Die Entstehung des modernen Opfer-Begriffes

Wer heute ein Opfer ist, möchte das auch bleiben. Niemand gibt freiwillig den Status des Opfers auf. Opfersein, bedeutet „Macht haben“. Wer kein Opfer ist, versinkt in die politische Bedeutungslosigkeit.
Wir haben uns an diese Tatsachen gewöhnt, aber wenn wir uns darüber Gedanken machen, werden sie fragwürdig. Und die erste Frage, die sich dabei stellt ist: wie konnte sich dieser auf den ersten Blick bizarre Opferbegriff entwickeln?

Die Anregung zu dem Thema erhielt ich durch ein „Bulletin“ des Institutes für Jugend und Gesellschaft, das unter dem Thema „Moderne Opferrhetorik“ stand.

Am meisten faszinierte mich ein Auszug aus dem Buch „Ich sah den Satan vom Himmel fallen“ von Rene Girard, der zuletzt an der Stanford Universität als Professor für französische Sprache, Literatur und Kultur tätig war.
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Wie Familie und Kirche die bürgerlichen Freiheiten sichern (sollten)

Familie und Kirche erscheinen vielen als eng. Die Kirche wacht über der Lebensführung ihrer Mitglieder und die Eltern über dem Leben der Kinder. Man könnte also das Gefühl haben, dass beide Institutionen eigentlich nur eine Quelle der Einschränkungen sind, die es abzuschütteln gilt. Tatsächlich sind diese Institutionen die Voraussetzungen dafür, dass der Staat einen Gang runter schalten kann. Wo es kein Verbrechen gibt, braucht man auch kein Gesetz. Erst wenn das Verbrechen auftaucht, spricht man von einer „Gesetzeslücke“. Und selbst wenn es das Gesetz gibt, muss der Staat die Kontrolle nur so weit treiben, wie es das Maß an Gesetzesübertretungen erfordert. Wenn z.B. das Betreten einer Wiese verboten ist – z.B. weil dort ein Nistgebiet einer vom aussterben bedrohten Vogelart ist – und sich alle daran halten, genügt ein einfaches Schild und niemand muss sich darum kümmern. Wenn alle paar Jahre mal ein Chaot das Gebiet betritt, wird sich daran nicht viel ändern. Wahrscheinlich genügt sogar zunächst ein Schild „Bitte nehmen Sie Rücksicht auf brütende Gänse“ o.ä., und erst später ist ein ausdrückliches Verbot nötig. Zunächst kommt man mit Bußgeldern, später wird mit Anzeigen gedroht. Wenn es häufiger vorkommt, dass Spaziergänger das Verbot missachten, wird aber irgendwann jemand nötig, der regelmäßig dort die Grenzen abgeht und gegebenenfalls Bußgelder verhängt. Je nachdem, wie reizvoll das Betreten ist, oder vielleicht, weil es zum politischen Kampfplatz wird, reicht ein einzelner Aufpasser nicht mehr aus, und man fängt an, gewaltige Zäune zu bauen, Überwachungskameras zu installieren, die Strafen zu verschärfen etc… oder das Verbot einfach von der Masse überrennen zu lassen.
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Calvinjahr 2009? Völlig uncalvinistisch!

Es ist mir schon ganz peinlich, dass ich bisher noch nichts zum Calvin-Jahr 2009 geschrieben habe.
Wie zu erwarten hat die evangelische Kirche einiges zum Calvinjahr angeboten. Es gibt Karten mit Calvin-Klischees, Calvin-Kulis (mit gelehrtem Inhalt), es wurde sogar ein Calvin-Spielfilm gedreht und auf Amazon wird man plötzlich mit Literatur über Calvin überschüttet, während man bis vor wenigen Monaten fast nichts bekam.
Zunächst einmal das Positive: seit vielen Jahren ist Calvins Standardwerk, die Institutio, wieder neu zu erwerben. Dass dieses Buch auf deutsch so lange vergriffen war, dürfte ein beredtes Zeugnis dafür sein, wie unpopulär Calvin in Deutschland ist. Um so erfreulicher, dass dieses wirkmächtige Werk wieder zu haben ist.
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Das Ende des Internets

