Gründe gegen den Mindestlohn

Wenn bei Umfragen viele Menschen sagen, dass Sie für einen Mindestlohn sind, dürfte das in der Regel so viel bedeuten wie „Wer arbeitet, soll auch genug zum Leben haben“ oder „Ich bin gegen Ausbeutung“. Und genau dieser Meinung bin ich auch – und bin trotzdem gegen einen Mindestlohn. Hier habe ich die für mich wichtigsten Gründe zusammen gestellt:

  1. Ein Mindestlohn ist eine Umverteilung von den einen Arbeitern, die ihren Job dadurch verlieren, zu denen, die vom Mindestlohn profitieren. Der Effekt ist stärker, je höher der Mindestlohn angesetzt ist.
  2. Aus einem Mindestlohn wird schnell ein Standardlohn, weil der Staat als Tarifpartner ein starkes moralisches Gewicht hat. Wenn das Parlament beschließt, dass man von 8,50€ gut leben kann und es sich dabei um einen fairen Lohn handelt, wird dieser Betrag gleichsam geadelt zum Standardlohn. Tatsächlich habe ich von Bekannten, die viele geschäftliche Kontakte ins Ausland pflegen, gehört, dass sie in Ländern mit Mindestlohn die Beobachtung gemacht haben, dass diese Entwicklung tatsächlich dort beobachtet werden kann.
  3. Es gibt keinen Mindestbetrag, der in allen Regionen Deutschlands einen gemeinsamen Lebensstandard sichert. Ein Mindestlohn müsste also nicht nur wieder nach Ost und West trennen, sondern nach Hamburg und München, Stadt und Land, wobei hier wiederum die Entfernung zur Stadt eine Rolle spielt.
  4. Nicht jeder zu niedrige Lohn ist wirklich zum Leben gedacht. Das klingt im ersten Moment zynisch, aber es gibt tatsächlich viele Jobs, die so attraktiv sind, dass Schüler, Studenten, aber auch Hausfrauen oder Rentner gerne ihre Freizeit damit verbringen und ein paar Euro pro Stunde als netten Nebeneffekt betrachten. Ein typisches Beispiel ist die Pflege von Pferden, die Arbeit in einer Bibliothek, auf die man sogar warten muss, nur um unbezahlt dort tätig sein zu können, aber auch kleine Aushilfsjobs vielleicht im Gewerbe des Ehepartners oder der Kinder etc. Nun wäre es natürlich blauäugig zu übersehen, dass viele dieser Jobs keineswegs nur zum Vergnügen ausgeübt werden und der Übergang zum dringenden Zubrot oft fließend ist. Die Tatsache, dass er fließend ist, rechtfertig in meinen Augen aber nicht die Tatsache, diese ganzen Berufe durch einen Mindestlohn einfach abzuschaffen. Denn die Bibliotheken erwirtschaften kein Geld und könnten sich einen Mindestlohn gar nicht leisten.
  5. Und die schlimmste Ausbeutung dürfte ohnhin in der Schwarzarbeit laufen. Und solange man die nicht kontrollieren kann, wird man dort auch keinen Mindestlohn durchsetzen können.
  6. Die Sozialhilfe ist eigentlich (in der Theorie und ebenfalls ohne regionale Unterschiede ausreichend zu berücksichtigen) ein Mindest“lohn“, d.h. niemand muss für weniger arbeiten, als er zum Leben benötigt. Dieselben Gründe, die den Staat unfähig machen, planwirtschaftliche einen Mindeststandard zu definieren, sprechen auch gegen den Mindestlohn.
  7. Die Tarifverhandlungen, die wir teilweise jetzt schon im Bundestag erleben, folgen weder den Interessen der Arbeitnehmer noch der Arbeitgeber sondern zuallererst der politischen Logik. Und die gebietet es beispielsweise, dass die Grünen immer einen höheren Mindestlohn vorschlagen müssen als die CDU und die Linke aus Prinzip noch mal draufholzen muss.
  8. Ein Mindestlohn wird letztlich auch zu einer Umverteilung von strukturschwachen zu strukturstarken Regionen bedeuten. Denn ein Arbeitsplatz in einer strukturschwachen Region erwirtschaftet weniger als in einer strukturstarken, so dass Unternehmen eher geneigt sein werden, direkt in die wirtschaftlich attraktiveren Regionen abzuwandern. Natürlich wäre es schön, wenn alle Menschen viel Geld hätten. Manchmal ist aber auch ein niedriger Lohn besser als alle Alternativen. Ein schönes Beispiel sind die Länder, in die deutsche Unternehmen ausgewandert sind, um Löhne zu sparen (was also nur sinnvoll war, solange die Löhne sehr gering waren), die jetzt aber zunehmend unattraktiv werden, weil der wirtschaftliche Aufschwung, den diese Regionen erlebten, gerade zu einem enormen Anstieg der Löhne geführt hat.

