Die Entstehung des modernen Opfer-Begriffes

Wer heute ein Opfer ist, möchte das auch bleiben. Niemand gibt freiwillig den Status des Opfers auf. Opfersein, bedeutet „Macht haben“. Wer kein Opfer ist, versinkt in die politische Bedeutungslosigkeit.
Wir haben uns an diese Tatsachen gewöhnt, aber wenn wir uns darüber Gedanken machen, werden sie fragwürdig. Und die erste Frage, die sich dabei stellt ist: wie konnte sich dieser auf den ersten Blick bizarre Opferbegriff entwickeln?

Die Anregung zu dem Thema erhielt ich durch ein „Bulletin“ des Institutes für Jugend und Gesellschaft, das unter dem Thema „Moderne Opferrhetorik“ stand.

Am meisten faszinierte mich ein Auszug aus dem Buch „Ich sah den Satan vom Himmel fallen“ von Rene Girard, der zuletzt an der Stanford Universität als Professor für französische Sprache, Literatur und Kultur tätig war.
„Die Entstehung des modernen Opfer-Begriffes“ weiterlesen

Erbsünde und privates Glück

Die Erbsünde dürfte zu den unsympathischsten Lehren des Christentums gehören. In Gemeinden würde man ihr zwar kaum widersprechen, aber sie wird auch selten gepredigt. Und doch wäre ihr Verlust groß – für die Kirche wie für die Gesellschaft, aber dazu später mehr…
Die Erbsünde ist eine echte Sünde, d.h. es geht um wirkliche Schuld. Aber, und das ist das Anstößige, es ist eine Schuld, die man erbt. Man wird also nicht durch die erste bewusste Sünde schuldig, sondern die erste bewusste Sünde ist bereits eine Folge der geerbten sündigen Natur des Menschen. Die Schuld ist also mit dem Wesen des Menschen aufs Engste verwoben und nicht erst Folge eines persönlichen Pechs oder schlechter Prägung. Jeder Mensch bringt die Schuld schon mit auf die Welt.
Das Gegenmodell ist die Vorstellung vom „an sich“ guten Menschen. D.h. schuldig wird der Mensch erst durch eine bewusste Wahl der schlechten Handlung, und auch dann ist nicht der Mensch gut oder schlecht, sondern nur seine Taten. Da er eigentlich alles zum moralisch guten Leben mit auf die Welt gebracht hat, liegt der eigentliche Grund für seine Schlechtigkeit in seiner Außenwelt.
„Erbsünde und privates Glück“ weiterlesen

erstaunliche Losungen…

Eigentlich bin ich kein Freund der sog. „Losungen„, die unter Christen so verbreitet sind. Aber ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass die Tageslosungen während des Marburger Kongresses tatsächlich goldene Äpfel auf silbernen Schalen waren:

Der Kongress fand vom 20-24.5. statt und war von extrem christenfeindlichen Parolen begleitet. Näheres auf medrum.de.

Die Losungen dieser Tage können hier durchgeblättert werden.

Ein Kampf gegen das Christentum

Konkret geht es um einen christlichen Kongress für Therapie und Seelsorge, auf dem es (wie beim Christival neben vielen anderen auch) Seminare zur Therapie Homosexueller gibt. Ein Aktionsbündnis mit prominenter politischer Unterstützung hat diesem Kongress den Kampf angesagt. Gleichzeitig stellen die Organisatoren in ihrem Flyer aber folgendes fest:
„Ein Kampf gegen das Christentum“ weiterlesen

Was können wir über das Leben nach dem Sterben wissen?

Die Antwort ist ganz einfach: Nichts. Und deshalb fallen die Antworten so unterschiedlich aus. Darauf weisen auch Atheisten gerne hin, wobei dieser Umstand keineswegs automatisch für die atheistische Vorstellung von einem Verlöschen des Geistes spricht. Wenn man keine Messdaten hat, kann man nicht einfach von dem Messwert „Null“ ausgehen. Ebenso wenig wie man aus Unwissenheit einfach behaupten kann, dass es kein fremdes Leben im Universum gibt oder keine Natur-Wirkungen, die man noch nicht kennt. Die Vorstellung von keinem Leben nach dem Tod ist also mitnichten naturwissenschaftlicher als jede andere, sondern muss in die Reihe der vielen Jenseitshoffnungen gestellt werden – von denen sie dem Buddhismus und seinem Sehnen nach dem endgültigen Verlöschen, nicht unähnlich ist.

Wieso kann ein Christ trotz der Vielzahl sich widersprechender Jenseitshoffnungen an die Auferstehung der Toten glauben?