Jede Gesellschaft bringt die Technik hervor, die sie braucht. Und ebenso kann sie die Technik auch wieder ablegen, wie einen Wintermantel. Dieser Gedanke ist schwer verdaulich in einer Kultur, die vom Mythos der ewigen Evolution allen Lebens geprägt ist. Wir haben doch eher das Bild, dass die Technik wie eine großer Turm ist, bei dem zwar jede Etage auf der darunter liegenden aufbaut, aber die Richtung immer gleich bleibt, nämlich steil nach oben.
Tatsächlich können Wissenschaften aussterben oder doch zur Bedeutungslosigkeit herabsinken. Heute wird jemand, der sich mit dem Verlauf der Gestirne auskennt, nicht mehr berühmt. In westlichen Kulturen ist die Kunst des Fährtenlesens praktisch ausgestorben. Von vielen Techniken alter Kulturen scheinen wir noch nicht einmal zu wissen, dass es sie gab, nur dass wir ihre kulturellen Leistungen nicht erklären können. Seefahrernationen haben Schifsrümpfe entwickelt, vor denen noch ein moderner Bootsbauer beeindruckt ist. Theologen konnten im Mittelalter berühmt werden, wenn sie es schafften, eine Synthese zwischen der Bibel und den berühmten antiken Autoren zu konstruieren. Heute könnten sie mit dieser Kunst kaum noch einen Kurs in einer Volkshochschule voll kriegen.
Wer sich für das Thema interessiert, wird in dem Buch „Der Untergang des Abendlandes“ noch erstaunlichere Beispiele aus der Mathematik finden. Wir haben nicht nur weiter entwickelt, sondern auch viel Wissen und viele Fertigkeiten verloren. Das muss kein Grund zum Klagen sein, aber man fängt natürlich an zu fragen, wieso unsere Gesellschaft gerade ihre Techniken entwickelt hat, und ob sie möglicherweise irgendwann aussterben.
Ich möchte das mal anhand des Internets durchspielen, eine Technik, von der man sich kaum vorstellen kann, dass eine Gesellschaft auf sie einmal verzichten wird. Es ist aber denkbar, dass es sich in wenigen Jahrzehnten zu einer reinen Datenbank entwickeln wird und Chats und Foren aussterben werden.
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Der Turmbau zu Babel

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel steht in Genesis 11. Sie taucht zwar in fast jeder größeren Kinderbibel auf, wird jenseits des 7. Lebensjahres aber weder von Christen noch von Nicht-Christen viel beachtet . Dabei berichtet die Geschichte von einer hochinteressanten Phase, einer sehr frühen menschlichen Gesellschaft. Die Situation, in der sich die Menschen befanden, war überaus heikel:
Die Gruppe wuchs und begann, unübersichtlich zu werden. Vermutlich bildete sich schon auf einer sehr frühen Stufe so etwas wie Lokalpatriotismus, die Leute aus der Sippe X konnten die aus der Sippe Y nicht leiden, die Bauern hatten Vorbehalte gegenüber den Handwerkern und die Viehhirten gegenüber den Ackerbauern, die Sesshaften gegenüber denen, die eigentlich lieber weiterziehen wollten…
Bis zu diesem Zeitpunkt lebten alle in einer großen und immer größer werdenden Gruppe, aber nun wurde die Frage virulent, wie man den Zusammenhalt der Gemeinschaft sichern können würde. Denn, dass die Notwendigkeit bestand, haben die damaligen Oberhäupter offenbar so gesehen. Und man kann sich leicht vorstellen, welche Sorgen sie mit der Vorstellung eines Auseinanderbrechens der Gemeinschaft verbanden: wenn die Sippen nicht mehr zusammen halten würden, wären sie in kürzester Zeit befeindet. Diese Erfahrung dürften sie zu diesem Zeitpunkt schon gemacht haben. Die Menschen befanden sich außerhalb der Gemeinschaft im rechtsfreien Raum und ahnten wohl instinktiv, dass sie einander zum Wolf werden würden – zumindest außerhalb des Rudels.

Woher kam dieses ängstliche Zusammenglucken? „Der Turmbau zu Babel“ weiterlesen

Was ist Toleranz?