Eine bessere Alternative habe ich hier vorgestellt: Eine Alternative zum Mindestlohn.

 

Studiengebühren sind nützlich, wenn sie klug bemessen werden

Die rot-grüne Regierung in NRW möchte die Studiengebühren abschaffen. Das war ein typisches Landesthema, mit dem SPD und Grüne auch in anderen Bundesländern punkten möchten. In der Debatte wird immer der Eindruck erweckt, man ermögliche durch eine kostenlose „Bildung für alle“ besonders gute Voraussetzungen für Chancengleichheit. Aber stimmt das wirklich?

In den USA gibt es die höchsten Studiengebühren der Welt. An den Spitzenuniversitäten zahlt man hohe 5stellige Beiträge pro Semester! Trotzdem studieren gerade dort sehr viele Schwarze, und „sehr viele“ bedeutet in Relation zu ihrem Bevölkerungsanteil. Tatsächlich ist das Stipendiensystem dort so wirkungsvoll, dass man wirklich die Ärmsten Menschen aus aller Welt rekrutiert – wenn sie begabt genug sind – und so Vielfalt, Chancengleicheit und Qualität unter einen Hut bekommt. Die Universitäten in den USA sind der Ort, an dem Reichtum am wirkungsvollsten umverteilt wird, denn diejenigen, die es sich leisten können, zahlen horrende Beiträge. Wer es sich nicht leisten kann, erhält ein Stipendium – wie gesagt: Talent vorausgesetzt.
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Wer interessiert sich eigentlich für den Mittelstand?

Nach Adam Smith ist der Wohlstand des Mittelstandes das wichtigste Ziel der Politik, weil sein Wohlergehen der ganzen Gesellschaft nützt. Wer die Ober- und Unterschicht fördert, erreicht nur diese Schichten, aber es hat keinen positiven Streu-Effekt. In beiden Schichten versackt das Geld, während im Mittelstand dadurch Arbeitsplätze entstehen.
Deswegen ist es eigentlich wichtig zu fragen, welche politische Richtung sich für den Mittelstand einsetzt. Die FDP ist traditionell die Partei, die hier am Meisten zu bieten hat und der das Problem auch durchaus bewusst ist. Aber da sie gleichzeitig wirtschaftsliberal ist, kann sie der Ketten- und Konzernbildung nichts entgegensetzen und sieht achselzuckend zu, wenn kleine Geschäfte geschluckt werden.
Die Linke unterstützt denselben Prozess, weil in ihren Augen „Marktversagen“ immer dem Staatsmonopol in die Hände spielt. Der Mittelstand ist für sie nur ein lästiges Überbleibsel, eine nervende Übergangsform, die am Ende der kapitalistischen Wirtschaft ohnehin verschwunden ist. Und dem Zusammenbruch der Wirtschaft fiebert die Linke ja entgegen, weil sie darin ihre Legitimation sieht, den Staat als Allesbesitzer und -verwalter umzufunktionieren. Es wäre dämlich zu denken, es gehe ihr um die Armen. Dann hätte sie ja ein Interesse daran, Arbeitslose mit Arbeit zu versorgen. Die Politik der Linken war immer darauf ausgelegt, die Schwächen des Kapitalismus zu katalysieren und herauszustellen. Sie möchte Probleme nicht mildern sondern verschärfen. Eine verbesserte Arbeitsmarktpolitik liegt gar nicht in ihrem Interesse, weil der Weg zum Sozialismus – nach ihrem Geschichtsbild – auf diese Weise nur verzögert wird.
Der freie Markt bewegt sich aber in einzelnen Wirtschaftsbereichen auf das gleiche Ziel zu, nämlich die Konzentration auf wenige Giganten, die Großteile der Bevölkerung zu Arbeitnehmern macht. Soweit ich sehe, gibt es in Deutschland keine Partei, der ich Förderung und Schutz des Mittelstandes zutrauen kann. Ich lasse mich aber gerne eines Besseren belehren.