Weil uns mit dem Neuen Testament Berichte von verschiedenen Autoren vorliegen, die uns von einem Menschen berichten, der von den Toten auferstanden ist. Und nein, es gibt keine diversen anderen Berichte, und es war auch damals nicht üblich, dass die Menschen alles geglaubt haben und die Literatur voll ist von ähnlichen Berichten. Wer dies behauptet, mag sich gerne mal auf die Suche machen.
Die Berichte sind nicht nur von mehreren Zeugen aufgeschrieben worden, sondern sie brachten ihren Autoren auch keinen Nutzen – wenn man nicht an die Auferstehung der Toten glaubt. Außer Johannes ist kein Jünger eines natürlichen Todes gestorben, sondern alle wurden verfolgt, bedroht, gesteinigt, gefoltert und schließlich getötet. Wozu hätten sie lügen sollen?

Ferner sprechen sie zu Gemeinden, unter denen es noch eine große Anzahl von Augenzeugen der Auferstehung gab. Selbst manche Nicht-Christen, die sich mit den Texten beschäftigen, sprechen verschleiernd von einer „Ostererfahrung“, ohne eine plausible Alternativerklärung für das Phänomen Urkirche anbieten zu können.

Man kann also sagen, dass die Auferstehungszeugnisse des Neuen Testamentes das sicherste Zeugnis über ein Leben nach dem Tod ermöglichen, dass überhaupt vorstellbar ist.

Wer nun nervös wird und schon überlegt, wo der Haken bei der Sache ist, sollte sich fragen, ob er dies wirklich macht, weil er so wissenschaftlich ist, oder weil er einfach jeden Gedanken vermeiden möchte, einmal vor Gott zu stehen. Wer gegen so ein Zeugnis anrennt, hat entweder sehr gute Gründe oder er hat gar keine Gründe. Er kann die Evangelien entweder ignorieren oder wird erst Frieden mit Gott finden, wenn er glaubt, dass Jesus für seine Sünden gestorben ist.
Erst dann wird der Gedanke an seine Auferstehung nicht von Angst sondern von Hoffnung bestimmt sein.

Zum Sündigen verdammt

Die Menschen wollten ihre Freiheit von Gott und wurden zu Sklaven der Sünde. Nachdem sie Gott verworfen hatten, hat Gott sie an in ihrer Bosheit dahingegeben. Erst wollten sie sündigen, dann mussten sie.

Erst wollten sie am Sonntag arbeiten, dann mussten sie. („Ich weiß, dass morgen Sonntag ist, aber ihr Kollege hat das letztes Mal trotzdem für mich gemacht!“)
Erst wollten sie vor der Ehe zusammen schlafen, dann mussten sie. („Oder willst du etwa bis zur Ehe warten?“ *lachschlapp*)
Erst wollten sie ihren Tod selbst herbeiführen, dann mussten sie. (oder welches Recht hat der teure unheilbare Patient, noch am Leben zu hängen, dessen Heiligkeit niemand mehr sieht?)
Erst wollten sie abtreiben, dann mussten sie. („Wieso habt ihr das Kind denn dann bekommen? Konnte man da nicht irgendetwas machen…?“)
Erst wollten sie ihr Leben um ihre eigene Karriere aufbauen, dann mussten sie.

Wir erleben langsam, was es bedeutet, von Gott „dahingegeben“ zu werden in die Sünde, die wir scheinbar freiwillig gewählt haben. Hier hilft keine Politik, keine menschliche Macht sondern allein das Wort Gottes, das wir predigen müssen. Nur das Wort hat die Kraft, den Verdammten wieder zu Gott zu rufen und selbst Tote zum Leben zu erwecken.

„Denn Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu predigen – nicht mit klugen Worten, damit nicht das Kreuz Christi zunichte werde.
Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft. Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.« Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.“
(1.Kor. 1,17-21)

Wie Kirchen untergehen

Kirchen sterben nicht durch Verfolgung oder weil sie von der Gesellschaft nicht gemocht werden – das ist normal-, sondern wenn sie Christus verlieren.
Michael Horton, Professor für Apologetik und Systematische Theologie am Westminster Theological Seminary (Escondido, Kalifornien), hat einen Aufsatz unter dem Titel veröffentlicht, der auf der Seite TheoBlog auszugsweise auf Deutsch übersetzt wurde.

Drei Tage der Deutschen Einheit

Bis zum kommenden Sonntag feiert Deutschland den „Tag der Deutschen Einheit“. Ich war über das Ausmaß dieses Festes erstaunt, denn man darf nicht vergessen, dass bisher noch jedes Jahr einen 3. Oktober hat und bis zum jüngsten Tag vermutlich haben wird. Das wird auf Dauer ziemlich teuer, erst recht, wenn man wie ich den Verdacht hat, dass dieser Tag noch ausgebaut werden wird.