Politisch verwässerten Begriffen nähert man sich am Besten im Ausschlussverfahren: Von der Wortbedeutung muss es sich um eine Art von „Gewährenlassen“ oder „Erdulden“ handeln, aber wir sprechen nicht von Toleranz, wenn jemand gemobbt wird. Er erduldet zwar möglicherweise viel, aber er erduldet es nicht freiwillig. Tolerant ist auch nicht derjenige, der Unrecht geschehen lässt, in das er eingreifen müsste. Ein toleranter Mensch ist zwar einerseits irgendeiner Form von Wissen um gut und schlecht verhaftet – wer nichts schlecht findet, kann auch nichts tolerieren – und doch scheint es eine Form des Duldens zu geben, die dem Guten nicht widerspricht.
Gibt es solche Fälle? Im Alltag kennen wir sie recht häufig: z.B. wenn Nachbarn duldsam sind gegenüber einem kläffenden Hund oder plärrenden Kindern oder Grillgerüchen. Es ist eine ganz einfach Form der Duldsamkeit, die ohne großes Pathos daher kommt. An diesen Beispielen kann man sehen, was wir an dieser Form der Duldsamkeit loben, wenn wir sie als „tolerant“ qualifizieren: es ist ein tolerieren, mit dem man niemandem schadet und mit bescheidenen Mitteln den Frieden sichert.
Nun werden aber einige psychologisch vorbelastete Menschen gleich einwenden, dass es aber auch sein kann, dass dieses scheinbar so tolerante Verhalten ja einfach eine Form von Feigheit sein kann. Vielleicht sind die toleranten Nachbarn ja, wenn sie abends alleine am Küchentisch sitzen und unter sich über den kläffenden Hund und die plärrenden Kinder reden, eher ein Muster für Engstirnigkeit als für Toleranz.
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Was ist ein Weltaidstag?

An einem Weltaidstag geht es um drei Ziele „Aufklärung, Schutz und Solidarität“. Dabei kann man die Botschaft viel einfacher und klarer formulieren: Es geht um freien Sex mit Kondomen. Über die Schwächen von Kondomen soll nämlich gerade nicht aufgeklärt werden. So bekennt Ann Furedi aus England auf einem Abrteibungskongress ganz offen:

„Mein Sohn“, so sagt Ann Furedi, „soll in einer Welt leben, in der er soviel Spaß mit Sex haben kann wie er will. Und wir wissen doch, dass Verhütung nicht funktioniert. Wir brauchen Abtreibungen als Sicherungssystem. Es wird mehr Abtreibungen geben, wenn mehr Frauen Spaß beim Sex haben – und das ist doch nicht schlecht“.
Und wenn die Verhütung mit Kondomen nicht sicher funktioniert, dann auch nicht der Schutz vor Geschlechtskrankheiten. Das Risiko ist nicht groß und die Ausfälle der Kondome beruhen meist auf Fehler in der Verwendung. Aber ein gewisses Risiko bleibt bestehen auf das man auch ehrlicherweise hinweisen sollte – wenn man die Aufklärung schon vollmundig als erstes Ziel eines Weltaidstages nennt.

Das dritte Ziel bestätigt leider, was Frau Furedi schon über die Sicherheit von Verhütungsmitteln allgemein sagt: es gibt sie nicht. Denn wenn man gleichzeitig die Verwendung von Kondomen jedem von riesigen Plakatwänden und von allen Seiten einschärft und gleichzeitig mit den Infizierten seine Solidarität erklärt, dann ist das ein stillschweigendes Bekenntnis, dass es in einer Gesellschaft, in der es keine eheliche Treue mehr gibt, auch trotz Kondomen selbstverständlich immer zur Verbreitung von Geschlechtskrankheiten kommen wird. Gleichzeitig will man aber das Thema „Treue“ nicht anrühren. Es werden unglaubliche Geldmengen in die AIDS-Forschung gesteckt und der unaufhaltsame Tod durch die Immunschwächekrankheit billigend in Kauf genommen, um Sex nicht an die Ehe binden zu müssen (es geht nicht um Sex, davon haben Verheiratete ohnehin mehr als Unverheiratete), sondern um die Ehe!
Es geht nicht um die Frage, ob Sex für Menschen wichtig ist, sondern ob man den Anspruch der Treue noch erträgt, Sex nur mit einen einzigen Menschen zu praktizieren. Das Thema „AIDS“ könnte so einfach vom Tisch sein. Und dabei hätten vermutlich viele derjenigen, die am Weltaidstag dem Mainstream folgen gar keine Probleme mit dem Anspruch der Treue und träumten vielleicht selbst einmal von einer lebenslangen Beziehung. Aber an diesem Tag werden sie aufgefordert, diese Träume aufzugeben, ein gewisses Ansteckungsrisiko und Abtreibung als Verhütungsergänzung billigend in Kauf zu nehmen und ihren Wunsch nach freiem Sex über alle anderen Wünsche zu stellen. Man kann daher ohne Risiko die Aufgabe eines Weltaidstages so beschreiben:
Ein Weltaidstag ist einfach das umständliche Bekenntnis einer Gesellschnaft, ihre Sexualität nicht mehr im Griff zu haben.