Calvinjahr 2009? Völlig uncalvinistisch!

Es ist mir schon ganz peinlich, dass ich bisher noch nichts zum Calvin-Jahr 2009 geschrieben habe.
Wie zu erwarten hat die evangelische Kirche einiges zum Calvinjahr angeboten. Es gibt Karten mit Calvin-Klischees, Calvin-Kulis (mit gelehrtem Inhalt), es wurde sogar ein Calvin-Spielfilm gedreht und auf Amazon wird man plötzlich mit Literatur über Calvin überschüttet, während man bis vor wenigen Monaten fast nichts bekam.
Zunächst einmal das Positive: seit vielen Jahren ist Calvins Standardwerk, die Institutio, wieder neu zu erwerben. Dass dieses Buch auf deutsch so lange vergriffen war, dürfte ein beredtes Zeugnis dafür sein, wie unpopulär Calvin in Deutschland ist. Um so erfreulicher, dass dieses wirkmächtige Werk wieder zu haben ist.
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Es ginge auch anders…

Die Grünen haben ihr Wahlprogramm verabschiedet und wenig Überraschendes zu bieten: mehr Steuern, mehr Schulden (20 Milliarden), mehr Staatsquote, mehr Staat. Und 1 Million Arbeitsplätze.
Jetzt hat die Partei „Die Linke“ nachgezogen und das Paket noch übertroffen: sie möchte gerne 100 Milliarden investieren, die Steuern noch stärker anziehen und bietet dafür 2 Million Arbeitsplätze.
Selbstverständlich enstehen ein Großteil der Arbeitsplätze bei Grünen und der Linken im öffentlichen Sektor und hängen direkt von öffentlichen Investitionen ab.
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Grundlagen einer christlichen Wirtschaftsordnung

Die Finanzkrise und die zu erwartende Rezession haben tiefgreifende Zweifel an unserer Wirtschaftsordnung geweckt – die allerdings auch nicht sehr tief geschlafen haben. Die Vorschläge sind aber alle altbekannt und bewegen sich auf einer Skala, auf der die Lenkmöglichkeiten des Staates stufenlos gesteigert oder gesenkt werden. Da unsere derzeitige soziale Marktwirtschaft sich irgendwo zwischen den Extremen bewegt, bewegen sich beide Lager zu den Extremen und fordern entweder den Sozialismus oder die völlige Freigabe des Marktes.

