, den Schadenszauber zu vermeiden oder zu bekämpfen. Jeder, der sich auch nur ein bisschen mit Religionswissenschaft auskennt, wird hierin ein verbreitetes Motiv in fast allen Kulturen wiederentdecken.
Aber im Christentum gilt: ein unverdienter Fluch trifft nicht ein (Sprüche 26,2). Die Begegnungen Jesu mit den gefährlichen Dämonen zeigen, dass für Christen das Thema gegessen ist. Dämonen haben nämlich eine Höllenangst vor Jesus!

Nun stellen sich allerdings zwei Fragen: 1. Wieso kam es dann zu den Hexenverfolgungen? 2. Wieso hat die Katholische Kirche hier so begeistert mitgemacht?

Zu 1: Allgemein war die Zeit des 16. und 17. Jahrhunderts eine Zeit, die von den Umbrüchen der Reformation geprägt war. In dem Vakuum, das durch die Streitereien zwischen Katholiken und Evangelischen Christen entstand, wandten viele Menschen sich wieder verstärkt den alten Formen des Aberglaubens zu, die von der Katholischen Kirche immer nur mühsam unterdrückt wurden – nicht selten zu dem Preis, dass die Kirche den Aberglauben einfach übernahm. Durch den Zerfall ihres Machtmonopols, blühte der Aberglaube wieder auf. Der Brockhaus von 1969 nennt hier konkret: „altheidnische Sagenerinnerungen (Wetterhexe, Giftmischerin), orientalische-hellenistische Literaturtraditionen (Liebeszauber, Teufelsbuhlschaft) und zeitgenössische Phantasien“, die im europäischen Hexenwahn zusammenflossen.

Zu 2: In der Bevölkerung haben sowohl katholische als auch evangelische Männer und Frauen Hexen verfolgt. Hierbei muss man aber die Begriffe mit Vorsicht verwenden, weil die Zugehörigkeit zu einer Konfession damals vom Wohnort abhing. Interessanter ist das Vorgehen der Kirchen. Und hier galt die Hexenverfolgung tatsächlich als ein typisch katholisches Phänomen, das von evangelischen Theologen oft kritisiert wurde. Dieser Umstand wird heute gerne verschleiert, um den Eindruck zu erwecken, es handele sich um ein typisch christliches Phänomen.

Dass es in gewisser Hinsicht typisch für die Katholische Kirche war, liegt möglicherweise an ihrer traditionellen Praxis, Aberglauben lieber zu übernehmen, und ihm so den eigenen Stempel aufdrücken zu können. Im Falle der Hexenverfolgung war das noch nicht einmal besonders abwegig, denn es gibt Bibelstellen, durch die eine Hexenverfolgung bis zu einem gewissen Grade gedeckt werden: (z.B. 2.Mose 22,17; 5. Mose 18,10 hier werden übrigens die grausamen Praktiken des heidnischen Umfeldes angedeutet, in denen auch das Verbrennen bei lebendigem Leib dazu gehörte).

Offenbar war es für manche Theologen schwierig, dieses Gebot von den ganzen heidnischen Einflüssen und folkloristischen Phantasien zu trennen. Denn allein aus diesen Geboten hätte sich weder ein Hexenwahn noch eine Hexenverfolgung im bekannten Ausmaß ergeben können:
Der Hexenwahn macht keinen Sinn, wenn es keinen Grund gibt, sich vor Hexen zu fürchten. Die Hexenverfolgungen machen nur Sinn, wenn der Straftatbestand der Hexerei durch Zeugen belegt ist. Das entspräche dem alttestamentlichen Vorgehen. Die Bibel kennt keine Verhöre unter Folter, keine Zaubertricks in der Rechtsprechung, magischen Prüfungen und auch keine Verbrennungen als Todesstrafe!
Also alle Bestandteile, die aus einer ethischen Regel einer Religion ein Massaker machten, waren heidnischen Ursprungs.
Den Christen die Hexenverfolgung anzulasten ist so absurd wie der denkbare Vorwurf (vielleich späterer Generationen), die Christen hätten die Homosexualität gefördert. Klar gibt es Christen, die immer alles mitmachen und das Ergebnis dann möglicherweise sogar theologisch begründen und vielleicht sogar aktiver für ihre Sache eintreten als ihre Mitstreiter. Aber dass die Unterstützung der Homosexuellen eine typisch christliche Leistung ist, wird wohl niemand ernsthaft behaupten wollen – unabhängig davon, wie man zu dem Thema steht.

Es ist eine Ironie der europäischen Geschichte, dass sich die Menschen gerade diesen heidnischen Einflüssen wieder mit Begeisterung zuwenden – und damit auch über kurz oder lang der Angst vor bösen Geistern, vor denen das Christentum die westliche Welt befreit hat.

Und es ist naiv, sich auch nur über die heidnische Angst zu ereifern, während man gleichzeitig bereit ist, seinen Wohlstand durch den Tod der eigenen Kinder zu erkaufen…

Der Verweis auf die Hexenverfolgung kommt mir daher nicht besonders ehrlich vor und dient möglicherweise eher politischen als ethischen Motiven. Irgendwie fällt mir dazu dieses Zitat ein:
„Der größte Volksschaden sind unsere Pfarrer beider Konfessionen. […] [Hitler führt hier das erste Beispiel zur Begründung seiner berüchtigten „Verordnung gegen Volksschädlinge“ aus; Anmerkungen MW]
Es wird der Augenblick kommen, da ich mit ihnen abrechne ohne langes Federlesen. Ich werde über juristische Zwirnsfäden in solchen Zeiten nicht stolpern. Da entscheiden nur Zweckmäßigkeitsvorstellungen. Ich bin überzeugt, in zehn Jahren wird das ganz anders aussehen. Denn um die grundsätzliche Lösung kommen wir nicht herum. Glaubt man, dass es notwendig ist, die menschliche Gesellschaft auf einer Sache aufzubauen, die man als Unwahrheit erkannt hat, so ist die Gesellschaft gar nicht erhaltenswert. Glaubt man, dass die Wahrheit genügend Fundament sein kann, dann verpflichtet einen das Gewissen, für die Wahrheit einzutreten und die Unwahrheit auszurotten.
Jedes Jahrhundert, das sich mit dieser Kulturschande weiterhin belastet, wird von der Zukunft gar nicht mehr verstanden werden. Wie der Hexenwahn beseitigt werden musste, so muss auch dieser Rest beseitig werden!“ (Adolf Hitler, Tischgespräche in der Wolfsschanze, 8.2.1942)

Hitler hat Legende vom christlichen Hexenwahn verwendet, um gegen das Christentum mobil zu machen.