Homosexualität in der Bibel

In diesem Beitrag geht es um eine Besprechung einzelner Kapitel des Buchs „Streitfall Liebe“ von Valeria Hinck. Auf der Homepage von „zwischenraum“ ist dieses Buch kostenlos als Download erhältlich. Ich werde daher einzelne Kapitel kommentieren, ohne sie noch einmal zusammenzufassen. Für die Auswahl der Kapitel und in den Kapitel für bestimmte Abschnitte gibt es verschiedene Gründe, in der Regel habe ich aber Argumente übersprungen, wenn ich den Eindruck hatte, sie seien ihrerseits von anderen Argumenten abhängig, auf die ich schon eingegangen bin. Falls Sie den Eindruck haben, ich hätte doch noch etwas Wichtiges übersehen oder ich sollte doch noch ein weiteres Kapitel kommentieren, dann merken Sie das ruhig als Kommentar oder über die Kontaktseite an. Ich werde versuchen, den Punkt zu ergänzen.
Ich hoffe, dass ich das Thema „Homosexualität“ danach erst mal etwas ruhen lassen kann, weil mir einige andere Themen eigentlich mehr unter den Nägeln brennen…

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Das große theocons-Rätsel: Welcher Text stammt aus einem finsteren Zeitalter?

Text 1:

„Fick, fick, Rap, Rap. Sonny, Sonny, Black, Black. yo. hahaha!Ihr
Flitchen!Flitchen!BmW. Sonny Black! Orgasmus! Orgi! Basssultanhengzt!Hengzt!
D-Bo!Boo!yeah! Bushido!yo. Ihr seit Flitchen! Flitchen!ohh yeah!ohh yeah.yeah!
Kokain! Kokain! yeah!Hahaha. Ohh yeah!yeah!Bushido! Hip-Hop underground Bullshit.
Scheisse vom Bulle. yeah!yo.yeah BmW!yeah!ohh yeah. So macht mans glaub ich…yeah!
Ruf ma yeah! Yeah!Jo!“

(Auszug aus dem „Fick Rap“ von Bushido, Album unbekannt lt. der Homepage „nomorelyrics“)

Text 2:

„Ich meinte, daß mir nimmer
Liebres wurde, als ich da besaß.
Die Blüten fielen immer
von den Bäumen um uns nieder in das Gras.
So fröhlich war ich, daß ich lachte,
als ich traumumsponnen
schwelgte so in Wonnen.
Da ward es Tag, und ich erwachte.“

(Aus „Traumliebe“, von Walther von der Vogelweide, nach einer Übersetzung von Kurt Erich Meurer. Zitiert aus „Deutscher Minnesang“, herausgegeben von Friedrich Neumann bei Reclam)