Aber sind das wirklich die Alternativen? Muss man sich auf dieser Skala bewegen, auf der man sich nur zwischen Elend der Armen und Diktatur entscheiden kann oder einer beliebigen Mischung aus beidem?
Der Sozialismus verhindert jedes wirtschatliche Denken sowohl bei Bürgern als auch bei der Regierung, die irgendwie alle in kürzester Zeit bettelarm sind. Und in der freien Marktwirtschaft gibt es keine effektiven Mittel gegen die Kapital-Akkumulation, die wiederum die wirtschaftlichen Freiheiten der Ärmsten empfindlich beschneidet. Denn egal was man produzieren will, es gibt immer irgendwo ein Unternehmen dafür, dass jedes Gut zu einem Bruchteil des Preises in perfekter Qualität vertreibt. Wer sich selbstständig machen will kann in der Regel nicht viel mehr als seine Arbeitskraft anbieten und die ist nicht mehr viel wert, weil alle wichtigen Güter schon billig mit wenig Personalaufwand produziert werden. Die Triebfeder der wirtschaftlichen Entwicklung sind dabei die Banken, die das nötige Kapital zu Verfügung stellen. Unsere Wirtschaft lebt davon, dass Zinsnahme akzeptiert ist, was ja bis zur Reformation in Europa nicht der Fall war. Mit dem Geld steht dem Markt daher ein Gut zu Verfügung, das theoretisch unbegrenzt vermehrt werden kann, unabhängig von der technischen Entwicklung und der Arbeitskraft der Menschen ist. Es kann ohne nennenswerte Verzögerung um den Globus wandern und das in unbegrenztem Ausmaß. Da dieses Gut aber gleichzeitig das anerkannte Tauschmittel gegenüber allen anderen Gütern ist, nimmt der ganze Markt die Eigenschaften des Geldes an: jedes noch so große Unternehmen kann auf der ganzen Welt gekauft werden und eine beliebig große Menge kann sich theoretisch auf eine beliebig kleine Bevölkerungsgruppe konzentrieren. Durch die Finanzwirtschaft wird das Wirtschaftsleben erst leichtflüssig. Alle Eigenschaften des freien Marktes werden auf dem Gebiet der Geldwirtschaft ins Unbegrenzte gesteigert. Wenn es in der Wirtschaft gilt, dass derjenige mit dem höheren Kapital auch bessere Verkaufschancen hat, dann gilt das für das Geld im engeren Sinn noch mehr. Hier besteht ja die ganze Leistung in nichts anderem als darin, Geld zu besitzen. Je mehr man hat, desto mehr kann man damit verdienen (wenn man davon ausgeht, dass so Einflüsse wie Talent und Glück in der Bevölkerung einigermaßen nach dem Zufallsprinzip verteilt sind). Und zwar nicht nur beliebig viel sondern auch fast beliebig schnell – je mehr desto schneller. Das Ganze funktioniert naturgemäß nur eine zeitlang, wie man sich an einer einfachen Rechnung veranschaulichen kann, auf die mich ein Freund gestoßen hat: stellen wir uns vor, ein Vorfahre von uns hätte zu Lebzeiten Jesu einen Cent auf sein Sparbuch gezahlt und dort mit 2,5% verzinst. Was könnten wir dann heute erben? Mehrere Tausend €? Nein. Die korrekte Zahl lautet: 28.036.951.059.598.430.000,00 € (nach 2000 Jahren Laufzeit). Das ist ein Vielfaches des gesamten auf der Welt verfügbaren Geldvolumens. Es ist völlig offensichtlich, dass Zinsnahme daher nur für kurze Laufzeiten funktioniert und die Realität den Finanzmarkt in regelmäßigen Abständen in Form von Inflationen, Revolutionen, Kriegen und Währungsreformen einholen muss. Man darf sich über so etwas nicht wundern.

Als ich diese Zahl gehört habe, habe ich zum ersten Mal verstanden, wie klug es von Gott war, Zinsnahme zu verbieten… Mit diesem viel belächelten Mittel hat er nicht nur die Ausbeutung der Armen verhindert sondern auch dem Markt eine potente Schranke verpasst. Außerdem verbot er den Israeliten, ihren Grundbesitz zu verkaufen, der am Anfang gleichmäßig an die Sippen aufgeteilt wurde. Auf diese Weise hat er verhindert, dass eben jenes Gut, von dem es eben nur eine begrenzte Menge gibt – nämlich den Boden – , sich in den Händen weniger anhäuft (dass dies dann doch geschah, lag daran, weil sich offenbar viele nicht an dieses Verbot gehalten haben). Selbst der dümmste und faulste Mensch hatte so immerhin noch ein Grundkapital, dass ihm bei dem nötigen Fleiß ähnliche Verdienstchancen ermöglichte wie allen anderen.

Mit dieser Gesellschaftsordnung ist nicht der Staat der Lenker des wirtschaftlichen Geschehens sondern jeder Einzelne bzw. jede Familie. Durch die einfachen und überwachbaren Sanktionen, dass kein Grundstück verkauft werden und keine Zinsen erhoben werden dürfen, wird wirtschaftliches Arbeiten ermöglicht ohne die Gefahr einer unbegrenzten Kapitalakkumulation. Statt einer Revolution bräuchte man dann nur eine „Flurbereinigung“ wie sich in der Landwirtschaft ohnehin in regelmäßigen Abständen und unter viel Gezank nötig ist. Alles Land würde unter den Familien aufgeteilt. Damit es aber nicht zu einer Aufteilung des Landes käme, die wieder die Lebensbedingungen innerhalb von wenigen Generationen vernichten, müsste man den Erbbesitz auf ein Kind (im AT der älteste Sohn) beschränken, das dafür für seine alten Eltern sorgen und seine Geschwister mit der Hälfte des Besitzes auszahlen muss.

Darüber hinaus gibt es im AT noch weitere Gesetze, die vor allem den Armen schützen sollten. Niemand sollte um sein lebesnotwendiges Kapital gebracht werden. Auf die entsprechenden Regeln will ich hier aber nicht im Einzelnen eingehen.