Zunächst muss man fragen, wodurch das verblüffende Interesse entstanden sein könnte, nun den Tag der Deutschen Einheit nicht nur mit einem Feiertag sondern auch einem grandiosen finanziellen Aufwand regelrecht zu inszenieren. Sind die Politiker auf einmal dankbar für den Untergang des Kommunismus oder halten sie es jetzt für besonders dringend vor ihm zu warnen? Dafür gibt es eigentlich wenig Anzeichen. Und was ist mit dem ganzen Spot über die „blühenden Landschaften“?
Erst recht ungriffig wird dieser Feiertag durch das Motto „Kulturnation Deutschland“. Vermutlich wird es jetzt jedes Jahr ein anderes Motto geben, aber nie wird es um die ehemalige DDR oder die Wiedervereinigung gehen – davon gehe ich zumindest aus. Bei diesem Feiertag geht es also um nichts, zumindest um nichts anderes als den Staat selbst, der also jetzt jedes Jahr irgendwelche Facetten an sich feiern lässt.

Aber wieso? Soll das ein stiller Versuch sein, einen Schlussstrich zu ziehen, ohne offen über ihn zu diskutieren? Erwacht in Deutschland Vaterlandsliebe oder immerhin der Wunsch danach? Oder ist es einfach nur ein natürliches Verlangen von Politikern, die Menschen für den von ihnen gestalteten Staat zu begeistern?

Vielleicht ist es von allem ein bisschen. Aber ich vermute, dass es eigentlich noch um etwas anderes geht. Ich halte es für keinen Zufall, dass diese Entwicklung im gleichen Jahr einsetzt, in der in Deutschland auch der Einbürgerungstest eingeführt wurde. Ich halte es für Teil eines umfassenderen Versuchs, in Deutschland die Einheit der Gesellschaft durch die Verbindung von Religion und Politik zu sichern. Das klingt etwas verwegen, aber genau das steht hinter dem Konzept einer sog. „Zivilreligion“. Ich mag das Wort nicht besonders, weil es so klingt, als ginge diese von den Bürgern aus, aber das ist eben nicht unbedingt der Fall, denn zunächst bedeutet es einfach, dass das öffentliche Leben mit seinen Institutionen sakrale Weihen erfährt. Der ganze öffentliche Pomp (vorfahrende Oberklasselimousinen, Fahnen hissen, Trompeten, roter Teppich…etc…) gehört hierhin, ist in Deutschland aber aus guten Gründen nie besonders exzessiv ausgestaltet worden. Amerika hat die Einheit der Gesellschaft immer und systematisch durch ein klares Bekenntnis zum Patriotismus angestrebt. Und die ganze Amerika-Polemik der letzten Jahre darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses Modell in Deutschland langsam salonfähig zu werden scheint. Die Einführung eines Einbürgerungstestes war nur ein öffentlich diskutiertes und daher allgemein bekanntes Ergebnis dieser Überlegungen.
Ich gehe davon aus, dass wir in den nächsten Jahren noch einen weiteren Feiertag erhalten, der dann nicht Bestandteil einer deutschen sondern einer europäischen Zivilreligion ist. Vermutlich wird es nicht der „Reformationstag“ sondern eher ein „Tag der Aufklärung“ o.ä. sein für den dann allerdings ein christlicher Feiertag gestrichen wird – denn es wird auf jeden Fall eine atheistische Zivilreligion.
Das Bestreben, die Gesellschaft auf nationale Themen einzuschwören, weil man das Christentum als Grundlage einer Gesellschaft nicht erträgt, ist nicht neu. Auch die Schweiz hat zeitweise versucht, an die Stelle des Wissens über biblische Geschichten bei den Kindern Wilhelm-Tell-Kitsch zu setzen und Nation. Die Nazis wollten deutsche Märchen – vor allem in der Grimm`schen Fassung – wieder verstärkt unter den Kindern populär machen und waren neben den Kommunisten überhaupt diejenigen, die hier am konsequentesten den Plan einer Zivilreligion betrieben haben. In beiden Fällen wurde der Staat Träger und Gestalter der herrschenden Religion, der alle anderen zur Treue verpflichtet waren.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Deutschland den Tag der Deutschen Einheit als Feiertag seiner Zivilreligion gewählt hat, denn dieser Tag hängt wie kein anderer mit beiden, mit Nationalsozialismus und Kommunismus, eng zusammen. Und gerade sie sind der Grund, weshalb man in Deutschland aber auch sonst bis zum jüngsten Tag das Thema „Zivilreligion“ in der Mottenkiste lassen sollte.