Das Vermögen des verlorenen Sohnes

Das Gleichnis „Vom verlorenen Sohn“ (Lukas 15, 11-32) dürfte einer der bekanntesten Texte des Neuen Testamentes sein. Ich möchte hier nur auf einen Aspekt eingehen, der auch eine politische Bedeutung enthält: das Vermögen des verlorenen Sohnes. Die Geschichte kennt nicht nur die Phase, in der es dem Sohn gut ging, solange er bei seinem Vater war, und die Phase, wo es ihm in der Fremde schlecht geht, sondern sie enthält eine Phase, in der es ihm getrennt von seinem Vater sogar gut ging – und zwar unglaublich gut. Nachdem er sich sein ganzes Erbe vorzeitig auszahlen ließ und davon zog, „weg in ein fernes Land“, vergeudete er sein Vermögen, „indem er verschwenderisch lebte“. Das ist nichts, was Jesus noch umständlich ausführen müsste, weil jeder weiß, wie ein verschwenderischer Lebensstil der Reichen aussieht. Der Sohn zählte eine Zeit lang zu den reichen im Lande. Er musste nicht arbeiten, konnte großzügig sein und sich so eine angenehme und lustige Gesellschaft sichern. Er lästerte über die erniedrigende Arbeit bei seinem Vater und die vielen Regeln, die auf einem Hof einzuhalten waren. Und seine Freund hörten seine lästerlichen Reden sicher gerne und genossen seinen lockeren Umgang mit Geld. Er war für viele ein Vorbild und lockte sicher auch ärmere an, die glaubten, bei ihm neben dem Geld auch den gleichen verschwenderischen Lebensstil annehmen zu können. Er war bekannter als zuvor, genoss größeres Ansehen bei den Menschen und vor allem hatte er mehr Sex (V.30).

Aber egal wie verlockend man sich diese Phase ausmalt, sie behält für den Leser immer einen drohenden Unterton, denn jeder Mensch, der auch nur halbwegs bei Sinnen ist, weiß, dass dieser Lebensstil ein Leben aus der Reserve ist – ohne die Hoffnung, diese wieder auffüllen zu können. Und das Gleichnis nimmt dann seinen vorhersehbaren Verlauf. Und es endet – für alle, die es doch nicht kennen – sehr unvorhersehbar.

Mit dieser Phase des verschwenderischen Wohlstandes hat Jesus den Zustand eines Menschen gekennzeichnet, der sich vom Glauben lossagt und „weit weg“ von seinem himmlischen Vater leben will. Diesem Menschen wird es nicht nur eine ganze Weile gut gehen, sondern es wird ihm vielleicht eine Weile besser gehen als denen, die nicht fortgelaufen sind. Und es geht ihm auch besser als den meisten, die nie Christen waren, denn er kann den Reichtum seines Vaters mit vollen Händen verprassen. Ich habe mich gefragt: Stimmt das denn? Kann man das über Ex-Christen sagen? Womit „prassen“ sie denn?
Die Frage ist nicht von der Hand zu weisen, denn das Gleichnis hätte auch ohne diesen Reichtum funktioniert: der Sohn hätte sich doch auch ohne das Geld seines Vaters absetzen und in Armut geraten können. Was mag Jesus mit dem Geld gemeint haben?

Als Erstes musste ich an den tatsächlichen Reichtum in christlichen Kulturen denken. Durch die christliche Arbeitsmoral und das Verhältnis zur Welt, sind christliche Kulturen durchgehend reicher als nicht-christliche. Und selbst in Ländern, die sich vom Christentum abwenden, wird der Reichtum vermutlich noch ein paar Jahrzehnte vorhalten, bis er endgültig verprasst, verteilt und vernichtet ist. Ein weiteres Gut ist die Prägung eines Volkes: auch ein Mensch, der sich als Atheist betrachtet, wird nicht gleich sein von seine christliche Prägung abschütteln sondern weiter arbeiten und zu einem großen Teil auch die gleichen Werte übernehmen, die er von seiner christlichen Umgebung gelernt hat – natürlich nicht, ohne sie anders zu begründen.
Wie lange so ein Abbau dauert, kann wohl niemand vorhersagen. Aber eins ist sicher: wenn die Grundlagen des Reichtums versiegt oder verstopft sind, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Reichtum erschöpft ist. Es wäre daher töricht, Länder danach zu beurteilen, unter welchen Umständen sie ihren Reichtum leben, man muss vielmehr danach fragen, unter welchen Umständen sie reich geworden sind.