Die Vorstellung, dass der freie Markt sich von selbst reguliert und dabei allen den größten Nutzen bringt, ist der Evolutionstheorie entlehnt (die im gleichen Jahrhundert entwickelt wurde) und funktioniert weder in der Theorie noch in der Praxis. Denn so wie die Evolutionstheorie kalt einfach mit dem Tod der meisten Tiere rechnet, so rechnet der Markt mit dem Untergang der Ärmsten.

Man liest wieder Marx

Zeitweise war „das Kapital“ von Karl Marx seit der Finanzkrise vergriffen. Die Marxisten freuts und wir fragen uns: was erkennt man daran?
Interessieren sich die Deutschen jetzt auf einmal für volkswirtschaftliche Zusammenhänge? Dann gäbe es sicher Bücher, die ihnen hier besser weiter helfen könnten. Nein, die ernüchternde Antwort ist wohl eher, dass sich hier ein urdeutscher Reflex zeigt, der alle Hilfe vom Staat erwartet. Dieser Reflex funktioniert flächendeckend, schichtenübergreifend, altersunabhängig und unter dem Wohlwollen praktisch aller deutscher Medien.
Ich habe ja schon an anderer Stelle etwas darüber gelästert, dass ein Staat, der selbst kein Geld besitzt, den Finanzmarkt retten möchte. Besonders bizarr ist dieses ungebrochene Vertrauen aber wenn man bedenkt, dass gerade der deutsche Staat die seltene Leistung vollbracht hat, in einem einzigen Jahrhundert gleich zweimal bankrott zu gehen: nämlich 1923 und 1948 (Quelle: Wikipedia). Der marxistische Teil Deutschlands war dann in den 80er Jahren noch ein drittes Mal und nach nur etwa 40 jährigem Bestehen zahlungsunfähig. Woher kommt also das ungebrochene Vertrauen der Deutschen? Oder ist er doch nicht auf Deutschland beschränkt?

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Die Bankenkrise und die Stunde der unerhörten Propheten

Ich habe die Bankenkrise nur aus dem letzten Augenwinkel verfolgt aber bisher wenig Überraschendes gehört. Vermutlich sehen alle darin ihre üblichen Verdächtigungen bestätigt: Soziologie-Studenten und Journalisten sehen darin die Folge des freien Marktes, Feministinnen halten es vermutlich für ein Problem, das typischerweise durch Männer verursacht wird, Muslime sehen darin wahrscheinlich eine weiteren Beweis für den korrupten Westen, Christen sehen vielleicht das Ende der Zeit kommen oder verweisen auf den Werteverfall in unserer Gesellschaft, psychologisch interessierte Zeitgenossen könnten die Ursachen in der Kindheit der Bankdirektoren vermuten und es für das Problem einer ganzen Generation halten und vermutlich können auch manche Volkswirte zeigen, dass der Crash in einem wirklich freien Markt nicht hätte stattfinden können.
Kurz: alle dürften sich z.Zt. bestätigt fühlen.