Dabei haben wir allen Grund, die Einheit zu feiern. Wir können dankbar und beschämt über Gottes Gnade an unserem Land sein. Der Tag der Deutschen Einheit ist der richtige Zeitpunkt, um überall Dankgottesdienste zu feiern. Es ist ein schlechter Zeitpunkt, um die Deutschen mit Würstchenbuden und moderner Volksmusik an eine neue Selbstverliebtheit zu gewöhnen.

Was ist Entfremdung?

„Von seinen Wegen wird satt, wer abtrünnigen Herzens ist, und von dem, was in ihm ist, wird satt der gute Mann“
(Sprüche 14,14)

Es ist nicht egal, wovon man satt wird. Und gerade dann, wenn Hunger kein Problem mehr ist, leiden Menschen daran, auf die falsche Weise satt geworden zu sein.
Salomo beschreibt hier genau das, was wir heute als „Entfremdung“ bezeichnen würden: ihr Weg, also ihr Beruf und ihr ganzes Leben wird als Fremdkörper empfunden obwohl er sie eigentlich am Leben erhält.
Alle großen Ideologien haben an diesem Gefühl der Entfremdung angesetzt: der Marxismus hat die Entfremdung auf die Arbeitsverhältnisse zurückgeführt, der Nationalsozialismus auf die „jüdischen“ Lehren des Christentums und des Kommunismus, der Feminismus auf die Herrschaft des Mannes, der Muslim auf die Einflüsse des Westens und der Ökologismus auf die Herrschaft des Menschen über die Natur.

Jede Ideologie bietet natürlich auch eine passende Lösung an. Die Sehnsucht nach einer Überwindung der Fremdheit machen sich Werbung und Filmindustrie zunutze und bombardieren uns mit Vorstellungen von erfülltem Leben, dass wir entweder durch ein bestimmtes Produkt erhalten, oder wenn wir erst mal den richtigen Partner finden oder wenn wir gezwungen werden, einen neuen Beruf zu wählen, oder uns politisch engagieren oder oder…
Dabei ist allen Vorstellungen gemeinsam, dass der Mensch durch sein Umfeld in ein Leben gezwungen wird, dass ihn unter dem Gefühl der Entfremdung leiden lässt.

Der Vers aus der Weisheitsliteratur bringt einen ganz neuen Gedanken: Entfremdung hat etwas mit Gerechtigkeit zu tun, und zwar mit der eigenen!
Aber, so wird vielleicht jemand einwenden, ist nicht die Vorstellung von gut und böse der Grund dafür, dass sich Menschen entfremdet fühlen? Leiden sie nicht an dem Widerspruch, sich einem Leben verpflichtet zu fühlen, das sie eigentlich nicht wollen?

Ja, vermutlich ist das genau das Problem. Die Frage ist nun, welche Möglichkeiten man zur Lösung hat:
Entweder man hält das Gewissen für den Fremdkörper, der den Menschen von seinen eigentlichen Wünschen abhält oder man hält die Empfindungen und Sehnsüchte für den Fremdkörper, der vom eigenen Gewissen entlarvt wird.
Wenn das Gewissen der Fremdkörper ist, dann wäre das Ende der Entfremdung ein Leben, in dem wir unsere Wünsche, Sehnsüchte und Lüste ausleben könnten. Aber glaubt jemand ernsthaft, dass dieses Leben von irgendeinem Gewissen der Welt dann gutgeheißen wird? Salomo spricht ja gerade von den Schurken, die sich also nicht an gesellschaftliche Konventionen halten und dennoch nicht aus dem leben können, was in ihnen ist, weil in ihnen nur der Tod wohnt. Jeder kennt sein eigenes Herz gut genug um abschätzen zu können, ob das Leben, zu dem unser Herz uns zieht, wirklich erstrebenswert wäre.

Die Alternative ist, dass unser Gewissen unser eigenes ist und unser Handeln und Empfinden der entfremdete Teil. Dann aber wären wir als ganze Person der Fremdkörper. Denn wir empfinden doch nicht mit einem Teil von uns sondern wir selbst empfinden. Wir leiden also an dem Wissen, eben nicht gerecht zu sein, und zwar von unserem ganzen Wesen her. Wir haben nämlich das Wissen um die Fremdheit aber nichts, woran wir andocken könnten. Das ist der Grund für die ewige und ergebnislose Suche nach einer Überwindung der Entfremdung.