Die Beispiele bezogen sich bisher allerdings nur auf Gesellschaften und beschrieben Entwicklungen, die nicht immer auf das Schicksal eines Individuums übertragen werden können. Es gibt genug Menschen, die nach ihrer Abkehr vom Christentum weder mehr noch weniger Geld haben, die ihr Leben mehr oder weniger unverändert lassen oder sich nach ihrer Abkehr von Gott in die Gosse stürzten.
Es gibt aber noch eine dritte Deutung für den Reichtum des verlorenen Sohnes, der sich auch sicher auf den einzelnen Menschen übertragen lässt, der sich vom Christentum entfernt, und das ist der geistliche Reichtum. Jeder Christ, auch wenn er nicht gerade in einer Hoch-Phase seines Glaubens steckt, weiß um die Hoffnung auf das ewige Leben und den unglaublichen Reichtum, der in dem Wissen verborgen liegt, das David in Psalm 16,5 beschreibt, wenn er singt: „Der Herr ist mein Gut und mein Teil“. Denn wie sollte Gott uns nicht auch alles von seinen Gütern geben, die ihm gehören, für den die Erde nur der Fußschemel seiner Füße ist?
Jemand, der vor Gott flieht und diese Hoffnung geschmeckt hat, wird dies wohl oft in der Hoffnung tun, dadurch sein Leben einfach von verschiedenen Pflichten und Lasten zu befreien, aber er will den Reichtum seines Vaters mitnehmen. Und dann muss er erleben, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis bei ihm die Erkenntnis durchsickert, dass nichts davon bleibt, weil er es mit beiden Händen vergeudet hat.
Aber selbst dann kann er sich noch an seinem nach-christlichen Umfeld mitziehen lassen, und sich und andere glauben machen, dass er keine Angst vor dem Tod habe und natürlich keine Angst vor Gott haben müsse.
Doch auch wenn der geistliche Reichtum einer ganzen Gesellschaft langsamer abgebaut wird als im Leben des Einzelnen, wird er auch hier und vielleicht sogar um so gründlicher abgebaut. Zur Zeit leben wir noch in einer Phase, in der die Menschen mit nicht-christlichen Überzeugungen und heidnischen Religionen eher spielen. D.h. sie übernehmen bestimmte Kulte in dem Wissen, jederzeit wieder in ihr altes bürgerliches, nach-christliches Leben zurückkehren zu können. Noch deutlicher ist die offensichtliche Übereinstimmung dieser vermeintlich alten Kulte mit der modernen political correctness, die sie eher wie am Reißbrett entworfen erscheinen lässt. Eine wirkliche Religion werden sie erst dann, wenn ihre Anhänger nicht mehr das Gefühl haben, sich einen Glauben nach ihren Vorstellungen zu entwerfen, sondern zu dem Gefühl, dem woran sie glauben, unterworfen zu sein auf die Überzeugung kommt.
Sie kaufen Bücher, in denen christliche Werte systematisch verworfen werden, ohne diese doch selbst wirklich konsequent zu verwerfen – das wäre ein zu starker Schlag gegen ihre Prägung. Aber es wird wohl die Zeit kommen, in der die Phase des Vergeudens vorbei ist. Und viele Neu-Heiden werden dann zum ersten Mal wirkliche Angst vor ihren Geistern erleben und sie werden sich an Rituale gewöhnen, die zur Besänftigung der Geister dienen sollen, vor denen ihnen jetzt noch schaudern würde. Das Gefühl, Religion müsse sich den Bedürfnissen der Menschen anpassen ist ein Wahn des Überganges, in dem gleichzeitig noch die Sicherheit des christlichen Reichtums gefühlt aber das Christentum selbst abgelehnt wird. Im Christentum gibt es keinen Grund zur Angst vor bösen Geistern, weil Christus Herr über die Geister ist. Diese Furchtlosigkeit herrscht jetzt auch noch bei denen vor, die eigentlich nicht mehr an Jesus glauben und mit dem Geisterglauben nur spielen. Aber dieses Erbe wird eines Tages eschöpft sein – bei dem einen früher, bei dem anderen später.
Und vielleicht müssen wir als Christen bis zu diesem schrecklichen Tag abwarten, weil erst dann Menschen in Europa wieder die einzige notwendige Botschaft hören wollen von dem Gott, der seinen Sohn Mensch werden ließ, um durch ihn die Sünden der Welt weg zu nehmen.