Geht man die einzelnen Erklärungen durch und streicht alle heraus, die keine Chande auf allgemeine Akzeptanz hat, dann bleibt in Deutschland nur der Ansatz der Soziologie-Studenten und Journalisten. Die These, dass Aufsichtsräte unmoralisch handeln, erhält immerhin den Trostpreis, dass man darüber spricht, denn Top-Manager und Bankdirektoren sind die einzigen Menschen in Deutschland über deren Moral man sich Gedanken machen darf, ohne dass es prüde wirkt. Ohne, dass ich also etwas von Volkswirtschaft verstehe, kann ich also mit Sicherheit sagen, dass der Vorschlag, den freien Markt für die Banken einzuschränken sich in Deutschland durchsetzen wird. Das heißt nicht, dass die anderen Meinungen nicht alle gesagt werden könnten, aber die Frage, welcher Ansatz am besten trifft, ist für das Ergebnis unerheblich, solange die Stimmung in der Bevölkerung nur einen zulässt. Die Menschen bringen dem Staat als letzter Zuflucht ein unglaubliches Vertrauen entgegen.
Dabei habe selbst ich mehr Geld als der Staat 🙂 (wenn man die Staatsschulden mitberücksichtigt). Der Staat kann also nicht mit Geld für irgendetwas garantieren sondern nur mit dem Geld, das er von Banken leihen kann. Wenn Banken aber kein Geld zu verleihen haben, oder ihnen irgendwann dämmert, dass sie ihr Geld, dass sie dem Staat leihen, natürlich nie wiedersehen werden, kann der Staat nur den Bankrott erklären, so wie es in Island um ein Haar passiert wäre.
Wenn man dem Staat mehr Eingriffsmöglichkeiten zubilligt, müsste man davon ausgehen, dass der Staat etwas vom Wirtschaften versteht oder dass er moralischer ist. Die Banken haben m.W. alle Kontrollorgane des Aufsichtsrates. Aber wenn die nutzlos werden, ist das auch mit jeder staatlichen Aufsicht so.
Trotzdem werden jetzt vermutlich unzählige hochbezahlte Stellen geschaffen, über die eine weiter Kontrollinstanz eingerichtet wird und alle werden das Gefühl haben, jetzt eine wirklich vernünftige Entscheidung getroffen zu haben. Beim nächsten Kollaps kann man ja das Ganze wiederholen.
Aber wie weit soll man eigentlich das Misstrauen institutionalisieren? Wenn eine Gesellschaft immer skrupellos wird (gilt nicht nur für Wirtschafts-Bosse, auch wenn man über die bequem klagen kann), gibt es auch niemanden mehr, der hier sinnvoll die anderen kontrollieren kann. Was auf der einen Seite Eitelkeit und Gier bewirken, schafft auf der anderen die Korruptheit. Staatliche Aufsichtsbehörden sind vielleicht weniger anfällig als beispielsweise Journalisten, die ja auch in freien, wirtschaftlich arbeitenden Unternehmen arbeiten und völlig mit der Wirtschaft verwoben und von ihr abhängig sind. Aber hier geht es auch um extrem viel Geld. Und da kann es auch für einen gut bezahlten Beamten schon mal interessant werden, sich gefällig zu zeigen.
Der Satz „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ ist daher ziemlich naiv. Er klingt zwar realistisch, verschließt aber die Augen vor der Tatsache, dass jede Kontrolle, die von Menschen ausgeübt wird, einen Vertrauensvorschuss einfordert. Und ich werde nicht müde darauf hinzuweisen, das gerade die Staaten, die sich die totale Kontrolle über die Wirtschaft (und vieles mehr) zur Aufgabe gemacht haben, dieses Vertrauen bis zum Letzten verspielt haben.

Niemand wird etwas daran ändern können, dass Geld manchmal einfach verschwindet.

„Wenn du zu Tische sitzt mit einem hohen Herrn, so bedenke wohl, was du vor dir hast, und setze ein Messer an deine Kehle, wenn du gierig bist; wünsche dir nichts von seinen feinen Speisen; denn es ist trügerisches Brot. Bemühe dich nicht, reich zu werden; da spare deine Klugheit! Du richtest deine Augen auf Reichtum und er ist nicht mehr da; denn er macht sich Flügel wie ein Adler und fliegt gen Himmel.“
(Spr. 23,1-5)

Aphorismen zur Faulheit

Wer Faulheit rügt, hat heute keine Chance mehr, eine Wahl zu gewinnen. Wer klug ist, lässt sich von solchen Stimmungen nicht beirren, denn niemand rettet den Faulen aus seinem Elend.
Das Thema „Faulheit“ taucht in der Bibel vor allem im Buch der „Sprüche“ (oder „Sprichwörter“) auf und ist im Rahmen der Weisheitslehre eine Warnung – die eben weise machen soll. Hier ein paar Beispiele für zwischendurch:

„Der Faule spricht: Ein Junglöwe ist auf dem Weg, ein Löwe mitten auf den Plätzen!

Die Tür dreht sich in ihrer Angel und der Faule auf seinem Bett.

Hat der Faule seine Hand in die Schüssel gesteckt, ist es ihm zu beschwerlich, sie an seinen Mnd zurückzubringen.