Aber jeder kann aus eigener Erfahrung sagen, dass die Empfindung der Fremdheit dort am geringsten ist, wo das eigene Handeln als gut und gerecht empfunden wird. Da wir keine eigene Gerechtigkeit haben, gibt es nur die Gerechtigkeit, die ein anderer uns geben kann. Und genau das ist die Botschaft des Evangeliums: Jesus Christus, der Sohn Gottes kam in die Welt um für unsere Schuld bestraft zu werden, damit wir durch seine Gerechtigkeit leben können.

„Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr selig geworden „ (Eph. 2,4f)

Was verstehen die „Grünen“ unter „Minderheitenschutz“?

Nach einem Bericht von idea hat der Erste Parlamentarische Geschäftsführer, Volker Beck, sich in einem Brief an die Kuratoriumsmitglieder des Christivals, das unter der Schirmherrschaft von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) steht, gewandt, weil der Christival-Vorsitzende Roland Werner (Marburg) Bücher geschrieben und Vorträge gehalten habe, die eine „Homosexuellenheilung“ zum Thema hätten, so Beck. Sie seien gesellschaftspolitisch „Teil einer minderheitenfeindlichen und antihomosexuellen Debatte“.

Hat da jemand was von einer Debatte gesagt? Also Debatten sind m.W. diese Dinger, wo zwei Seiten mit Argumenten ihre Ansichten verteidigen. Nur sehe ich im öffentlichen Leben nur eine Ansicht, und die kommt – eben deshalb – ganz ohne Argumente aus. Deshalb können „Mediziner und Ärzte“ vor den Folgen einer Homosexuellenheilung warnen, ohne dass jemand mal blöd nach den Untersuchungen fragt, aus denen das hervorgehen soll.

Dass bei Christen eine antihomosexuelle Haltung vorliegt, will ich mal schwer hoffen, da die Homosexualität zu den schwersten Sünden in der Bibel zählt. Aber was genau soll daran „minderheitenfeindlich“ sein? Erstens sind m.W. 1- 3 % der Gesamtbevölkerung schwul oder lesbisch, während die Evangelikalen wohl kaum auf 1 % kommen (wenn man mal die Gottesdienstbesucher einer Stadt in evangelikalen Gemeinden zusammenzählt). Zweitens ist es ja wohl kaum minderheitenfeindlich, wenn man sagt, jemand könne seine Gruppe verlassen und solle das auch tun. Genau dazu fordern Atheisten doch sogar in Bestsellerbüchern die Christen auf, ohne dass Herr Beck oder sonst jemand der Grünen damit ein Problem hätte. Wieso auch, es fällt unter die Meinungsfreiheit. Und solange Christen nicht zu Gewalt gegenüber Homosexuellen aufrufen, können sie sagen, was sie wollen.

Man kann diesen Fauxpas von Volker Beck als peinliche Entgleisung abtun, aber es geht um mehr: Mit dem „Minderheitenschutz“ haben die Grünen eine potente Ethik entwickelt, die es ihnen erlaubt, einerseits den Anschein als Hüterin der bürgerlichen Freiheiten zu wahren und gleichzeitig ihre eigene Ethik mit aller Gewalt durchzusetzen. Denn der Brief von Herrn Beck stellte das Christival mit der als verfassungsfeindlich eingestuften Organisation „Scintology“ auf eine Stufe. Eine schärfere Waffe eines Politikers gibt es nicht. Die Grünen haben sich von diesem Brief bis heute nicht distanziert.
Und wenn man den Anlass betrachtet, ein Seminar über die Möglichkeiten, von seinen homosexuellen Empfindungen loszukommen, dann ist klar: vor den ethischen Ansprüchen der Grünen schmelzen bürgerlichen Rechte wie Wachs im Feuer.

Die Grünen müssen akzeptieren, dass es nicht nur Minderheiten gibt, sondern dass sich viele dieser Minderheiten auch nicht grün sind. Das betrifft nicht nur Evangelikale und Homesexuellen-Verbände, sondern auch div. Ethnien und konkurrierende Weltanschauungen. Man kann diese Meinungsverschiedenheiten ärgerlich finden, man kann Stellung beziehen oder sie an offener Gewalt hindern, aber man kann sich nicht unter dem Mantel des Minderheitenschutzes auf eine Seite stellen und die andere Seite aus offenen Rohren beschießen. Dann wird nämlich aus dem vermeintlichen Schutz der Minderheiten ein Kampf, der nicht mehr unter Rückgriff auf Grundrechte sondern nur unter Verweis auf die eigene Ethik geführt werden kann. Hätte Herr Beck dies beherzigt, wäre statt eines kleinen Krieges tatsächlich eine Debatte entstanden, die in meinen Augen übrigens dringend überfällig ist.