Der Faule ist in seinen Augen weiser als sieben, die verständig antworten.“

(Spr. 26, 13-16)

Das Vermögen des verlorenen Sohnes

Das Gleichnis „Vom verlorenen Sohn“ (Lukas 15, 11-32) dürfte einer der bekanntesten Texte des Neuen Testamentes sein. Ich möchte hier nur auf einen Aspekt eingehen, der auch eine politische Bedeutung enthält: das Vermögen des verlorenen Sohnes. Die Geschichte kennt nicht nur die Phase, in der es dem Sohn gut ging, solange er bei seinem Vater war, und die Phase, wo es ihm in der Fremde schlecht geht, sondern sie enthält eine Phase, in der es ihm getrennt von seinem Vater sogar gut ging – und zwar unglaublich gut. Nachdem er sich sein ganzes Erbe vorzeitig auszahlen ließ und davon zog, „weg in ein fernes Land“, vergeudete er sein Vermögen, „indem er verschwenderisch lebte“. Das ist nichts, was Jesus noch umständlich ausführen müsste, weil jeder weiß, wie ein verschwenderischer Lebensstil der Reichen aussieht. Der Sohn zählte eine Zeit lang zu den reichen im Lande. Er musste nicht arbeiten, konnte großzügig sein und sich so eine angenehme und lustige Gesellschaft sichern. Er lästerte über die erniedrigende Arbeit bei seinem Vater und die vielen Regeln, die auf einem Hof einzuhalten waren. Und seine Freund hörten seine lästerlichen Reden sicher gerne und genossen seinen lockeren Umgang mit Geld. Er war für viele ein Vorbild und lockte sicher auch ärmere an, die glaubten, bei ihm neben dem Geld auch den gleichen verschwenderischen Lebensstil annehmen zu können. Er war bekannter als zuvor, genoss größeres Ansehen bei den Menschen und vor allem hatte er mehr Sex (V.30).

Aber egal wie verlockend man sich diese Phase ausmalt, sie behält für den Leser immer einen drohenden Unterton, denn jeder Mensch, der auch nur halbwegs bei Sinnen ist, weiß, dass dieser Lebensstil ein Leben aus der Reserve ist – ohne die Hoffnung, diese wieder auffüllen zu können. Und das Gleichnis nimmt dann seinen vorhersehbaren Verlauf. Und es endet – für alle, die es doch nicht kennen – sehr unvorhersehbar.

Mit dieser Phase des verschwenderischen Wohlstandes hat Jesus den Zustand eines Menschen gekennzeichnet, der sich vom Glauben lossagt und „weit weg“ von seinem himmlischen Vater leben will. Diesem Menschen wird es nicht nur eine ganze Weile gut gehen, sondern es wird ihm vielleicht eine Weile besser gehen als denen, die nicht fortgelaufen sind. Und es geht ihm auch besser als den meisten, die nie Christen waren, denn er kann den Reichtum seines Vaters mit vollen Händen verprassen. Ich habe mich gefragt: Stimmt das denn? Kann man das über Ex-Christen sagen? Womit „prassen“ sie denn?
Die Frage ist nicht von der Hand zu weisen, denn das Gleichnis hätte auch ohne diesen Reichtum funktioniert: der Sohn hätte sich doch auch ohne das Geld seines Vaters absetzen und in Armut geraten können. Was mag Jesus mit dem Geld gemeint haben?

Als Erstes musste ich an den tatsächlichen Reichtum in christlichen Kulturen denken. Durch die christliche Arbeitsmoral und das Verhältnis zur Welt, sind christliche Kulturen durchgehend reicher als nicht-christliche. Und selbst in Ländern, die sich vom Christentum abwenden, wird der Reichtum vermutlich noch ein paar Jahrzehnte vorhalten, bis er endgültig verprasst, verteilt und vernichtet ist. Ein weiteres Gut ist die Prägung eines Volkes: auch ein Mensch, der sich als Atheist betrachtet, wird nicht gleich sein von seine christliche Prägung abschütteln sondern weiter arbeiten und zu einem großen Teil auch die gleichen Werte übernehmen, die er von seiner christlichen Umgebung gelernt hat – natürlich nicht, ohne sie anders zu begründen.
Wie lange so ein Abbau dauert, kann wohl niemand vorhersagen. Aber eins ist sicher: wenn die Grundlagen des Reichtums versiegt oder verstopft sind, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Reichtum erschöpft ist. Es wäre daher töricht, Länder danach zu beurteilen, unter welchen Umständen sie ihren Reichtum leben, man muss vielmehr danach fragen, unter welchen Umständen sie reich geworden sind.

Die Beispiele bezogen sich bisher allerdings nur auf Gesellschaften und beschrieben Entwicklungen, die nicht immer auf das Schicksal eines Individuums übertragen werden können. Es gibt genug Menschen, die nach ihrer Abkehr vom Christentum weder mehr noch weniger Geld haben, die ihr Leben mehr oder weniger unverändert lassen oder sich nach ihrer Abkehr von Gott in die Gosse stürzten.
Es gibt aber noch eine dritte Deutung für den Reichtum des verlorenen Sohnes, der sich auch sicher auf den einzelnen Menschen übertragen lässt, der sich vom Christentum entfernt, und das ist der geistliche Reichtum. Jeder Christ, auch wenn er nicht gerade in einer Hoch-Phase seines Glaubens steckt, weiß um die Hoffnung auf das ewige Leben und den unglaublichen Reichtum, der in dem Wissen verborgen liegt, das David in Psalm 16,5 beschreibt, wenn er singt: „Der Herr ist mein Gut und mein Teil“. Denn wie sollte Gott uns nicht auch alles von seinen Gütern geben, die ihm gehören, für den die Erde nur der Fußschemel seiner Füße ist?
Jemand, der vor Gott flieht und diese Hoffnung geschmeckt hat, wird dies wohl oft in der Hoffnung tun, dadurch sein Leben einfach von verschiedenen Pflichten und Lasten zu befreien, aber er will den Reichtum seines Vaters mitnehmen. Und dann muss er erleben, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis bei ihm die Erkenntnis durchsickert, dass nichts davon bleibt, weil er es mit beiden Händen vergeudet hat.
Aber selbst dann kann er sich noch an seinem nach-christlichen Umfeld mitziehen lassen, und sich und andere glauben machen, dass er keine Angst vor dem Tod habe und natürlich keine Angst vor Gott haben müsse.
Doch auch wenn der geistliche Reichtum einer ganzen Gesellschaft langsamer abgebaut wird als im Leben des Einzelnen, wird er auch hier und vielleicht sogar um so gründlicher abgebaut. Zur Zeit leben wir noch in einer Phase, in der die Menschen mit nicht-christlichen Überzeugungen und heidnischen Religionen eher spielen. D.h. sie übernehmen bestimmte Kulte in dem Wissen, jederzeit wieder in ihr altes bürgerliches, nach-christliches Leben zurückkehren zu können. Noch deutlicher ist die offensichtliche Übereinstimmung dieser vermeintlich alten Kulte mit der modernen political correctness, die sie eher wie am Reißbrett entworfen erscheinen lässt. Eine wirkliche Religion werden sie erst dann, wenn ihre Anhänger nicht mehr das Gefühl haben, sich einen Glauben nach ihren Vorstellungen zu entwerfen, sondern zu dem Gefühl, dem woran sie glauben, unterworfen zu sein auf die Überzeugung kommt.
Sie kaufen Bücher, in denen christliche Werte systematisch verworfen werden, ohne diese doch selbst wirklich konsequent zu verwerfen – das wäre ein zu starker Schlag gegen ihre Prägung. Aber es wird wohl die Zeit kommen, in der die Phase des Vergeudens vorbei ist. Und viele Neu-Heiden werden dann zum ersten Mal wirkliche Angst vor ihren Geistern erleben und sie werden sich an Rituale gewöhnen, die zur Besänftigung der Geister dienen sollen, vor denen ihnen jetzt noch schaudern würde. Das Gefühl, Religion müsse sich den Bedürfnissen der Menschen anpassen ist ein Wahn des Überganges, in dem gleichzeitig noch die Sicherheit des christlichen Reichtums gefühlt aber das Christentum selbst abgelehnt wird. Im Christentum gibt es keinen Grund zur Angst vor bösen Geistern, weil Christus Herr über die Geister ist. Diese Furchtlosigkeit herrscht jetzt auch noch bei denen vor, die eigentlich nicht mehr an Jesus glauben und mit dem Geisterglauben nur spielen. Aber dieses Erbe wird eines Tages eschöpft sein – bei dem einen früher, bei dem anderen später.
Und vielleicht müssen wir als Christen bis zu diesem schrecklichen Tag abwarten, weil erst dann Menschen in Europa wieder die einzige notwendige Botschaft hören wollen von dem Gott, der seinen Sohn Mensch werden ließ, um durch ihn die Sünden der Welt weg zu nehmen.